500 Jahre Reformation Kein Funke für die Gegenwart

Das Wittenberg-Panorama gehörte zu den erfolgreichsten Veranstaltungen des Reformationsjubiläums
Das Wittenberg-Panorama gehörte zu den erfolgreichsten Veranstaltungen des Reformationsjubiläums | Foto: © asisi

„Gelungenes Experiment“ oder „grandiose Selbsttäuschung“? Die Bewertungen der Veranstaltungen zum 500. Jahrestag der Reformation fallen höchst unterschiedlich aus.

Die Besucher im 360-Grad-Panorama stecken die Köpfe zusammen und tuscheln: „Schau, da ist der Johann Tetzel und verkauft Ablassbriefe.“ „Und da drüben, ist das nicht Martin Luther, in der braunen Mönchskutte auf dem Weg zur Schlosskirche?“ Ja, so könnte es gewesen sein vor 500 Jahren, als die Reformation in Wittenberg ihren Anfang nahm: In den Gässchen drängten sich Menschen und Tiere, im Morgengrauen hörte man die Hähne krähen und vor den Toren der Stadt dröhnte das Schlachtengetümmel der heraufziehenden Bauernkriege. Viele Touristen, die dieses Jahr nach Wittenberg gekommen sind, wollten in die Aura des Vergangenen eintauchen. Yadegar Asisis Wittenberg-Panorama zog 300.000 Gäste an – so viele wie keine andere Veranstaltung im Rahmen des Reformationsjubiläums.
 
Am Reformationstag 2017, am 31. Oktober, exakt 500 Jahre, nachdem Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht hat, findet der Jubiläumsreigen seinen Höhepunkt und Abschluss. Zehn Jahre hatte sich die evangelische Kirche mit einer „Reformationsdekade“ darauf vorbereitet, die „Reformationsbotschafterin“, die bekannte Theologin Margot Käßmann tourte fünf Jahre lang durch die Welt, um für das Großereignis zu werben. In den vergangenen zwölf Monaten wurde in großen und kleinen Stadthallen, Museen und Rathäusern an das epochale Ereignis der Reformation erinnert, hunderte Kirchengemeinden haben zu Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Konzerten eingeladen. Und Bund und Länder haben in drei „nationalen“ Großausstellungen gezeigt, was aus der Reformation für die Deutschen und die Welt folgte. Der Jubiläumsmarathon hat viele Millionen Euro gekostet. Hat es sich gelohnt? Zeit für eine kleine Bilanz.

Drei nationale Sonderausstellungen

Zu den Gewinnern gehören die historischen Stätten der Reformation. Das Lutherhaus und die Schlosskirche in Wittenberg, die Wartburg in Eisenach und Luthers Geburtshaus in Eisleben wurden aufwendig restauriert und von hunderttausenden Touristen aus dem In- und Ausland besucht. Die Vergangenheit fasziniert die Menschen nach wie vor. Auch die drei nationalen Sonderausstellungen haben viele Besucher angezogen: Für „Luther und die Deutschen“ auf der Wartburg interessierten sich 215.000 Menschen, über den „Luthereffekt“ und die Verbreitung des Protestantismus in der Welt im Berliner Gropiusbau wollten sich 50.000 informieren, und die „95 Schätze – 95 Menschen“ im Wittenberger Lutherhaus schauten sich 150.000 Touristen an.
 
Doch aus der Faszination für die Geschichte sprang kein Funke für die Gegenwart über. Die Hoffnung in den Kirchenämtern, Menschen über das Jubiläum für die aktuellen Botschaften der Kirche begeistern zu können, erfüllte sich kaum. Bei den ostdeutschen „Kirchentagen auf dem Weg“ blieben viele Veranstaltungssäle leer. Auch die großangelegte, 25 Millionen Euro teure „Weltausstellung Reformation – Tore der Freiheit“ blieb hinter den ehrgeizigen Erwartungen der Veranstalter zurück. Vier Monate lang führte die Ausstellung in sieben thematischen Torräumen rund um die Wittenberger Altstadt vor, was es heute bedeutet, evangelisch zu sein. 80 Vereine, Organisationen und Landeskirchen luden zu über 2.000 Gottesdiensten, Workshops, Podiumsdiskussionen und Konzerten ein. Es ging um das Engagement für die Umwelt, den Weltfrieden und die Gerechtigkeit wie um das „Erlebnis Taufe“ oder die Begegnung mit einem „Segensroboter“. Nicht immer ließ sich ein roter Faden erkennen, bisweilen uferte die protestantische Vielfalt in Wildwuchs aus. „Der erwartete Ansturm ist ausgeblieben“, hatte Wittenbergs Bürgermeister zur Halbzeit im Juni gesagt. Da waren gerade mal 70.000 Tickets verkauft. Am Ende zählte der Trägerverein 294.000 Eintritte. Gerechnet hatte man mit einer halben Million. „Reformationsbotschafterin“ Käßmann sprach dennoch von einem „insgesamt gelungenen Experiment“.
 
Dass nicht so viele kamen, wie es sich die Kirche gewünscht hatte, brachte auch Vorteile mit sich: Niemand musste anstehen, es gab kein Gedrängel. „Schöne Atmosphäre hier“, sagte etwa ein Paar aus den Niederlanden, das sich Mitte September die Schlosskirche anschaute.

Gigantische Fortbildungsmaßnahme

Der ostdeutsche Theologe Friedrich Schorlemmer und der langjährige Leipziger Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff warfen ihrer Kirche dennoch vor, das Jubiläumsjahr sei eine „grandiose Selbsttäuschung“ gewesen. Es sei versäumt worden, die „Krise der Kirche in der säkularen Gesellschaft offen anzusprechen“ und neue Visionen zu entwickeln. Der Bedeutungsverlust der Kirchen schreite mit wachsender Intensität voran. Die Reformationsdekade hat tatsächlich keinen Ruck durch die Kirche gehen lassen, da haben die beiden Theologen recht. Und doch waren die zehn Jahre nicht vergebens. Die vielen hundert Bücher, Aufsätze und Forschungsvorhaben, die das Jubiläum angestoßen hat, die vielen Vorträge und Diskussionen in Kirchengemeinden und Akademien waren ein gigantisches Fortbildungsprogramm und haben vielen evangelischen Christen eine neue Selbstgewissheit vermittelt. Das wird weitertragen und vielleicht doch hier und da die Kreativität beflügeln – jenseits des Drucks, Besucherrekorde produzieren zu müssen.