Theatertreffen Berlin 2017 Ein Ort für freie Diskussionen

Eine Szene aus „Five Easy Pieces“, einer Co-Produktion von Regisseur Milo Rau, IIPM(International Institute of Political Murder) und CAMPO Gent
Eine Szene aus „Five Easy Pieces“, einer Co-Produktion von Regisseur Milo Rau, IIPM(International Institute of Political Murder) und CAMPO Gent | Foto: Phile Deprez

Beim Theatertreffen der Berliner Festspiele, versammelt sich jedes Jahr die gesamte deutschsprachige Theaterszene. Im Rahmen des Festivals findet auch das Internationale Forum statt, zu dem Theatermacher aus aller Welt eingeladen werden. 2017 war die Regisseurin, Autorin und Dramaturgin Kim Yu Jin mit dabei. Ein Bericht über Theater und Politik, eine offene Diskussionskultur und internationale Begegnungen. 

Es ist Mai, noch weht in Berlin kühle Winterluft. Ich lasse den Kurfürstendamm, die berühmte Einkaufsstraße, hinter mir und spaziere durch ein Viertel, in dem sich kleine Galerien und Cafés aneinanderreihen. Ich gehe noch etwas weiter und komme in eine Gegend, in der kaum noch Menschen unterwegs sind und dichte Bäume die Straße säumen. Während ich mich meinem Ziel nähere, taucht auf einmal aus einer Seitenstraße ein anderer Fußgänger auf und geht mit schnellen Schritten vor mir her. Dann verlangsamt sich unser Tempo auf einmal gleichzeitig, wir blicken einander an und er fragt mich: „Internationales Forum?“ Wir sind beide auf dem Weg zum Haus der Berliner Festspiele, um uns für das Internationale Forum zu registrieren. Dort angekommen nehmen wir dann auch die vielen anderen Teilnehmer in Augenschein. Aus aller Welt sind sie gekommen, um wie wir am Internationalen Forum teilzunehmen, und erhalten nun einen Umschlag mit ihrem Namen, eine Tasche, Theaterkarten und das Programmbuch. Mit ihnen werden wir die folgenden zweieinhalb Wochen gemeinsam verbringen. Wir stellen uns einander vor.

Das 54. Theatertreffen 2017

Das Theatertreffen findet jedes Jahr im Mai unter der Schirmherrschaft der Berliner Festspiele statt. Es werden insgesamt zehn Inszenierungen eingeladen, die während des vergangenen Jahres in den deutschsprachigen Ländern – also neben Deutschland auch Österreich und die Schweiz –  Premiere feierten und nun im Hauptprogramm des Festivals gezeigt werden. Daneben finden auch diverse Foren, Workshops und Konferenzen statt, in denen es um gesellschaftlich-politische Themen und zeitgenössische Strömungen in der Kunstwelt geht. Die Veranstaltungen des diesjährigen Theatertreffens fanden vom 6. bis 21. Mai zwei Wochen lang an verschiedenen Orten statt. Spielstätten umfassten neben dem Haus der Berliner Festspiele auch die Volksbühne, das Hebbel am Ufer, die Rathenau-Hallen, die Sophiensäle und andere Theater, sowie umgenutzte Orte wie die Uferstudios und das Sony-Center.

Das Programm des Theatertreffens besteht aus drei Teilen. Erstens das Highlight des Festivals, die „Zehn Inszenierungen des Jahres“ sowie damit zusammenhängende Veranstaltungen wie Künstlergespräche. Zweitens ein viertägiges „Festival im Festival“, das unter dem Titel „Shifting Perspectives“ nicht nur auf einem Stückemarkt Arbeiten junger Theatermacher präsentiert, sondern auch vom Goethe-Institut geförderte internationale Ko-Produktionen und darüber hinaus Konferenzen, Filmvorführungen, Workshops, Ausstellungen und Partys umfasst. Dieses Programm fand in 2017 zum ersten Mal statt und bot auch zahlreiche Gelegenheiten für Künstler, Zuschauer, Produzenten und Organisatoren, sich über die Produktion neuer Stücke und Zukunftspläne auszutauschen. Drittens schließlich das Internationale Forum, ein Ort für Begegnungen zwischen jungen Theatermachern aus aller Welt und Experimente aller Art.

Die zehn eingeladenen Inszenierungen

Eine siebenköpfige Kritiker-Jury wählt jedes Jahr aus allen neuen Inszenierungen, die während des vorangegangenen Jahres in den drei deutschsprachigen Ländern gezeigt wurden, die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen aus und definiert dabei auch ein Thema, das die Werke verbindet. „Zerstörung“ und „Wiederholung“ charakterisieren das diesjährige Theatertreffen. Die Jurymitglieder wiesen darauf hin, dass alle Stücke sich in unterschiedlicher Form mit den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ereignissen und globalen Problemen der letzten zwei bis drei Jahren auseinandersetzten. Dabei greifen sie als gemeinsame Methode auf Techniken der Wiederholung zurück oder verwenden die Symbolkraft von Loops, umeinander kreisende Wiederholungsschleifen. Die Reflektion durch Wiederholung ist eine künstlerische Diagnose der sich ohne Unterlass fortsetzenden Selbsttäuschung und Geschichtsverdrehung und gleichzeitig eine Warnung über die destruktive Gegenwart und Zukunft.

Als eine der eindrucksvollsten Aufführungen wäre wohl zuerst „Five Easy Pieces“ zu nennen, eine Co-Produktion des belgischen Ensembles CAMPO Gent mit dem Schweizer Regisseur Milo Rau. Die brutalen Verbrechen des Serienvergewaltigers und Kindermörders Marc Dutroux, die in den 1990er Jahren die belgische Gesellschaft erschütterten, sowie die darauf folgenden juristischen Kämpfe sind Ausgangsmaterial des Stückes und werden von Kindern und Jugendlichen im Alter von acht bis vierzehn Jahren in fünf Szenen (Pieces) auf der Bühne dargestellt. Sie spielen Erwachsene wie die Eltern des Verbrechers, die Eltern der Opfer oder die Polizei, und wechseln dabei immer wieder in ihre eigene Rolle zurück. Die fünf minderjährigen Schauspieler schlüpfen in die Rollen anderer, gleichzeitig spielen sie sich selbst. Sie sind Kinder, treten aber auch als Erwachsene vor uns. Was bedeutet hier Schauspiel, was ist nicht gespielt? Wie unterscheiden sich Kinder und Erwachsene? Ist es überhaupt ethisch vertretbar, die Verbrechen eines Kindermörders von Kindern nachspielen zu lassen? Fragen wie diese konfrontieren das Publikum fortwährend mit den Grenzen verinnerlichter Vorstellungen und Konventionen.
 

Five Easy Pieces - Milo Rau / IIPM / CAMPO from CAMPO on Vimeo.

Milo Rau und CAMPO Gent, „Five Easy Pieces“, Trailer (Quelle: Vimeo)
„Die Borderline Prozession“ von Kay Voges war definitiv eine der Inszenierungen, an der sich die Geister schieden. In einem zum Theater umfunktionierten alten Fabrikgebäude in Ostberlin wurden vier gewaltige Bühnenbilder errichtet. Mittels Kameras, die sich fortwährend um die Bühne herum drehen, wurden für das Publikum sichtbare und unsichtbare Szenen auf Leinwände projiziert. Auf der Bühne wurden Krieg, Vergewaltigung, Konflikte, Massaker, Folter – eine gescheiterte Welt – extrem vereinfacht dargestellt, während die Leinwände das Publikum auch mit philosophischen, religiösen und literarischen Texten – den Grundlagen der westlichen Zivilisation – bombardierte. Besonders eindrucksvoll war der Moment, als während der Aufführung Macrons Sieg bei der französischen Präsidentenwahl in Echtzeit übermittelt wurde. Das aufgewühlte Publikum reagierte mit begeisterten Jubelrufen auf diese Eilmeldung inmitten der Bilder menschlicher Katastrophen.
 

Schauspiel Dortmund, „Die Borderline Prozession“, Trailer (Quelle: YouTube)

Wenn eine Inszenierung offiziell zum Theatertreffen eingeladen wird,  ist das nicht nur eine große Ehre, sondern führt auch zu neuen Debatten in einem anderen Kontext. Am ersten Tag des Festivals begründen die Jurymitglieder öffentlich, warum sie gerade dieses oder jenes Stück ausgewählt haben. Zum Schluss findet dann erneut eine öffentliche Diskussionsrunde statt. Außerdem gibt es im Verlauf des Festivals weitere Gelegenheiten zur Diskussion, von Künstlergesprächen bis zu Veranstaltungen, bei denen der Intendant, die Jurymitglieder und die Künstler über Themen im Zusammenhang mit den Stücken debattieren. Jeder der möchte kann die Kriterien der Jury zur Diskussion stellen oder etwa problematisieren, wie politisch oder ethisch vertretbar die Aufführungen sind. Das führt im Rahmen der fortwährenden Spannung des Festivals immer wieder zu Debatten über Details der gezeigten Stücke. Zwar können die meisten Fragen und Probleme nicht gleich gelöst werden und oft bleibt unklar, in welche Richtung das Gespräch führen könnte. Doch die Tatsache, dass das Theatertreffen einen Raum bietet, um über diese Dinge öffentlich zu debattieren, ist meines Erachtens ein wichtiger Grund für die Energie, die sich das Festival bis heute bewahrt hat, als auch Triebkraft für eine Zukunft im Zeichen fortwährender Veränderung.

Das Internationale Forum, Treffpunkt für Theatermacher aus aller Welt

Das Internationale Forum ist ein Treffpunkt für junge Theatermacher und hat den Charakter eines kreativen Labors. Kunstschaffende aus einer Vielzahl an Arbeitsfeldern, seien es Regisseure, Dramatiker, Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner oder Installationskünstler, kommen während des Festivals in Berlin zusammen, sehen gemeinsam Aufführungen, diskutieren miteinander, tauschen sich über ihre eigenen Projekte und Ideen aus und betreiben Networking. Gleichzeitig werden in einem zweiwöchigen Kreativ-Workshop individuelle Projekte wie auch kollaborative Arbeiten durch gemeinsame Recherche weiterentwickelt. In diesem Jahr nahmen achtunddreißig Personen aus insgesamt zweiundzwanzig Ländern am Internationalen Forum teil, darunter Vertreter aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Kroatien, Kosovo, Libanon, Argentinien, der Türkei, Pakistan, Thailand, Taiwan und Korea.

Der Kreativ-Workshop 2017 gliederte sich in vier „Plattformen“. Ich selbst nahm an dem Workshop „Ality“ teil, den das dänisch-finnische Performer-Duo Two-Women-Machine-Show zusammen mit Jonathan Boniccis Team anbot. Dieser Workshop betonte vor allem körperliche Aspekte in kooperativer Arbeit und hatte sich zum Ziel gesetzt, mit Hilfe des Körpers Grenzen zwischen Virtualität und Realität – oder auch die Realität des Virtuellen – zu untersuchen. Dazu bereiteten die vierzehn Teilnehmer ihre Körper jeden Morgen zunächst mit entspannenden Bewegungsübungen und Meditation vor und führten dann Aktivitäten durch, in denen es um die Kontraktion und Expansion des Körpers, die Definition von Begriffen, die Beschreibung von Erinnerungen und räumliche Selbstreflektion ging. Während des Workshops konnte ich – und sei es auch nur ein bisschen – die Realität des Virtuellen selbst erfahren und diesen Zustand aufrechterhalten, während ich mich auf meine eigenen Erinnerungen und inneren Bilder konzentrierte. Gleichzeitig reagierte ich jedoch auch auf äußere Reize, Orte, Personen und Dinge und interagierte mit diesen Eindrücken, eine Erfahrung zwischen Virtualität und Wirklichkeit. Es war ein berauschendes Gefühl, so als ob in aller Öffentlichkeit nur wir ein Geheimnis teilten.

Teilnehmer des Internationalen Forums beim Künstlergespräch mit Produzenten von „Five Easy Pieces“, Schauspieler Peter Seynaeve und Dramaturg Stefan Bläske Teilnehmer des Internationalen Forums beim Künstlergespräch mit Produzenten von „Five Easy Pieces“, Schauspieler Peter Seynaeve und Dramaturg Stefan Bläske | Foto: Sylvana Seddig
Zwar verbrachte ich die meiste Zeit beim Kreativ-Workshop, doch gab es daneben auch zahlreiche Gelegenheiten, mich mit den anderen Teilnehmern des Internationalen Forums auszutauschen. Weil die meisten von ihnen in völlig verschiedenen Kontexten auf ganz unterschiedliche Weise arbeiten, war es sehr spannend, die individuellen Herangehensweisen kennenzulernen. Viele Teilnehmer waren stark von Reflektionen und Anliegen getrieben, die mit den Orten zusammenhängen, an denen sie arbeiten. Die politische Situation in der Türkei und die Probleme, mit denen Theatermacher in Istanbul konfrontiert sind; die Frage ob man in Kroatien ein Theaterstück in seiner Muttersprache schreiben sollte; Versuche, die Demokratiebewegung in Thailand künstlerisch zu unterstützen; im deutschen Theater das immer noch nicht überwundene Problem der Hautfarbe beim Casting... Auch ich teilte meine Sorgen bezüglich der Gesellschaft, in der ich lebe. Besonders die kurz nach Beginn des Festivals anstehende Präsidentschaftswahl in Korea bot einen natürlichen Anlass für Gespräche und Gedankenaustausch.

„Treffen“ bedeutet „sich begegnen“

Wie die Bezeichnung „Treffen“ nahelegt, stellt das Theatertreffen einen Ort der Begegnung dar. Die verschiedene Kulturen, Diskurse und Debatten, die sich so – verbunden durch Theater und Kunst – begegnen, gehen Beziehungen untereinander ein und es entsteht Neues. Natürlich gibt es auch in der Welt des Theaters eine Kluft zwischen Mainstream und alternativen Herangehensweisen und es ist auch oft zu hören, dass viele Aufgaben noch ungelöst sind. Dennoch, die Diskussionen und Reflektionen über die politische und gesellschaftliche Realität, die Anstrengungen des Festivals, Rollen für die Kunst zu finden und auszuweiten, und das Ziel, einen Ort für freie Diskussionen zu bieten – all das macht für mich die Kraft des Theatertreffens aus. Sie erlaubt es der Kunst, in der Gesellschaft und mit der Gesellschaft einen gemeinsamen Atem und einen gemeinsamen Weg zu finden.