Texu Kim:
„Monastic Sceneries“

Texu Kim © Texu Kim Wie wird ein Chemie-Laborant zum Komponisten? Für Texu Kim (김택수), der erst Chemie, dann Komposition studierte, stellen Wissenschaft und Kunst/Musik keinen Gegensatz dar. So erinnert ihn die Transformation musikalischer Motive an die Synthese chemischer Stoffe, die miteinander reagieren um etwas Neues entstehen zu lassen. Nachdem der 1980 in Seoul geborene Kim sein Studium an der Seoul National University mit einem Master abgeschlossen hatte, ging er in die USA. Zurzeit ist er Doktorand an der Jacobs School of Music der Indiana University, wo er auch Komposition und Dirigieren unterrichtet. Seine musikalischen Wurzeln sind zahlreich – und nicht unbedingt nur in der „Klassik“ verankert. In einem Interview nennt Texu Kim als wichtigen Einfluss koreanische Kirchenmusik seiner Kindheit, ein Musikstil, den er als „merkwürdige Mischung aus New Age, Gospel und Popmusik mit Einsprengseln traditioneller koreanischer Musik“ charakterisiert. Auch Latin Jazz, Rock, Computermusik, indische und indonesische Traditionen sowie die Werke von Komponisten Neuer Musik wie Isang Yun und Unsuk Chin lieferten wichtige Impulse. Der Gewinner des „Isang Yun International Composition Prize 2009” interessiert sich insbesondere für kurze Klangphrasen, einfachste musikalische Elemente, die er dann immer weiter modifiziert und mittels unterschiedlichster Metamorphosen zu neuem Klangmaterial synthetisiert. So basiert Sketches for Contredanse, ein Auftragswerk des Ensemble Modern auf einem einfachen Tanz-Rhythmus. Die Spannung des Stückes steigert sich, jazzigen Bassläufen folgend, zu „Überblas- und Flüstergeräuschen sowie Lärmattacken“, wie ein Rezensent der Uraufführung in Frankfurt 2012 schrieb.

„Monastic Sceneries“ für Flöte, Klarinette, Oboe, Fagott, Horn, Klavier, Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass

Inspiration Texu Kim © Texu Kim „Das Stück beginnt mit einer imaginären Szene, in der eine kleine Gruppe von Müttern zusammensitzt und ein Lied für einen religiösen Brauch namens "kooyeok-yebae" singt. Weder die Tonhöhe noch der Rhythmus ist für sie von Bedeutung. Zwischen den Sätzen ihrer ausdrucksstarken Melodien in „molto Vibrato“ sind Seufzer ähnliche Reaktionen und Ausrufe zu hören. „Kooyeok-yebae“, „Beschwörung“ und „Gebete“, so lauten die Titel der einzelnen Sätze des Stückes. Die Arbeit basiert auf verschiedenen Ritualen und meinen persönlichen Erinnerungen daran. Ich bin in einer konservativen presbyterianischen Familie aufgewachsen, und so beeinflusste die presbyterianische Kirche mich und meine Klangwelt. Die erste Musik, die ich hörte, als ich noch im Bauch meiner Mutter war, dürfte Kirchenmusik gewesen sein. Die Musik bewegt sich dementsprechend von meiner Erinnerung hin zu einer Art Surrealismus. Eine geheime Versammlung in einem Keller oder in einer Dachkammer, eine imaginierte (das heißt: nicht zitierte) beschwörerische Melodie ist zu hören. Der zweite Satz „Beschwörung“ ist meine Version von Strawinskis Le sacre du printemps, in der sich Beschwörung, Tanz und Zauberei miteinander vermischen. Danach folgt „Gebete“. Dieser dritte Satz befasst sich mit verschiedenen Aspekten und Formen des Betens. Dieses Stück entstand in Gedenken an meine geliebte Großmutter, die mit einer Hingabe betete, wie ich sie sonst nie erlebt habe. Ich hoffe, dass mein 15-minütiges Gebet sie erreicht.“