Donghoon Shin:
„High heels: Not even anything room“

Donghoon Shin © Donghoon Shin Als „klassischer“ Komponist fühlt sich der 1983 in Seoul geborene Donghoon Shin (신동훈) eher nicht – seine musikalische Sozialisierung könnte man als dauerhaften Besuch in einem gut sortierten Plattenladen beschreiben: Shins Vater, dessen Musikbegeisterung von Wagner bis Heavy Metal und Battle Rap reicht, legte für den Vorschüler die Highlights seiner Plattensammlung auf. Später hörte Shin experimentelle Jazz-Musik von Chick Corea und Pat Metheny, auch klassischen koreanischen Rock von Shin Jung-Hyeon, dem koreanischen Jimmy Hendrix. Als Oberschüler trat er dann selbst als Sänger und Keyboarder in einer Rockband auf. Rückblickend beschreibt Shin, der an der Seoul National University Komposition studierte, diese unterschiedlichsten musikalischen Einflüsse als Nährboden für seine schöpferische Arbeit. Der musikalische „Allesfresser“ lässt sich aber auch von Literatur (Tolstoi) und Kino (Almodóvar) inspirieren, zuletzt hat er sich von Pieta, dem neuesten Film des Regisseurs Kim Ki-Duk inspirieren lassen. Aus diesen unterschiedlichsten Quellen entstehen Werke, die sich auszeichnen durch Zitatenreichtum, subtile Anlehnungen und Weiterentwicklung bestehender Themen sowie durch eine postmoderne Vielfalt an Assoziationen und Querverweisen. Mit seinem Violinkonzert Kalon, das 2010 in Madrid beim internationalen Wettbewerb „Auditorio Nacional-Fundación BBVA“ den ersten Preis bekam, wandelte Shin auf den frühen romantischen Spuren von Brahms. In seinem letzten Werk Pop-up, das der ungarische Dirigent und Komponist Peter Eötvös 2012 in Seoul uraufführte, werden dagegen härtere Saiten aufgezogen: Angelehnt an Motive aus Led Zeppelins Rock-Song Dazed and Confused, spielt der Komponist das gesamte Kammerorchester als „gewaltige Gitarre“ (so die koreanische Zeitung Hankook Ilbo) deren Riffs und Soli den psychedelisch-ekstatischen Rock-Meilenstein auf völlig überraschende Weise zu neuem Leben verhelfen.

„High heels: Not even anything room“ für Flöte, Klarinette, Horn, Klavier, zwei Geigen, Bratsche, Cello, Kontrabass und Schlagwerk

Inspiration Donghoon Shin © Inspiration Donghoon Shin „Jorge Borges hat lange über die „Bibliothek von Babel“ nachgedacht. In den endlosen sechseckigen Bücherräumen dieser imaginären Bibliothek werden unendlich viele Bücher aufbewahrt. Ist die Zahl der Bücher unendlich, so folgt daraus natürlich, dass in ihnen unendlich viele Sätze stehen, die aus unbegrenzt vielen Wörtern zusammengesetzt sind, in unerschöpflich vielen Sprachen und Schriftsystemen. Die letzte Wendung ist nur schwer zu akzeptieren. Denn die Idee einer unendlichen, einer endlosen Sprache, impliziert nichts anderes, als dass zu Anbeginn nichts als Bücher (also nichts als Sätze, Wörter, Sprache) existierte. Folglich existierten sämtliche Bücher allein als wechselseitige Anmerkungen – sämtliche Sprachen haben in letzter Instanz keine Bedeutung außerhalb der Sprache selbst.

Diese – außerhalb der menschlichen Einbildungskraft – unmögliche Bibliothek von Babel ist ironischerweise in Korea ganz einfach zu finden. So wie in den endlos vielen Sechsecken der Bibliothek unbegrenzt viele Bücher stehen, wohnen hier in (fast) unendlich vielen quadratischen Wohnkomplexen die unterschiedlichsten Menschen. Die Apartmentblöcke von Babel…

Die Inspiration für diese Komposition kam mir eines Nachmittags, als ich zu Hause Borges las und plötzlich von draußen aus dem Flur das Geräusch hochhackiger Schuhe vernahm. Die musikalische Beschreibung des Schuhabsatzklapperns ist das Thema des Stückes. Dieses wird durch einen intertextuellen Echoraum variiert, der angereichert ist mit den zahllosen Geräusche, die ich in meinem Zimmer – und in meiner Phantasie – hören kann.

Das Stück handelt also vom Zimmer des Komponisten, und erzählt auch von den zahllosen Tönen und Geräuschen, die er bei seiner Arbeit hört. Manchmal erliege ich der Illusion, in meinem Zimmer alle Klänge des Universums hören zu können. Umgekehrt kenne ich auch Momente, in denen ich überhaupt nichts wahrnehme und das Gefühl habe, in ein akustisches Vakuum zu fallen. Zahllose, widersprüchliche Klänge und Echos hallen durch mein Zimmer, diesen „Not even anything room“, der außer der vielen Bücher mit Borges‘ unmöglicher Bibliothek nichts gemein hat.“