Juri Seo:
„Respiri – in memoriam Jonathan Harvey“

Juri Seo Juri Seo | Foto: Andrew Wilkinson Juri Seo (geb. 1981) ist eine in Princeton, New Jersey, ansässige Komponistin und Pianistin. Ihre Musik umfasst extreme Kontraste durch Kompositionen, die einheitlich, fließend, gleichzeitig aber auch komplex sind. In ihren Arbeiten verbindet sie viele der faszinierenden Aspekte der Musik des vergangenen Jahrhunderts – insbesondere die erweiterte Palette von Klangfarben und einen unorthodoxen Umgang mit Strukturen – mit einer tiefen Liebe zu funktionaler Tonalität, Kontrapunkt und klassischer Form. Mit sich schnell ändernden Tempi und Dynamiken erforscht ihre Musik konzeptuelle Gegensätze wie Ernsthaftigkeit und Humor, Lyrik und Gewalt oder Ruhe und Obsession. Sie hofft, so eine Musik der “Liebe” zu schaffen – eine Musik, die die Welt, auch wenn auf noch so kleine Weise, durch die Zuhörer, die sich auf sie einlassen, zum Besseren verändert.

Zu ihren Auszeichnungen zählen eine Guggenheim Fellowship, ein Koussevitzky-Kompositionsauftrag vom Library of Congress, ein Goddard-Lieberson-Stipendium der American Academy of Arts and Letters, eine Kate Neal Kinley Memorial Fellowship, der Copland House Residency Award und eine Otto Eckstein Fellowship von Tanglewood. Kompositionsaufträge erhielt sie von der Fromm Foundation, vom Barlow Endowment, dem Tanglewood Music Center, der 21st Century Piano Commission Competition der University of Illinois und der Renée B. Fisher Piano Competition. Ihr Debütalbum „Mostly Piano“ wurde 2017 von Innova Recordings veröffentlicht. Sie hat an der University of Illinois in Urbana-Champaign, wo sie bei Reynold Tharp studierte, mit  einem D.M.A. (Dissertation: „Jonathan Harveys String Quartets“, 2013) abgeschlossen. Sie hat außerdem die Accademia Nazionale di Santa Cecilia (Rom, Corsi di Perfezionamento mit Ivan Fedele) und die Yonsei University (Seoul, B.M.) besucht. Seit 2009 ist sie Stipendiatin der Festivals Tanglewood, Bang on a Can und SoundSCAPE, der Wellesley Composers Conference und des Atlantic Center for the Arts. Im Herbst 2014 unterrichtet sie als Assistenzprofessorin an der Fakultät für Komposition der Princeton University. Juri lebt in Lawrenceville, etwas außerhalb von Princeton, mit ihrem Ehemann, dem Perkussionisten Mark Eichenberger, sowie einem kleinen Hund namens Roman.
 

„Respiri – in memoriam Jonathan Harvey (2016)“ für Streichquartett

Inspiration Juri Seo Foto: Juri Seo „Welchen Zweck hat Musik? Meines Erachtens geht es darum, das Wesen des Leidens zu offenbaren und zu heilen. Die eine große Frage der Existenz.“ – Jonathan Harvey

Der Komponist Jonathan Harvey war eine außerordentlich freundliche Person. Während ich meine Doktorarbeit über seine vier Streichquartette schrieb, habe ich habe regelmäßig E-Mails mit ihm ausgetauscht. Gegen Ende unserer Korrespondenz erfuhr ich, dass er an einer Erkrankungen des Motoneurones litt, eine Krankheit, die ihn allmählich lähmte. Einen Teil seiner kostbaren letzten Jahre hatte er damit verbracht, auf Fragen einer Person zu antworten, die er nicht kannte. Im Dezember 2012 erlag er schließlich seiner Krankheit. Obwohl wir uns nie persönlich begegnet sind, haben seine Arbeit und seine Philosophie einen großen Einfluss auf meine Art über Musik nachzudenken ausgeübt.

Harvey war ein innovativer Modernist und schrieb ganz unverhohlen lyrische Melodien, gerahmt in sorgfältig entworfenen, komplizierten Strukturen. Er glaubte an das Ideal einer komplexen Einheit, das er paradoxerweise sowohl in der westlichen klassischen Musik als auch im Buddhismus fand. In seinen Stücken verändern sich unterschiedliche musikalische Ideen und verschmelzen auf vielfältige Art und Weise miteinander, wodurch deutlich wird, dass sie keine eigene, ihnen innewohnende Identität besitzen. Er betrachtete dies als einen entscheidenden Schritt, um die transzendente Einheit aller Dinge zu erfahren. Harveys Musik zeigte mir, dass sich Komplexität und Wärme nicht ausschließen müssen. in der Tat sollten sie koexistieren.

Harveys Buddhismus lässt sich direkt in seinen Partituren finden. Atembewegungen komponierte er häufig als metaphysische Meditationsbewegungen. Er verwendete das Konzept eines symmetrischen harmonischen Feldes – mit Tonhöhen, die, anstatt von einer Basslinie abgeleitet, von einer zentralen Achse nach außen strahlten –, um die Freiheit des Individuums von zwanghaftem Verlangen darzustellen. In meinem Stück habe ich drei verschiedenen Ideen von Harvey aufgenommen: komponierte Atemzüge, eine symetrisch-pentatonische Skala, in der sich keine Oktaven wiederholen, sowie ein melodisches Segment aus seinem ersten Quartett. Anschwellungen unterschiedlicher Länge entwickeln sich zu langen Bögen. Diese Atemgesten symbolisieren das Leben und – am Ende des Stücks – den Tod, nicht als unvermeidlichen Schrecken, sondern als friedliche Erlösung, als die ihn Harvey in meinen Vorstellungen erlebt hat.

Respiri – in Erinnerung Jonathan Harvey wurde im Frühjahr 2016 für das JACK Quartet geschrieben