Future Perfect Vom Urban Gardening zum Recht auf die Stadt

Urban Gardening beim CASS in Recife.
Foto: Leonardo Cisneiros.

Ein Kollektiv trägt zur Transformation eines Stadtviertels in der brasilianischen Stadt Recife bei. Anwohner helfen selbst mit verschiedenen lokalen Aktionen.
 

Eine Welle von Überfällen brachte die Einwohner des Viertels Casa Amarela in der Nordzone von Recife 2007 auf die Idee, selbst nach Lösungen für das Kriminalitätsproblem zu suchen. Vandson Holanda, Bewohner der Gegend und Mitglied des Kollektiv CASS – Abkürzung von Casa Amarela Saudável e Sustentável („Gesundes und nachhaltiges Casa Amarela“) – sagt, die Leute hätten sich auf natürliche Weise zusammengefunden. „Nachbarn aus der Gegend und die Leitung der Carlos de Lima Cavalcanti-Schule organisierten ein Treffen, das Forum Hilfe für Casa Amarela genannt wurde“, erzählt er.

Bei den folgenden Treffen des Forums wurde schnell klar, dass allein eine polizeiliche Überwachung nicht ausreichte, um den Frieden in der Gegend wiederherzustellen. Es war notwendig, über zwei grundlegende Punkte nachzudenken: zum einen über die Auswirkungen einer Politik, die das Auto und den Immobilienmarkt eher begünstigt als die Lebensqualität im Viertel; zum anderen über gemeinschaftliche Aktionen, die im Hinblick auf die Zukunft nachhaltig sind. Das war der Moment, in dem Holanda und andere Anwohner die Idee von CASS aussäten.

DEN BÜRGERSINN STÄRKEN

Anwohner machen mit: Gemüseanbau in Recife. Anwohner machen mit: Gemüseanbau in Recife. | Foto: Diego Buarque. Viele Leute blieben fortan den Treffen fern, als sie sich bewusst wurden, wie viel Engagement für das Stadtviertel erforderlich war. Eine Gruppe hielt jedoch durch. So kam es zu einem Austausch mit einer Stelle für gesundheitliche Versorgung im Viertel, die zur Kirche gehört. Ebenso entstand eine Zusammenarbeit mit der Bundesuniversität von Pernambuco, die schließlich zu dem Projekt Rua ideal: comunidade saudável (“Ideale Straße: gesunde Gemeinschaft”) führte.

Auf der Grundlage der Forschung zweier Dozentinnen des Fachbereichs Biologie wollte das Projekt Rua ideal ursprünglich die Bewohner des Viertels in ökologischen und bürgerrechtlichen Fragen beraten und auch ihre Bedürfnisse verstehen, um Änderungen vorzuschlagen. Die Projektmitarbeiter hielten aber an der Art und Weise fest, wie öffentlicher Raum in der Regel geschaffen wird – vertikal, von oben nach unten. Alles war auf ein formalisiertes Programm fixiert, das sich den Bedürfnissen der Gemeinschaft gegenüber als unflexibel erwies.

ANLEGEN VON RADWEGEN

Die kurze Zusammenarbeit trug dennoch Früchte. Das Interesse der Menschen an der Debatte über eine Aufwertung ihres Viertels wuchs weiter. Die Bürgerbewegung wurde stärker. 2012 wurde in einem kollaborativen Prozess ein Plan zur Anlage von Radwegen im Viertel Casa Amarela erarbeitet. „Der Plan hatte zum Ziel, spezielle Aktionen und Lösungen für das Radwegenetz vorzuschlagen. Es waren Vorschläge, die von der Gemeinschaft eingereicht und zum Teil von der Stadtverwaltung umgesetzt wurden“, so CASS-Mitglied Larissa Almeida.

Auch wenn sie nicht vollständig gebaut wurden, stellen die Radwege die erste große Errungenschaft dar, die durch das Kollektiv angestoßen wurde. Von dem Zeitpunkt an wurde darüber diskutiert, wie die Gemeinschaft sich an der Stadtplanung vor Ort mehr beteiligen kann. Darüber hinaus wurde eine Facebook-Seite angelegt, um das Engagement der Menschen zu erleichtern und einfache und effektive Ideen anzuregen, die auf eine neue Beziehung zur Stadt hinwiesen.

BÜCHEREI UND GEMEINSCHAFTSGARTEN

CASS, Recife. CASS, Recife. | Foto: Diego Buarque. Je mehr man über den gesamten Stadtteil diskutierte, desto klarer wurde es, dass direkte Aktionen die Gemeinschaft stärker zur Teilnahme anregen. So wurden die Anwohner zum Beispiel mobilisiert, sich für den Umbau und die Verwaltung der Volksbibliothek des Viertels zu engagieren. Bewohner, Fachleute und allgemein Interessierte wurden 2013 zu mehreren Treffen geladen, bei denen das Konzept der Leitung der Bibliothek durch die Anwohner und die Bedeutung des Gebäudes für das Viertel vorgestellt und diskutiert wurden. Mehrere Vorschläge entstanden. Ein Plan für eine gemeinschaftliche Leitung und Verwaltung wurde erarbeitet. Die Bücherei wurde umgebaut und im Jahr 2016  für die Anwohner wiedereröffnet, eine Bürgerbeteiligung an der Leitung der Einrichtung wird aktuell diskutiert.

2015 schlug eine Einwohnerin des Viertels Casa Amarela der Gruppe vor, ein brachliegendes Grundstück in einen urbanen Gemeinschaftsgarten zu verwandeln. Der „Urban Gardening“-Vorschlag wurde von dem Kollektiv angenommen. In einer Gemeinschaftsaktion kamen Freiwillige zusammen, um das Gelände zu säubern. Es dauerte nicht lange, bis das von vielen Händen angelegte und gepflegte Grundstück zu einem Ort des gemeinschaftlichen Gemüseanbaus, aber auch des Zusammenlebens und Austauschs wurde, wo gesunde Ernährung, persönliches Wohlbefinden und Bürgersinn im Alltag hochgehalten werden. Inzwischen entwickeln auch andere Teile der Stadt ähnliche Projekte. Der neue Platz hat eine öffentliche Beleuchtung erhalten und wird von der Nachbarschaft auch in den Abendstunden genutzt.

„Brachen, die vorher die Unsicherheit im Viertel erhöhten und Gesundheitsgefahren bargen, sind jetzt voll mit Beeten. Das Straßennetz wurde stark durch die neuen Radwege verändert. Wir haben eine umgebaute Bücherei. Wichtiger als all das ist das persönliche Engagement für das Viertel und für die Nachbarschaft, das die Leute seitdem entwickelt haben. Wichtiger ist auch, dass wir Menschen zusammenbringen, um das Viertel neu zu definieren und sie selbst zu denjenigen machen, die diese Verbesserungen umsetzen. Das ist bei Weitem der größte Erfolg der Bewegung“, sagt Larissa Barbosa, Mitglied von CASS. Durch die Pflege des Bürgersinns werde die Kultur des Friedens wiederhergestellt, glaubt die Aktivistin.