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5. Dezember 2017
Die Herausforderung, eine andere Welt kennen zu lernen

Ariuntsetseg Ganbold
Foto: privat

Interview mit Ariuntsetseg Ganbold. Ariuntsetseg Ganbold übersetzt im Rahmen des Merck Social Translating Projekts Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ ins Mongolische. Im Interview spricht sie nach dem Initialen Treffen der Übersetzerinnen und Übersetzer  am Goethe-Institut Seoul über ihre Eindrücke.

Frau Ariuntsetseg, Sie sind soeben vom Auftakttreffen zum Merck Social Translating Projekt aus Seoul zurückgekehrt: Was war besonders spannend, schön oder überraschend?
 

An diesem Projekt nehmen insgesamt zehn Übersetzer und Übersetzerinnen aus neun verschiedenen asiatischen Lӓndern teil. Wir übersetzen den Roman „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle aus dem Deutschen in zehn verschiedene Sprachen. Zur Unterstützung unserer Arbeit steht eine Online-Plattform zur Verfügung, durch die wir uns mit dem Autor, den anderen Übersetzern und Übersetzerinnen, den Projektkoordinatoren und einer Moderatorin austauschen können. In Seoul haben alle Beteiligten sich persönlich kennengelernt, wir haben die Funktionsweise der Plattform und das weitere Vorgehen besprochen. Es ist gut, alle persönlich zu kennen, denn den persönlichen Austausch kann natürlich auch die Online-Plattform nicht ersetzen. Das senkt auch die Hemmschwelle, Fragen zu stellen, wenn man die Leute alle persönlich einmal getroffen hat.

 Social Translating: Die Übersetzerinnen und Übersetzer Foto: Goethe-Institut Korea/OZAK
Was ist für Sie das Besondere am Social Translating – im Vergleich zum „normalen“ Übersetzen? Und wie ist es, so eng mit dem Autor des Romans an der Übersetzung zu arbeiten?

Darüber wurde gerade beim Treffen in Seoul gesprochen. Interessant war es, dass die zehn Übersetzer nicht nur aus verschiedenen Lӓndern kommen, sondern auch verschiedene Hintergründe und Meinungen hatten. Zum Beispiel Le aus Vietnam war der Ansicht: „Übersetzen ist eine einsame Arbeit. Durch Social Translating ist der Übersetzer nicht alleine und motivierter als sonst.“ Für mich als Redakteurin in einem Verlag ist wahnsinnig wichtig, dass die Übersetzung inhaltlich fehlerfrei ist. Besonders wenn das Buch sprachlich anspruchsvoll ist, geht schnell etwas schief. Social Translating hilft sehr, wenn es darum geht, schwierige Begriffe und Redewendungen zu klären. Falls ich etwas nicht verstehe, kann ich sogar direkt den Autor und andere Übersetzer fragen. Das hilft sehr und zeigt mir, worauf ich besonders achten muss. Das spart mir auch sehr viel Zeit und Arbeit.
Subroto lesend Foto: Goethe-Institut Korea
Zehn Übersetzerinnen und Übersetzer aus neun asiatischen Ländern arbeiten gemeinsam an der Übersetzung von Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“. Haben alle die gleichen Fragen und Schwierigkeiten mit der Übersetzung? Oder unterscheidet sich das stark von Land zu Land?

Wir haben häufig die gleichen Fragen und Probleme bei der Übersetzung, vielleicht weil wir alle aus Asien sind. Es fängt schon mit dem Titel Die Welt im Rücken an. Müssen wir den Titel alle wӧrtlich übersetzen oder kann man sinngemӓß und jeweils anders für die eigene Kultur übersetzen? Schließlich wird ein und dasselbe Buch gleichzeitig in verschiedenen Sprachen erscheinen. Und dann gibt es in dem Buch auch viele Fachwӧrter aus den Bereichen Psychologie und Psychiatrie. Im Zentrum des autobiographischen Buches steht die manische Depression (bipolare Störung) des Autors und wie er mit der Krankheit umzugehen versucht. Von dieser Krankheit wird in unserer Gesellschaft kaum gesprochen. Muss man dann in der Übersetzung die englischen Termini übernehmen oder sollte man versuchen, die Begriffe zu umschreiben oder zu erklären? Es gibt auch viele Wӧrter und Begriffe, die den deutschen Lesern bekannt sind, aber eben den asiatischen nicht, wie zum Beispiel Prenzlauer Berg. Sollen wir einfach den Namen hinschreiben oder erklӓren, dass der Prenzlauer Berg ein Viertel Berlins ist, das für seine Hipster-Cafe-Kultur und seine vielen Bioläden etc. bekannt ist? Diese Art von Fragen haben wir besprochen.

Was ist die größte Herausforderung bei der mongolischen Übersetzung?

Wie oben erwӓhnt mache ich mir Sorgen wegen der unbekannten Szenen im Buch. Einige Personen oder Dinge, die im Buch vorkommen, kennen unsere Leser vielleicht nicht. Das ist ein literarisches Buch. Deswegen kann nicht alles paraphrasiert oder durch Fußnoten erläutert werden. Vieles muss man genauso lassen wie im Buch. Schließlich gibt es auch muttersprachliche Leser, die bestimmte Sachen nicht kennen. Das ist dann eine Herausforderung, eine andere Welt kennen zu lernen und sich erschließen zu müssen. Darin sehe ich aber kein Problem, sondern eine Herausforderung und Motivation, Neues zu erfahren.
Publikum Foto: Goethe-Institut Korea/OZAK
Was macht Thomas Melles Roman für die Mongolei interessant? Welche Themen sind für die mongolische Gesellschaft relevant?

Durch seinen Roman kann man erleben und verstehen wie es ist, eine psychische Stӧrung zu haben. Der Autor hat eine bipolare Störung und sehr eindrücklich über seine Krankheit geschrieben. Psychische Stӧrungen werden in der Mongolei selten thematisiert. Aber laut Fachleuten leiden auch in der Mongolei immer mehr Menschen unter psychischen Krankheiten. Familienangehӧrige und Freunde der Betroffenen wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen, und die Kranken selbst werden von der Gesellschaft oft ausgegrenzt. Mit der Übersetzung des Buches leisten wir auch einen Beitrag dazu, dieses Thema in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Vielleicht wird es eine Diskussion über den Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Mongolei anstoßen. Darüber hinaus ist es ein beeindruckender, formal wie inhaltlich überzeugender und auch unterhaltsamer autobiographischer Roman, den ich jedem literarisch Interessierten nur empfehlen kann.

Wie geht es jetzt mit dem Projekt weiter? Wann können wir die Übersetzung von „Die Welt im Rücken“ auf Mongolisch lesen?
 
In den nächsten Monaten werden alle Übersetzer weiter an ihren Übersetzungen arbeiten und dabei über die Plattform untereinander und mit dem Autor in Kontakt bleiben. Im Oktober 2018 sollen alle Übersetzungen fertig sein und auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden. Das alles organisiert das Goethe-Institut und finanziert die Firma Merck Korea. Für diese großartige Idee und Arbeit bedanke ich mich bei dem Goethe-Institut Korea und Merck Korea ganz herzlich.
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