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4. Juli 2018
Dreimal Gesellschaft und andere unübersetzbare Dinge

Die Welt im Rücken Wortwolke Luhmann
© Goethe-Institut Korea

Von Sabine Müller. Fast täglich treffen sich Thomas Melle und die zehn Übersetzerinnen des Merck Social Translating Projektes auf der E-Book-Plattform Lectory. Ihr Austausch ist normalerweise nicht für Außenstehende zugänglich. Wir geben Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Einblick in die Fragen und vielen kreativen Lösungsvorschläge, die auf der Plattform diskutiert werden. 

„Kohlenkellerkindheit“, „Berghain“, „Sauna und doch so fern“ oder die „Luhmannvervollständigung“. Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“ ist reich an Wortneuschöpfungen, Wortspielen und sprachlichen Mehrdeutigkeiten. Das Repertoire an Bezügen zur deutschsprachigen, aber auch zur internationalen Literatur- und Theaterszene sowie zu Persönlichkeiten und Ereignissen aus Politik, Kunst und Kultur ist vielfältig. Die Erfahrungswelt des Autors, aus der sich dieses reiche Repertoire speist, findet unterschiedlich große Schnittmengen mit den Erfahrungswelten deutschsprachiger Leser. Allein das Alter oder bestimmte Interessen sorgen für unterschiedliche Assoziationen, die ein im Buch genannter Filmtitel oder Ort hervorruft, etwa im Zusammenhang mit dem Besuch eines angesagten Berliner Clubs oder mit Erinnerungen des Autors an seine Kinder- und Jugendtage im Bonn der 1970er und 1980er Jahre.
 
Der Anspruch an die Übersetzer und die Herausforderungen, mit denen sie beim Übersetzen des Romans in eine Sprache mit deutlicher Distanz zu deutschsprachigen Erfahrungs- und Lebensmilieus konfrontiert sind, sind entsprechend hoch. Jeder einzelne ist nicht nur als sprachlicher Brückenbauer gefragt, der ein Werk von einer Sprache in die andere überträgt, er ist vielmehr auch Mittler zwischen den Kulturen. Er muss hinterfragen, ob er den Text in seiner Tiefe mit all seinen Bezügen tatsächlich erfasst und begreift oder ob nicht etwa Referenzen für ihn selbst und/oder den künftigen Leser unerkannt bleiben. Was ist Stil des Autors, was ist sprachliche Konvention in der Ausgangssprache? Wie viel „Fremdheit“ kann und will er dem Leser zumuten? Für welche Passagen gilt es, Bezüge erklärend zu ergänzen? Wie texttreu lassen sich Wortspiele und Neologismen übertragen? Während Namen und Orte dem einen Leser bekannt sein mögen und Assoziationen hervorrufen, die die Textpassage entsprechend bebildern, können sie für den anderen Leser unnötig verrätselnd sein und den Zugang zum Text und seiner Intention schmälern oder gar völlig verstellen.

Die Welt im Rücken auf der E-Book-Plattform Lectory Bei Mehrdeutigkeiten können die Übersetzerinnen und Übersetzer die Begriffe im E-Book markieren und daneben ihren Kommentar oder ihre Frage einfügen. So sieht der Autor direkt, auf welche Textstelle sich die Frage bezieht. | © Goethe-Institut Korea via lectory.io
Diese Gefahr besteht natürlich bei jeder Übertragung. Und als Übersetzer oder als Übersetzerin wünscht man sich, sofern der Autor noch lebt, ihn mit Fragen bestürmen und jeden Zweifel und jede Unklarheit ausräumen zu können. Der digitale Austausch auf der E-Book-Plattform Lectory ermöglicht es dem einzelnen Übersetzer nicht nur, dem Autor von jedem Ort aus und zu jeder Zeit zum aktuellen Übersetzungsprojekt Fragen zu stellen, sondern auch mit Kollegen und Kolleginnen Anregungen, Ideen und Fragestellungen auszutauschen und zu diskutieren. Eine Markierung in der digitalen Ausgabe des Buches in der linken und ein Kommentar auf der rechten Bildschirmhälfte machen es für den Übersetzer überflüssig, Textstellen im Buch aufwändig anzugeben und das Problem (etwa per E-Mail) zu schildern, bevor dann erst der Autor dazu Stellung nehmen kann. Ein weiterer großer Vorteil des digitalen Austauschs ist zudem die Möglichkeit, auch Links, Fotos und Videos direkt an der gegebenen Stelle für alle sichtbar zu platzieren.

Umgekehrt kann der Autor gezielt Fragen vorgreifen, auf Referenzen aufmerksam machen und Hintergrundinformationen begleitend einstellen. Thomas Melle erreichen die Fragen der Übersetzer gebündelt, doppelte Fragen werden so vermieden, da sie für alle Mitglieder gleichzeitig sichtbar kommentiert werden. Der Autor verfolgt in diesem geschlossenen Raum zudem Kommentare und Anregungen der Übersetzer untereinander, wie etwa kreative Lösungen, mit denen eine Wortneuschöpfung oder ein Wortspiel übertragen wird. Auf völlig neue Art und Weise gewinnt er so auch einen Einblick in die Arbeit der Übersetzer, die sein Werk in Sprachen übertragen, die er selbst nicht beherrscht, und er erfährt von Fragestellungen an seinen Text und darüber hinaus, die sich durch interkulturelle Unterschiede ergeben. Durch die unmittelbaren Reaktionen des Autors, durch Fragen und Anmerkungen der Übersetzer sowie durch ergänzend eingefügte Materialien ergibt sich ein Quellen- und Informationspool, den sonst der einzelne Übersetzer erst durch zeitintensivere Recherchen hätte aufbauen müssen.

Die Plattform und der hier stattfindende Austausch bieten den Raum, um zu einer möglichst großen Klarheit des Geschriebenen, zu einem fundierten Verständnis und einem tieferen Eintauchen in die sprachlichen und kulturellen Dimensionen des Romans zu gelangen. Erst dadurch kann eine würdige Übersetzung entstehen.

Austausch zum Begriff „Luhmannvervollständigung“

Unter dem Jahr 1999, Kapitel 3, zu Beginn der manischen Phase. Aus Aufzeichnungen des Autors, 17. bis 21. September 1999 während des ersten Klinikaufenthalts. Jedem Abschnitt der Aufzeichnungen ist eine Uhrzeit mit Minutenangabe vorangestellt. Unter einer Aufzählung von Titeln, die der Autor in dieser Zeit liest, fällt auch der Name Luhmann.
Austausch zum Begriff „Luhmannvervollständigung“© Goethe-Institut Korea via lectory.io
 
Textstelle
Ich lese: „Lichte Gedichte“, „Abfall für alle“, „Preacher“, „Catull und Horaz“, wenig Wittgenstein. Wittgenstein ist mir gerade zu verrückt. Luhmannvervollständigung: Die Gesellschaft der Gesellschaft das Gesellschaft.

Übersetzer/in 1
Handelt es sich hier um eine Theorie von Luhmann? Und warum dreimal Gesellschaft?
 
Thomas Melle
Es wird im hier ebenfalls angehefteten Kommentar erklärt: eine Verballhornung seines Buchs "Die Gesellschaft der Gesellschaft"
 
Übersetzer/in 1
Alles klar, danke
Austausch zum Begriff „Die Gesellschaft der Gesellschaft das Gesellschaft“© Goethe-Institut Korea via lectory.io
Textstelle
Luhmannvervollständigung: Die Gesellschaft der Gesellschaft das Gesellschaft

Übersetzer/in 2
Das ist schwer zu übersetzen.

Thomas Melle
Ja, an sich der Titel von Niklas Luhmann „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, hier närrisch und dadaistisch durch „das Gesellschaft“ vervollständigt, „der, die, das“ - tatsächlich wahrscheinlich nicht übersetzbar, ein frei zu wählendes Pendant in Sachen Luhmann kann da erdichtet werden, das ebenfalls dada und crazy und etwas ZU witzig ist.
 
Thomas Melle

http://www.suhrkamp.de/buecher/die_gesellschaft_der_gesellschaft-niklas_luhmann_28960.html
 
Übersetzer/in 3

Noch schwieriger, weil es in Bengali „der, die, das“ nicht gibt.
 
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