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18. Juli 2018
Ob sich ein Elefant immer als ein Elefant finden lässt?

Wortwolke Elefant
© Goethe-Institut Korea

Von Sabine Müller. Fast täglich treffen sich Thomas Melle und die zehn Übersetzerinnen des Merck Social Translating Projektes auf der E-Book-Plattform Lectory. Ihr Austausch ist normalerweise nicht für Außenstehende zugänglich. Wir geben Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Einblick in die Fragen und vielen kreativen Lösungsvorschläge, die auf der Plattform diskutiert werden. 

Es sind nur wenige Mausklicks, die den Autor Thomas Melle und die zehn Übersetzerinnen und Übersetzer seines Romans „Die Welt im Rücken“ voneinander trennen. Auf der E-Book-Plattform Lectory steht ihnen ein geschlossener virtueller Raum zur Verfügung, in dem sie sich treffen und austauschen können. Die Beteiligten des Merck Social Translating Projektes können von jedem Ort aus und zu jeder Zeit übersetzungsrelevante Fragen und/oder Anmerkungen gezielt zu Textstellen oder aber als allgemeine Kommentare posten. Eine Markierung in der digitalen Ausgabe des Buches auf der linken und ein Kommentar auf der rechten Bildschirmhälfte sind für alle sichtbar und erlauben weitere Reaktionen und ganze Kommentarstaffeln. Nicht nur Wortbeiträge sind möglich, sondern auch Links, Fotos und Videos können direkt an der gegebenen Stelle für alle sichtbar platziert werden.

An dieser Stelle bieten wir ausgewählte Beispiele dieses regen Austauschs, die zeigen, mit welchen Fragen und Überlegungen sich die Übersetzer beim Übersetzen des Romans in ihre jeweilige Sprache mit deutlicher Distanz zu deutschsprachigen Erfahrungs- und Lebensmilieus beschäftigen und welche Bezüge der Autor mit Kommentaren in Wort, Ton und Bild zum tieferen Verständnis seines Texts herstellt.


Austausch zum Begriff „bipolar“

Der Begriff „bipolar“ zieht sich als einer der zentralen Begriffe durch den Roman. Thomas Melle bebildert ihn auf unterschiedliche Art und Weise, indem er etwa Bezug auf medizinische Erkenntnisse nimmt und diese mit Schilderungen eigenen Erlebens verknüpft.
 
Begriffe wie „bipolar“, „bipolare Störung“ oder „manisch-depressive Störung“ ließen sich doch, so könnte man auf den ersten Blick vermuten, in jedem Lexikon nachschlagen und entsprechend auch in Nachschlagewerken anderer Sprachen finden. Aber ist das tatsächlich so? Existiert ein adäquater Begriff in jeder anderen Sprache und teilen die Leser einer anderen Sprache eine vergleichbare gesellschaftlich geprägte Sicht auf die damit bezeichnete psychische Erkrankung?
 
Ein Auszug des Austauschs, der sich mit dem Begriff „bipolar“ auseinandersetzt, vermittelt einen Eindruck von den Herausforderungen an die Übersetzer. Im Prolog des Romans spricht Thomas Melle während eines Essens, das Freunde für ihn ausrichten, mit der ebenfalls anwesenden Henry, zu der er sich hingezogen fühlt.
 
Lectory Textstelle „Dass ich bipolar sei“© Goethe-Institut Korea via lectory.io
 

Textstelle
(…) Also sagte ich ihr wie beiläufig und leise, so leise, wie ich sonst selten sprach, aber sie selbst sprach leise, war kaum zu verstehen, zumal sie zu meiner linken und also tinnitusgeschädigten Seite saß: dass ich bipolar sei. Ich schätze, sie wusste das eh. Oder sie wusste irgendwas. Jeder wusste irgendwas.
 
Übersetzer/in 1
Gerade hier kommt ein Problem vor, ich meine bei der Übersetzung des Wortes „bipolar“, da in den meisten indischen Sprachen eher die englischen Wörter üblicher sind, wenn man physische oder psychische Krankheiten/Zustände beschreibt. Ich glaube, ich muss dann hier die englische Option wählen. Ein Marathi-Wort dafür wäre zu schwierig oder sogar unverständlich für den Leser.
 
Übersetzer/in 2
„Bipolar“ in diesem Zusammenhang kann man mit einem bengalischen Wort oder Ausdruck genau übertragen: দোমনা, মানসিক দোলাচলে ভোগা.
 
Übersetzer/in 3
In meiner Sprache, im Mongolischen, ebenso. Aber das ist ein Fachwort, das viele nicht kennen, wovon bei uns kaum noch gesprochen wird. Aber was das bedeutet, wird vom Kontext klar, denke ich. So freue ich mich darüber, dass das bei uns endlich zu einem Thema werden könnte.

Übersetzer/in 4
Interessant zu wissen, dass Fachtermini vielfach aus Fremdsprachen eingebürgert werden. Bei mir muss ein chinesisches Wort herhalten. Eine vietnamesische Entsprechung gibt es zwar, die kennt nur kein Mensch.


Austausch zum Begriff „Elephant in the room“

Dass jemand, der bipolar ist, wie Luft behandelt wird, erhellt sich aus der sich anschließenden Textpassage:
 
Lectory Textstelle „Elephant in the room“© Goethe-Institut Korea via lectory.io
 

Textstelle
Da steht also ein Elefant im Zimmer, nicht zu übersehen, und dennoch redet keiner über ihn. Vielleicht ist der Elefant peinlich

Übersetzer/in 5
Einen gleichen Ausdruck dafür diesen findet man kaum in meiner Muttersprache. Trotzdem versuche ich etwas ähnliches zu finden.
 
Thomas Melle
Es gibt diesen Ausdruck auch im Deutschen nicht. Deshalb wird er ja als englischer Ausdruck zitiert und dann auf deutsch erklärt. Meines Erachtens könnten Übersetzungen hier genau so verfahren: den englischen Ausdruck einfach kurz als englischen Ausdruck zitieren und dann die deutsche Erklärung des Elefantenbildes übersetzen. Hier würde ich also nicht „kreativ“ übersetzen wollen, sondern einfach am Text bleiben. Guten Tag!
 
Übersetzer/in 6
Ich bin auch der Meinung, dass man hier am Text bleiben sollte. Zum Glück haben wir in unserer Kultur das Tier Elefant :-)

Übersetzer/in 2
Ob sich ein Elefant immer als ein Elefant finden lässt. Die Verbindung der bekannten Wendung „the elephant in the room“ und der Beschreibung „eines Elefanten im Zimmer“ passt in der Darstellung so gut und natürlich zusammen. Auf ähnliche Weise eine inhaltliche und sinnbildliche Entsprechung für diese Textstelle auf Bengali zu finden, wird nicht leicht sein. Es könnte sein, dass „der Elefant“ dann wirklich „gehen“ würde.


AUSTAUSCH ZUM BEGRIFF „Elefant im Porzellanladen“

In Bezug auf diese Textstelle wird ein weiteres Bild diskutiert.
 
Lectory Textstelle „Elefant im Porzellanladen“© Goethe-Institut Korea via lectory.io
 

Textstelle
Das Porzellan (um ihn gleich durch sein zweites Bild stampfen zu lassen), das er zertreten hat, knirscht noch unter den Sohlen

Sabine Müller, Moderatorin
Hier geht das „Elefanten-Bild“ gleich weiter. Was macht ihr damit? Gibt es ähnliche Redewendungen in euren Sprachen?

Übersetzer/in 2
Für die Wendung „sich wie ein Elefant im Porzellanladen benehmen“ gibt es eine schöne Wendung auf Bengalisch: পদ্মবনে মত্তহস্তী - ein Elefant in heller Aufregung / im Wahnsinn in der Lotosblume. („পাগলা হাতি“ - „wahnsinniger/peinlicher Elefant“ ist auch eine beliebte Redewendung.) Dass „Lotos“ hier „Porzellan“ ersetzt, ist darin der einzige Unterschied. Dazu denke ich noch an die Wendung „unnötig Porzellan zerschlagen“. In der Passage taucht zunächst nur die eine Hälfte, das heißt „ein Elefant“ / „der Elefant“ / „ein solcher Elefant“ auf. Dann kommt die andere Hälfte, das heißt „das Porzellan...“ / „... von Porzellan“ vor. Das Ganze stimmt auch mit „bipolar“ in der vorigen Passage überein.
 
In der Übersetzung nehme ich für „Porzellan“ einfach „Lotos“, also „পদ্ম“ auf, weil es in der ganzen Passage natürlich erscheint und gleichzeitig eine ähnliche Form bzw. Stimmung und ein ähnliches Geheimnis bewahrt. Es passt im Gesamthintergrund sehr gut, sei es vom spielerischen Gebrauch einer Redewendung, von der zweiteiligen Beschreibung eines bestimmten Geisteszustands oder von der Gedankenverbindung her.
 
Was aber dabei ohne Zweifel zum Teil verloren geht, ist das Zusammenspiel vom Geräusch. Durch das im Hintergrund gebliebene Bild „পদ্মবনে মত্তহস্তী - ein Elefant in heller Aufregung / im Wahnsinn im Lotosbusch“ lässt sich noch wildes Geräusch nachempfinden. Aber die Geräusch erzeugenden Wörter wie „stampfen“ (কচর কচর মাড়িয়ে যাওয়া), „zertreten“ (খচর খচর থেঁতলে দেওয়া) oder „knirschen“ (কচমচ কচমচ শব্দ করে), die mit „Porzellan“ zu tun haben, wirken nicht mit „Lotos“. Was kann man da tun? Diesen Verlust vom Geräusch kann ich wieder in den Hintergrund drängen, indem ich für diese Verben passende Lautmalerei anwende. Das ist typisch für Bengali und ein schöner Weg für einen Übersetzer.
 
Thomas Melle
Das hört sich gut an, und vielleicht „raschelt“ der Lotos ja noch?
 
Übersetzer/in 2
Eher mild, aber er raschelt noch.


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