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14. August 2018
Das Orakel der Delfine

Wortwolke Delfine
© Goethe-Institut Korea

​Von Sabine Müller. Fast täglich treffen sich Thomas Melle und die zehn Übersetzerinnen des Merck Social Translating Projektes auf der E-Book-Plattform Lectory. Ihr Austausch ist normalerweise nicht für Außenstehende zugänglich. Wir geben Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Einblick in die Fragen und vielen kreativen Lösungsvorschläge, die auf der Plattform diskutiert werden. 

Es sind nur wenige Mausklicks, die den Autor Thomas Melle und die zehn Übersetzerinnen und Übersetzer seines Romans „Die Welt im Rücken“ voneinander trennen. Auf der E-Book-Plattform Lectory steht ihnen ein geschlossener virtueller Raum zur Verfügung, in dem sie sich treffen und austauschen können. Die Beteiligten können von jedem Ort aus und zu jeder Zeit übersetzungsrelevante Fragen und/oder Anmerkungen gezielt zu Textstellen oder aber als allgemeine Kommentare posten. Eine Markierung in der digitalen Ausgabe des Buches auf der linken und ein Kommentar auf der rechten Bildschirmhälfte sind für alle sichtbar und erlauben weitere Reaktionen und ganze Kommentarstaffeln. Nicht nur Wortbeiträge sind möglich, sondern auch Links, Fotos und Videos können direkt an der gegebenen Stelle für alle sichtbar platziert werden.
 
An dieser Stelle bieten wir ausgewählte Beispiele dieses regen Austauschs, die zeigen, mit welchen Fragen und Überlegungen sich die Übersetzer/innen beim Übersetzen des Romans in ihre jeweilige Sprache mit deutlicher Distanz zu deutschsprachigen Erfahrungs- und Lebensmilieus beschäftigen und welche Bezüge der Autor mit Kommentaren in Wort, Ton und Bild zum tieferen Verständnis seines Texts herstellt.

Austausch zum Begriff „Delfine sprangen mir aus dem Mund“

Unter dem Jahr 1999, Kapitel 30, während der ersten manischen Phase, kurz vor dem Zusammenbruch. Der Autor streift rastlos durch Berlin, verteilt Flugblätter, verhält sich auffällig. Erinnerungen an Szenen, die sich auf seinen Streifzügen durch die Stadt oder auch auf Veranstaltungen ereignet haben sowie Reaktionen von Freunden und Unbekannten wechseln sich ab mit Gedanken und Gedankenbruchstücken.
 
Lectory Textstelle „Delfine sprangen mir aus dem Mund“© Goethe-Institut Korea via lectory.io

Textstelle
Delfine sprangen mir aus dem Mund, und farblose grüne Idee schliefen wieder furios.
 
Übersetzer/in 1
Ist hier nur das Tier gemeint oder auch das Orakel von Delphi mitgemeint?
 
Thomas Melle
Nein, nur die Tiere, aber die Konnotation ist natürlich ganz schön.
 
Übersetzer/in 1
Dann wirkt mir das Bild etwas surrealistisch... wofür stehen die Tiere? Oder gibt es vielleicht eine solche Redewendung?
 
Thomas Melle
Nein, gibt keine Redewendung. Tatsächlich ist das Bild surrealistisch und ein wenig sinnlos. Im Zusammenhang damit das Chomsky-Zitat danach: „Der Linguist Noam Chomsky verwies auf den Satz “Colorless green ideas sleep furiously.” (deutsch: „Farblose grüne Ideen schlafen zornig.“) als Beispiel für einen unsinnigen, aber syntaktisch grammatischen Satz. Logisch bietet das keinen Sinn, denn Ideen sind nicht grün und schlafen nicht; was grün ist, kann nicht farblos sein, und wütendes Schlafen scheidet aus. In der Poesie hingegen kann ein solcher Satz durchaus einen Sinn haben. Unsinn zeichnet sich demnach nicht zwangsläufig durch fehlenden Sinn aus. Als Metapher könnte es im übertragenen Sinne „farblose grüne Ideen“ geben. Der Satz erhält so eine neue Bedeutung. „Grüne Ideen“ könnten die Ideen Grüner Politik sein. Diese erscheinen manchen Menschen als „farblos“ (im Sinne von wenig auffällig), sie schlafen noch, aber sind „unter der Decke“ bereits aktiv. So gedeutet erhält der Satz Sinn. Ob dieser verständlich wird, entscheidet sich auf einer anderen Ebene.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Unsinn
 
Thomas Melle
Es ist also so, vielleicht, dass einfach der Unsinn im Kopf übernommen hat. Der Delfinsatz ist dabei einfach ein schnelles Beispiel, und er kann visuell auch wörtlich genommen werden, wie im Comic. Die Delfine sind Teil des Unsinns, und der Leser weiß nicht ganz, was das soll.
 
Übersetzer/in 1
Okay, dann wäre es besser, den Satz wörtlich ins Japanische zu übersetzen. Danke für den Verweis auf Chomskys Satz!
 
Thomas Melle
Ja, genau, wörtlich. Auf deutsch macht er genauso wenig oder viel Sinn, wie es Dir gerade vorkommt. Wie ein scharfes Comicbild ohne Sinn für den weiteren Fortgang der Geschichte. Durchaus ein Minisurrealismus. Gerne, Grüße

Die „springenden Delfine“ überraschen den Leser an der Textstelle durch den surrealen Zusammenhang. Der Bezug zu Chomsky im anschließenden Satzteil ist nicht jedem Leser geläufig. Über den Austausch wird deutlich, welche weiteren (literarischen und philosophischen) Dimensionen der Roman durch seine Bezüge erhält.

Eine Leseempfehlung: Der Titel des Linguisten und einflussreichen Intellektuellen Noam Chomsky, auf den Thomas Melle verweist, lautet Syntactic Structures. Er erschien 1957, Mouton, Den Haag und 1989 bei de Gruyter, Berlin/New York 1989.

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