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29. August 2018
Der Titel: nicht nur eine übersetzerische Herausforderung

Wortwolke „Die Welt im Rücken“
© Goethe-Institut Korea

​Von Sabine Müller. Fast täglich treffen sich Thomas Melle und die zehn Übersetzerinnen des Merck Social Translating Projektes auf der E-Book-Plattform Lectory. Ihr Austausch ist normalerweise nicht für Außenstehende zugänglich. Wir geben Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Einblick in die Fragen und vielen kreativen Lösungsvorschläge, die auf der Plattform diskutiert werden. 

Im November 2017 trafen sich die Übersetzerinnen und Übersetzer des Merck Social Translating Projektes zum ersten Mal persönlich in Seoul. Bereits während dieses Auftakttreffens entbrannte eine lebhafte Diskussion über den Titel des Romans und seine Mehrdeutigkeit. Auch wenn im Laufe des Übersetzungsprozesses ein Arbeitstitel der Übersetzung für die Kommunikation zwischen Übersetzerinnen, Verlag und Lektoren ausreicht, gilt es am Ende, sich auf einen Titel zu verständigen. Entscheidet die Übersetzerin oder der Verlag über den Titel? Welche Überlegungen spielen dabei eine Rolle, insbesondere bei einem Titel, der in der Originalsprache einen derart weiten Raum für Assoziationen bietet?
 
Die Lectory-Plattform bietet neben der Möglichkeit, Kommentare und ganze Kommentarstaffeln direkt an Textstellen des Romans zu platzieren, auch einen Bereich für „Allgemeine Kommentare“. Hier können die Mitglieder der Plattform ihre Fragen, Anregungen und Anmerkungen posten, die sich auf das Buch im Allgemeinen oder auf zusätzliche Materialien beziehen.

Austausch zum Titel des Buches

Der folgende Austausch zum Titel des Buches zeigt sowohl Posts der Übersetzerinnen und Übersetzer, die zu Beginn des Austauschs im Bereich „Allgemeine Kommentare“ auf der Plattform platziert wurden, als auch die Posts am Titel im Bereich des direkten Austauschs.
 
Lectory Titeldiskussion© Goethe-Institut Korea via lectory.io

Übersetzer/in 1
Schon der Buchtitel zieht mich an! Wie kann ich den Titel - in Bezug auf die Äquivalenzfrage - in meine Sprache übersetzen? Im Englischen hat man es leicht.
 
Übersetzer/in 2
Ich stimme Übersetzer/in 1 zu. Die gleiche Frage hatte ich auch, nämlich, ist das nicht die Welt auf dem oder hinter dem Rücken?
 
Übersetzer/in 3
Hallo, liebe KollegInnen, habt Ihr schon einen passenden Titel in Eurer Sprache gefunden? Ich beziehe mich gern auf unsere Diskussion beim ersten Treffen in Seoul, wo jeder etwas dazu gesagt hat. Ich denke, ich könnte einen Titel finden, der sowohl auf die eigentliche Bedeutung / Deutung „schwere Last der Welt auf dem Rücken tragen“ oder „sich von der Welt verfolgt fühlen“ hinweist als auch in meiner Sprache auf eine Redewendung, auf ein leicht zu entschlüsselndes Bild anspielt. Ich habe an zwei oder drei solcher Optionen gedacht, muss aber mit meiner Lektorin und Verlegerin darüber sprechen. Ich hätte gerne gewusst, an welche möglichen Optionen ihr denkt.
 
Übersetzer/in 4
Ich habe erst mal als „Arbeitstitel“ AM ABGRUND ENTLANG. Etwas reißerisch ja, etwas billig auch, aber ein Buchtitel sollte auch dazu animieren, dass einer reinschaut :p

Lectory Titeldiskussion© Goethe-Institut Korea via lectory.io
 

Sabine Müller, Moderatorin
Während unseres Treffens in Seoul haben wir lange über den Titel diskutiert. Unser Verständnis bzw. unsere Assoziationen reichten von „Die Welt im Nacken haben“ im Sinne von sich von ihr verfolgt fühlen; „Im Rücken“ auch als Bild von „auf dem Rücken tragen, schwer daran zu tragen haben“, bis hin zu „abgewandt von der Welt sein“, oder positiv „Die Welt im Rücken als Unterstützung“. Meine Frage an euch: Habt ihr inzwischen einen Titel für eure Übersetzung gefunden? Könnt ihr die Wendung in euren Sprachen auf Deutsch erklären?
 
Thomas Melle
Das würde mich selbstverständlich auch interessieren!
 
Thomas Melle
Die positive Lesart mit der „Welt im Rücken als Unterstützung“ ist, wie gesagt, drin, würde ich aber immer vernachlässigen wollen, müsste ich mich entscheiden. Das Weltabgewandte, Bedrohliche muss vor allem zum Ausdruck kommen.
 
Übersetzer/in 5
„Die Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben.“ Ist dieser Satz auf der letzten Seite nicht positiv gemeint? Denn ich denke, der Titel, der nochmal auf der letzten Seite vorkommt (und zwar als „nicht aufzugebende Welt im Rücken“) ist sehr wichtig für seine Lesart.
 
Thomas Melle
Das am Ende ist eine positive Wendung des Titels, ja. Wie eine Überraschung. Dennoch würde ich, wenn man sich entscheiden müsste, immer die negative Lesart für den Titel an sich vorziehen.
 
Sabine Müller
In Seoul bei unserer Diskussion zum Titel kam dies auch so heraus.

Übersetzer/in 6
Die Welt hinter dem Rücken!

Lectory Titeldiskussion© Goethe-Institut Korea via lectory.io
 

Sabine Müller, Moderatorin
Liebe Runde, in diesem Zusammenhang noch eine weitere Frage: Inwieweit könnt ihr bei der Wahl des Titels (mit-) entscheiden? Oder ist das allein die Sache des Verlags? Vielen Dank für eure Rückmeldungen.
 
Übersetzer/in 4
Im Grunde folgt der Verlag den Vorschlägen des Übersetzers. Mein Arbeitstitel heißt „Am Abgrund entlang“ und droht auch realisiert zu werden :p
 
Sabine Müller
Hallo zusammen, inzwischen gibt es vielleicht schon weitere Arbeitstitel, die „drohen“, realisiert zu werden. Schreibt doch gerne hierzu, wenn ihr in Absprache mit dem Verlag bereits den Titel gewählt habt. Danke!

Thomas Melle
Ich möchte hierzu nur schnell anmerken, dass man sich von dem Cover auch nicht allzu stark beeinflussen lassen sollte. „Am Abgrund entlang“ ist okay, aber diese Absturz-Metaphorik reduziert das Thema des Buches auf eben nur diese (und das deutsche Cover hat da die Weichen gestellt). Bipolarität ist kein Seiltanz, es ist ein Auf und Ab mit Absturzgefahr. Das deutsche Cover mit dem „Seiltanz“ betont die Gefahr, aber so vorsichtig, wie man auf einem Seil geht, ist man als Bipolarer nicht. Das nur als Nebenhinweis.
 
Übersetzer/in 5
Der Titel der koreanischen Übersetzung lautet: Die Welt im Rücken. Und der Untertitel: Die Chronologie meiner Bipolarität.
 
Übersetzer/in 7
Der mongolische Titel würde Die Welt auf dem Rücken heißen, ist auch zweideutig in der Sprache. Das ist aber immer noch eine vorläufige Entscheidung, wird aber nicht gänzlich geändert.
 
Übersetzer/in 4
Eine mehrdeutige vietnamesische Entsprechung will sich bis heute nicht finden. Mein Arbeitstitel heißt sinngemäß „Am Abgrund entlang“. In der Regel folgt der Verlag den Vorschlägen des Übersetzers.

Er soll zum Buch passen, er soll gut klingen und er soll zum Lesen und zum Kauf des Buches anregen: Der Titel eines Buches existiert zwar schon im Werk in der Originalsprache der Autorin oder des Autors und er müsste eigentlich „einfach nur“ übersetzt werden, aber so einfach ist es eben nicht. Ein Eigenname oder ein Wort in der Originalsprache „funktioniert“ nicht zwangsläufig in der Übersetzung. Enthält der Titel ein Wortspiel oder eine Wortneuschöpfung, wie der Austausch zeigt, wird es noch schwieriger. Interessant ist es, in einem übersetzten Buch einmal vorne nachzuschlagen, wie der Titel im Original lautet und, sofern man ihn übersetzen kann, mit der deutschen Variante zu vergleichen.
 

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