Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

12. September 2019
Spiel mit den Worten!

Wortwolke Wortspiele
© Goethe-Institut Korea

​Von Sabine Müller. Fast täglich treffen sich Thomas Melle und die zehn Übersetzerinnen des Merck Social Translating Projektes auf der E-Book-Plattform Lectory. Ihr Austausch ist normalerweise nicht für Außenstehende zugänglich. Wir geben Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Einblick in die Fragen und vielen kreativen Lösungsvorschläge, die auf der Plattform diskutiert werden. 

Es können Buchstaben, Wortteile oder ganze Wortfolgen sein, die uns in ihrer Abweichung vom üblichen Gebrauch beim Lesen zum Stolpern und – meist auch – zum Schmunzeln bringen. Zum spielerischen Umgang mit der Sprache gehören etwa Mehrdeutigkeiten oder sinnverkehrende Veränderungen von Wörtern.  Sicherlich zeichnet es den Nichtmuttersprachler aus, wenn er Wortneuschöpfungen und Wortverdrehungen in der Fremdsprache als solche mühelos erkennt und den damit verbundenen Anklang erfasst. Für das Merck Social Translating Projekt wurde an Wortspielen und Wortwitz besonders reiches Buch ausgewählt. „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle stellt die Übersetzerinnen und Übersetzer damit vor ganz besondere Herausforderungen. An dieser Stelle zeigen wir einige Beispiele, wie die Übersetzerinnen und Übersetzer des Projekts mit diesen spielerischen Stolpersteinen umgehen und welche Hilfestellungen ein Autor beitragen kann, der selbst auch Übersetzer ist.

Austausch zu Wortspielen

Das dritte Kapitel des Romans besteht aus Aufzeichnungen des Autors in der Zeit zwischen dem 17. und 21. September 1999, der Zeit des ersten manischen Schubs. Es enthält eine Fülle von sprachlichen Abweichungen, Wortspielen und Wortneuschöpfungen. Jeder Notiz ist eine Uhrzeit mit genauer Minutenangabe vorangestellt. Thomas Melle merkt zu dem Kapitel an: „Bei dem ganzen Kapitel ist zu beachten, dass dies tatsächlich authentische Notizen des Psychotikers sind, der ich zu jener Zeit war. Also ist mit normaler Logik eher nicht zu rechnen.“
 
Lectory Sauna und doch so fern© Goethe-Institut Korea via lectory.io

Textstelle
(Tagebucheintrag) 11:00 Uhr: SAUNA UND DOCH SO FERN


Übersetzer/in 1
Und wie habt ihr das übersetzt? Eher wörtlich?
 
Thomas Melle

Da müsste man ein Wortspiel mit Nähe und Ferne finden - sehr schwierig, denke ich.

Übersetzer/in 2
Sehr witziges Wortspiel mit der Redewendung „So nah und doch so fern“!

Lectory Schrägere-als-sonst© Goethe-Institut Korea via lectory.io

Textstelle
Wie soll man da eigentlich noch Vertrauen haben in die engsten Freunde, wenn noch die kleinsten, vielleicht schrägere-als-sonst Aktionen sofort konspirativ kolportiert und letztendlich wirklich gegen einen verwandt werden? Was sagt die Sprache denn da? „Verwandt?“

Sabine Müller, Moderatorin
Eine schöne Perle, aber übersetzerisch knifflig.
 
Thomas Melle

Ja, Doppelbedeutung „verwandt“ (Partizip Perfekt von „verwenden“ einerseits - und andererseits „verwandt“ als „zur selben Familie gehörig“). Muss jeweils irgendetwas Ähnliches gefunden werden, wenn das denn möglich ist.

Lectory Dichter dicht© Goethe-Institut Korea via lectory.io

Textstelle
Nachtruhe im Direktoratsbett, so machen wir das.
Dichter dicht, laut und flüssig inzwischen

Thomas Melle
Wortspiel.
 
Übersetzer/in 3
Das Dichter dicht, laut und flüssig machen, was bedeutet das?
Dichter machen zu, betrinken sich und werden laut? So verstehe ich das. Ob das stimmt?
 
Thomas Melle
„Dichter dicht“ kann man so lesen, Dichter betrunken, ja (auch wenn der Erzähler kaum betrunken sein wird in der Klinik). Aber es ist einfach ein Spiel mit der Sprache. „Laut und flüssig“ macht keinen eindeutig überfühlbaren Sinn. Einfach wörtlich übersetzen - der Text hat eben auch seine Rätsel. Ist doch klar bei psychotischen Texten.

 

Lectory Entlösung© Goethe-Institut Korea via lectory.io

Textstelle
17.47 Uhr: Ulrich Janetzki kontaktieren, gleich nächsten Monat. Rauchen und Schauen. Warten auf Entlösung, mit -t-. Entschuldigung, ich wollte nix Böses. Ich gut. Gut und krank, in Heilanstalt. Wo ist der Grund? Wo ist der Grund?

Thomas Melle
Allerdings wird das (eine übersetzerisch elegante Lösung) kaum möglich sein. Man muss hier wohl einmal laut sagen, dass in diesem psychotisch geprägten Tagebuchausschnitt logische und geschmackliche Brüche vorkommen, etwa hier wird ja auf ein schlimmes Kapitel der deutschen Geschichte angespielt, ohne es ganz auszusprechen: https://de.wikipedia.org/wiki/Endl%C3%B6sung_der_Judenfrage - hier aber ist das Wort eine Mischung eher von „Erlösung“ und einer privaten „finalen Lösung“ („Entspannung“ vielleicht auch) der Probleme. Dass einem Psychotiker solche Wortspiele einfallen, auch geschmacklose, ist nur typisch. Den Nachhall der historischen „Endlösung“ kann man vernachlässigen, vielleicht sollte man einfach „Erlösung“ übersetzen, womöglich mit einem seltsamen Wortspiel verbunden.
 
Übersetzer/in 4
Sehr hilfreiche Erklärung. Danke!

 

Deutlich wird anhand dieses Austauschs einmal mehr, dass Thomas Melle neben seiner Eigenschaft als Autor des Romans auch als Übersetzerkollege auf Fragen der Übersetzerinnen und Übersetzer eingeht bzw. vorgreift und weiß, worauf es bei der Übertragung von Wortspielen in eine andere Sprache ankommt. Thomas Melle hat mehrere Romane aus dem Englischen übersetzt, unter anderem Huren für Gloria und Hobo Blues von William T. Vollmann oder A Single Man von Christopher Isherwood.

 

Top