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17. Dezember 2018
Das Merck Social Translating Projekt auf der Frankfurter Buchmesse 2018

Social Translating Podiumsdiskussion am Weltempfang
Social Translating Podiumsdiskussion am Weltempfang | Foto: Goethe-Institut/Markus Kirchgessner

„Man jongliert mit zwei Welten“ - ein Gespräch zwischen den Übersetzerinnen Anchalee Topeongpong (Bangkok) und Ashani Ranasinghe (Colombo) auf der Frankfurter Buchmesse am 13. Oktober 2018.

Samstagmittag, Halle 4.1, Publikumstag auf der Frankfurter Buchmesse und es herrscht reger Verkehr zwischen den Verlagsständen. Anchalee und Ashani verschnaufen bei einem Kaffee im Areal des Weltempfangs, auf der soeben ein Translation Slam begonnen hat.
 
Anchalee hat Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“ ins Thailändische und Ashani ins Singhalesische übersetzt. Gemeinsam mit den acht anderen teilnehmenden Übersetzerinnen und Übersetzern des Merck Social Translation Projektes besuchten sie im Oktober 2018 in Frankfurt die größte Buchmesse der Welt. Hier findet das Pilotprojekt seinen Abschluss. Neben der Podiumsdiskussion am vorangegangenen Donnerstag, bei der Dr. Marla Stukenberg, Leiterin des federführenden Goethe-Instituts Seoul, der Autor Thomas Melle und drei der Übersetzer/innen (Sunanda Mahajan, Jisung Kim, Ariuntsegseg Ganbold) das Projekt vorstellten, stehen Besuche beim Rowohlt Verlag, einer Führung hinter die Kulissen der Frankfurter Buchmesse oder Besuche unabhängiger Verlage auf dem Programm. Zusätzlich bleibt Zeit, um eigene Termine wahrzunehmen oder sich in den Messehallen umzuschauen.

Die Kaffeepause bietet den beiden erfahrenen Übersetzerinnen Gelegenheit, ihre Erfahrungen aus dem Merck Social Translating Projekt Revue passieren zu lassen.

Die Übersetzergruppe beim Rowohlt Stand Die Übersetzergruppe beim Rowohlt Stand | Foto: Goethe-Institut/Meng-Ru Yang
Ashani: (…) Für mich beschreiben vor allem drei Stichworte das letzte Jahr während des Austauschs und meiner Übersetzungsarbeit: Herausforderung, Kampf und Überleben.

Anchalee: Oh, ja, mit „Überleben“ kann ich sofort etwas anfangen (lacht). Aber beschreib mal, wie das für dich war.
 
Ashani: Also, eine Herausforderung war es in erster Linie wegen des Themas. Es ist ja eine Art autobiographischer Roman, in dem Thomas Melle, kurz gesagt, drei Episoden seiner Krankheit der bipolaren Störung beschreibt. Bei uns in Sri Lanka ist diese Erkrankung zwar kein Tabuthema, aber dennoch wird nicht viel darüber gesprochen.

Und das führt gleich zum zweiten Stichpunkt, nämlich dem Kampf. Wenn die Übersetzung eine Bühne ist, dann kämpften dort sozusagen zwei Kulturen miteinander. Und ich als Übersetzerin musste zwischen ihnen vermitteln. Einerseits ist da der Autor, was macht er in diesem Roman, wie schreibt er? Und andererseits sind da die Leser in meinem Land, was sollen sie lesen, wie verstehen sie das Geschriebene? Der Kampf wurde nicht nur sprachlich geführt, sondern auch hinsichtlich der Bedeutung, des Stils, und es gab Nebenschauplätze, wie etwa die Wahl des Titels. Es waren an etlichen Stellen weiterführende Erklärungen meinerseits notwendig. Nur ein kleines Beispiel, über das wir schon viel gesprochen haben: das Wortspiel „Sauna und doch so fern“. Das ließ sich einfach nicht ins Singhalesische übertragen, ohne dass der Sprachwitz und gleichzeitig der Anklang der „Einsamkeit“ verloren gegangen wären. Das bedurfte mehrerer Sätze in meiner Sprache. Der dritte Punkt ist das „Überleben“. Ich fand großartige Unterstützung durch die anderen Übersetzer auf der Plattform und den Austausch miteinander.

Anchalee: In puncto Herausforderung stimme ich dir voll und ganz zu. Das Thema Krankheit wird in Thailand nur selten thematisiert. In meinem Fall war es aber so, dass die Verlegerin ein persönliches Interesse an diesem Roman hatte. Sie  interessierte sich für die literarische Verarbeitung des Themas Krankheit. Am Anfang dachte ich, die Herausforderung liegt im Thema. Aber dann beschäftigte ich mich intensiver mit der Sprache. Das war ein Hürdenlauf. An etlichen Stellen bin ich steckengeblieben und verbrachte an manchen Tagen stundenlang mit der Übersetzung einer einzigen Wendung. Die anderen Übersetzer waren ja in der gleichen Lage. Die Frage war, wie lässt sich Melles Sprache übertragen? Man jongliert mit zwei Welten, wie bei einem Seiltanz. Aber genau das ist auch das Spannende.

Du hast eben das Beispiel „Sauna“ erwähnt. Ich habe versucht, das Wortspiel zu erhalten, es sollte diese humorvolle Konnotation haben, nicht so bluternst sein. Das Thailändische ist eine tonale Sprache, wir haben fünf Töne, da lassen sich Bedeutungen durch eine andere Betonung sehr gut variieren. Es gibt also fünf Mal „sau“. Je nach Betonung kann es etwa „Säule“ (steigender Ton) oder „traurig“ (hoher Ton) bedeuten. Ich habe mich für das „Traurige“ entschieden und habe noch etwas variiert. Heraus kommt folgendes: „Sauna, mai tong sao na!“ Also wörtlich übersetzt etwa „Sauna, sei doch nicht traurig!“
Übersetzerinnen Ranasinghe und Ganbold mit Autor Thomas Melle Übersetzerinnen Ranasinghe und Ganbold mit Autor Thomas Melle | Foto: Goethe-Institut/Marilen Daum
Ashani: Wie war bisher das Feedback zu deiner Arbeit?
 
Anchalee: Es gab unterschiedliche Meinungen zum Buch. Einig sind sich aber alle darüber, dass Mut und Experimentierfreude dazugehört. Das passt ja auch zu dem gesamten Projekt, da es neuartig ist. Und wir sind doch alle experimentierfreudig.

Es hat unheimlich viel gebracht. Wenn ich zurückblicke, haben wir viel erreicht. Es ist ein einmaliges, innovatives Projekt. Und es ist nah an der Realität. Wir leben in der digitalen Welt, Arbeitsprozesse sollen schnell und effektiv sein. Und hier stand neben diesen Anforderungen an die übersetzerische Arbeit der Austausch im Mittelpunkt. Wir konnten viel voneinander lernen, wir haben tiefe Einblicke in die Kulturen der anderen gewonnen.
 
Ashani: Da man in unserem Land wenig über das Thema des Romans spricht, kommt es darauf an, wie man das Buch dort bewirbt.

Anchalee: Wenn die richtige Werbung für das Buch gefunden ist, wird es bei der Veröffentlichung einschlagen, da bin ich mir sicher. Man darf die Leser nicht mit dem Thema „Krankheit“ abschrecken. Man muss vielmehr darauf abzielen, dass es sich um ein „neues Thema, einen neuen Autor und dessen innere Welt und seiner einmaligen sprachlichen Darstellung“ handelt.

Ashani: Ja, denn eine solche Erkrankung und überhaupt persönliche Erfahrungen damit gibt es ja überall auf der Welt, auch wenn nicht in jedem Land  darüber geschrieben wird. Wir haben mit dem Verlag einen Ansatz gefunden. Der Verleger ist mit einer Theatergruppe bzw. einer Gruppe von Schauspielern befreundet. Er möchte die Vorstellung des Buches mit der Inszenierung eines Theaterstücks begleiten. Die Aufführung kann als Forum des Austauschs dienen. Nicht der gesamte Roman soll als Theaterstück aufgeführt werden, sondern nur ein Teil, eine längere Szene etwa. Als Aufführungsort eignet sich die Universität, meine Germanistik-Abteilung. Das Stück soll zweisprachig aufgeführt werden. Meine Studenten werden über das Thema diskutieren können. Eine der Fragen, die wir bisher diskutierten, lautet, ob ein Mann oder eine Frau die „Hauptrolle“ spielen wird.
 
Anchalee: Auf dem Cover deiner Übersetzung ist eine Abbildung einer Person mit einem Hut mit breiter Krempe. Da weiß man auch nicht, ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handelt.
 
Ashani: Ja, das Cover drückt Ambivalenz aus. Die Person ist am unteren linken Rand zu sehen, nicht etwa in der Mitte des Covers, die Farbe Rot ist zufälligerweise meine Lieblingsfarbe.

In Melles Roman geht es natürlich um einen Mann, also Melle selbst. Aber die Geschichte der Erkrankung kann jeden Menschen treffen, sie geht alle an. Daher auch im Theaterstück die Frage: Mann oder Frau.

Meine Lektorin fragte, ob sich das Thema wohl verkaufen lässt. In Sri Lanka haben wir im Hinblick auf deutschsprachige Literatur vor allem ein Topthema, das sind Hitler und der Holocaust. Meine Übersetzungen, die sich darum oder um ein verwandtes Thema drehten, erhielten gute Besprechungen und Feedbacks. Als ich Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ übersetzt hatte, wurde ich gefragt, was so interessant an diesem Thema sei. Wenn es um Deutschland geht, interessieren wie gesagt vor allem Hitler, der zweite Weltkrieg und die Überlebenden des Holocausts.

An der Uni wollen wir daher versuchen, uns von dieser klischeehaften Vorstellung zu lösen. Für mich ist Thomas Melles Roman neben „Das Parfum“ daher der zweite Versuch in diese Richtung. Die Lektorin ist wie gesagt skeptisch, es bleibt abzuwarten, wie der Roman besprochen wird.

Anchalee: Deshalb ist es gut, dass das Goethe-Institut etwas Neuartiges in dieser Richtung angestoßen hat.
 
Ashani: Wir versprechen uns von dem Theaterstück, dass neue Vorstellungen und Bilder im Zusammenhang mit der Literatur entstehen und Interesse an anderen Themen geweckt wird.
Topeongpong beim Lilienfeld Stand Topeongpong beim Lilienfeld Stand | Foto: Goethe-Institut/Marilen Daum
Anchalee: Krankheiten kommen überall vor, sie sind etwas Universales. Aber Thomas Melle hat auch im deutschsprachigen Raum etwas Neues angestoßen, mit der Art wie er über seine eigene Erkrankung schreibt. Das gab es vorher so nicht in der deutschsprachigen Literatur. Ich denke, über Schwächen spricht man überall im Allgemeinen ungern. Insofern hat Thomas großen Mut gezeigt. Sprachlich ist er herausragend.

Ashani: Ja, da bin ich deiner Meinung
 
Anchalee: Allein die Wahl des Titels ist sprachlich neu, aber auch knifflig für Übersetzer. Wir wollten ursprünglich alle Elemente des Titels „Die Welt im Rücken“ beibehalten. Aber das ging einfach nicht. Die „Welt“ sollte in jedem Fall erhalten bleiben und ein Bezug zur Erkrankung. Wir haben den Titel entsprechend gewählt „In der bipolaren Welt“. „Bipolar“ ist allerdings kein medizinischer Fachbegriff, auf Thai kann es auch heißen „konfus“, das heißt, auch die Welt kann konfus sein.
 
Ashani: In meinem Fall hat sich der Verlag für den Titel entschieden und hat eine Entsprechung zu „bipolar“ gewählt, wörtlich übertragen ließe sich das mit „Ich verliere mich“ oder aber auch „Verlorenes Ich“.

Wenn ich mir vorstelle, welchen großen Mut Thomas Melle gezeigt hat. Ich selbst kann mir das für mich nicht vorstellen.

Übrigens ist das nicht nur mein erster Besuch auf der Frankfurter Buchmesse, sondern zum ersten Mal ist überhaupt eine singhalesische Übersetzung auf dieser großen Bühne vertreten.
Die Podiumsdiskussion mit Publikum Die Podiumsdiskussion mit Publikum | Foto: Goethe-Institut/Markus Kirchgessner
Anchalee: Die Messe erlebe ich als unglaublich bunt und lebendig. Unser gemeinsamer Besuch und das Programm waren  toll.
 
Ashani: Ein spannendes Programm.
 
Anchalee: Ich finde es klasse, dass wir die „Pioniergruppe“ sind und das Merck Social Translating Projekt hier vorgestellt wird. Schön wäre, wenn man darüber hinaus noch weitere Vorstellungsmöglichkeiten hätte, etwa Audiovisuelles oder Digitales über einen Monitor an einem Stand. Das wäre mein Vorschlag für eine mögliche zweite Runde eines solchen Projekts.

Ich habe das Mitmachen in keinem Fall bereut und würde noch einmal mitmachen.
 
Ashani: Da schließe ich mich ganz an.

Anchalee: Ich würde gern als Zaungast dabei sein oder unterstützend für die nächste Gruppe der Übersetzer. Oder bei der Auswahl des Buches.
 
Ashani: Für Übersetzer ist es einfach eine große Hilfe und Unterstützung.
 
Anchalee: Man hat beim Übersetzen ja häufig keine Zeit für einen Austausch mit anderen Kollegen, man übersetzt meist unter enormem Zeitdruck. Aber eins habe ich vor allem gelernt, wie wichtig dieser Austausch ist und dass man viel Zeit, etwa für Recherchen oder die Klärung vieler Bedeutungen, spart. Für weitere Bücher würde ich einen solchen Austausch gerne wieder nutzen können. Es ist eine große Chance.
 
Ashani: Wir leben in einer schnellen Welt und die Literatur kann dazu beitragen, die Welt etwas „kleiner“ zu machen, im dem Sinne, dass man ein besseres Verständnis Themen gegenüber aufbringen und gewinnen kann. Die Übersetzer lenken den Blick auf das Lesen, die Literatur. Hier lässt sich Toleranz zeigen, eine Verbindung aufbauen, die Vielseitigkeit der Welt abbilden, andere Meinungen, und wie wichtig es ist, tolerant zu sein. Das zeigt sich auch unter den Übersetzern.

Das Projekt zeigt das in aller Fülle. Es ging um die Übersetzung von Thomas' Roman und den Austausch mit ihm und unter uns. Und dieser Austausch war mit dem Besuch in Seoul im letzten Jahr und nun der Messe in Frankfurt nicht nur digital. Gestern Abend, als wir in der Kneipe Germania waren und eigentlich alle müde waren, da kamen wir bei einem Ebbelwoi zusammen, das ist Leben.

Die Kaffeepause mit lebhaftem Rückblick auf die Zeit des Übersetzens und Ausblick auf künftige Aktivitäten geht zu Ende, Anchalee und Ashani setzen ihren Rundgang auf der Messe fort, bevor sie am Abend mit allen Übersetzerinnen und Übersetzern zu einem gemeinsamen letzten Abendessen zusammen kommen werden.

 
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