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20. Dezember 2019
„Ich möchte das, was ich interessant finde, mit anderen teilen“

Naoko Hosoi
Foto: Naoko Hosoi

Naoko Hosoi zum Austausch „Verzeichnis einiger Verluste“. Ihre Leidenschaft für das Lesen und für deutschsprachige Literatur hat sie zum literarischen Übersetzen geführt. Diese Leidenschaft führte sie nun zum Social Translating Projekt, eine „neue, offene Methode des Übersetzens“. 

Naoko Hosoi studierte Germanistik an der Keio Universität in Tokio und an der Universität zu Köln. Ihre Leidenschaft für das Lesen und für deutschsprachige Literatur hat sie zum literarischen Übersetzen geführt. „Ich lese sehr gern und durch das Übersetzen kann ich mich intensiver mit den Büchern auseinandersetzen,“ erklärt die Übersetzerin und ergänzt: „und ich möchte das, was ich interessant finde, mit anderen teilen.“ Dass dies ein Glücksfall für das Social Translating Projekt ist, stellte sich schnell heraus. Im Rahmen des Projekts überträgt sie Judith Schalanskys Werk „Verzeichnis einiger Verluste“ ins Japanische und engagiert sich rege beim digitalen Austausch auf der Lectory-Plattform mit der Autorin sowie ihren Übersetzerkolleginnen und -kollegen. „Verzeichnis einiger Verluste“ stellt hohe Ansprüche an übersetzerisches Gespür und Können, und die Fülle an historischen, kulturellen und geographischen Bezügen erfordert umfangreiche Recherchen. Auch wenn Naoko Hosoi vom Buch als Ganzes angetan ist und seine inhaltliche Vielfalt schätzt, gesteht sie ein, dass es komplex komponiert ist, vor allem das Vorwort stelle eine besondere Herausforderung dar. Die Idee, Verlorenes aufzulisten, überzeugte sie jedoch von Anfang an. „Der kosmische Blick, alles Geschehen auf der Erde - ob Natur oder Kultur - mit Distanz zu beobachten und aufzuschreiben, und die Mischung von sachlichen, nüchternen und poetischen Referenzen faszinierte mich.“ Sie ist davon überzeugt, dass ihre Übersetzung in Japan ein breites Echo finden wird, denn etwas Vergänglichem Aufmerksamkeit zu schenken, sei fest verankert in der japanischen Tradition.
 
Wie es meist bei Übersetzerinnen und Übersetzern der Fall ist, hat auch Naoko Hosoi einen zeitnah gefassten Abgabetermin für ihre Übersetzung. Ohne lange zu zögern stellte sie daher ihre, wie sie selber sagt, „ziemlich vielen“ Fragen zum Text und zu seinen Bezügen auf der Lectory-Plattform ein. „Die Autorin reagierte immer prompt und antwortete sehr ausführlich. Dabei habe ich nicht einfach nur eine kurze Erklärung bekommen, sondern oft viel mehr erfahren können, was alles hinter einem einzigen Wort steckt. Das war für mich natürlich eine große Hilfe, oder vielmehr eine Bereicherung.“ Auch die Fragen der anderen Übersetzerinnen seien sehr aufschlussreich, ergänzt Naoko. Sie gesteht, es sei ganz wichtig für sie gewesen, vor dem Online-Austausch ihre Kolleg*innen im April 2019 in Seoul während des Projektauftaktes persönlich kennengelernt zu haben. „Es war ein gutes Gefühl, eine Art Verstärkung, dass ich nicht allein, sondern gemeinsam mit den anderen diese Herausforderung annehmen konnte.“
 
Eine weitere Gelegenheit des persönlichen Austauschs stellte das 18. Straelener Atriumsgespräch vom 22. bis 26. Mai 2019 dar, währenddessen Judith Schalansky über mehrere Tage zu Gast war, um mit Übersetzerinnen und Übersetzern aus verschiedenen Ländern am aktuellen Werk zu arbeiten. Die viertägige gemeinsame Arbeit war intensiv und für Naoko ein besonderes Erlebnis. „Die Autorin hat uns von ihrem Werk sehr viel und offen erzählt, auch einiges, was ein Leser vielleicht nur vage erahnen kann, aber ein Übersetzer doch genau wissen sollte. Dass Übersetzer aus Europa manchmal andere übersetzerische Fragen zu haben scheinen als wir aus Ländern Asiens, können wir mittlerweile auch nachvollziehen.“

Trotz des lebhaften digitalen Austauschs gilt es als Übersetzerin dennoch einiges am Schreibtisch nachzuschlagen und zu recherchieren. Naoko greift hier vielfach auf Internetquellen wie Wikipedia, Online-Karten, Zeitungsartikel, Webseiten von Gemeinden, Museen und Archiven zurück. Zudem gehören Lexika, wie z.B. ein Farbenlexikon oder ein Exemplar des in Schalanskys Werk erwähnten Buches über Armand Schulthess, das sie glücklicherweise in einem Antiquariat in Tokio fand, zu Naokos Begleitern beim Übersetzen. „Die umfangreichen Informationen - Anmerkungen, Fotos und URLs - , die die Autorin auf der Plattform gibt, und das Protokoll des Straelener Atriumsgesprächs haben mir immer geholfen.“
 
Für die Deutschübersetzerin war „Verzeichnis einiger Verluste“ das erste Buch der Autorin, das sie gelesen hatte. Dies blieb allerdings nicht lange so. Nach der Lektüre ihrer Übersetzungsvorlage las sie die anderen Titel Schalanskys. „Formal und stilistisch so verschieden, aber einige grundlegende Ideen und Motive habe ich dort wieder finden können, denke ich. Mir scheint, als wären sie alle in dieses anspruchsvolle Buch hineingeflossen.“

Auf die Frage, was sie am Übersetzen besonders schätzt, hat die Übersetzerin, die mit ihrer Familie in Yokohama lebt, gleich eine Antwort: Sie könne zur Übermittlung von etwas Wertvollem beitragen, und es mache große Freude, im neuen Text eine neue, ihr unbekannte Welt zu entdecken und durch die Recherchen viele verschiedene Erkenntnisse zu gewinnen. Die Übersetzung des Buches „Verzeichnis einiger Verluste“ sei allerdings etwas Besonderes: „Ich konnte eine neue, offene Methode des Übersetzens ausprobieren. Das war eine sehr spannende Erfahrung und es wäre wunderbar, wenn diese Methode in naher Zukunft zum Standard werden würde.“

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