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20. Dezember 2019
Literatur und Übersetzung: die geschriebene Brücke zwischen den Kulturen

Ruixiang Han
Foto: Ruixiang Han

Interview mit Ruixiang Han, China. Ruixiang Han promovierte an der Universität Salzburg über Thomas Bernhard, ist als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Beijing Foreign Studies University tätig und übersetzt regelmäßig Werke deutschsprachiger Autoren und Autorinnen ins Chinesische. Zurzeit arbeitet er an der Übersetzung des Romans „Herkunft“ von Saša Stanišić. Unsere Fragen stellten wir dem Literaturexperten im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen, wo er von September bis November 2019 als Translator in Residence zu Gast war.

Herr Han, woher kommt Ihre Leidenschaft für die „deutsche“ Literatur?
 
In den neunziger Jahren war die Literatur-Übersetzung in China fast wie ein Fieber. Dabei sind viele deutsche Klassiker auch immer wieder neu übersetzt worden, oft nicht zufriedenstellend. Da fühlte ich mich als Professor für Neuere Deutsche Literatur verpflichtet, mich für Übersetzungen zu  engagieren. So rief ich eine Gruppe Germanisten zusammen, und man übersetzte gemeinsam das gesamterzählerische Werk von Franz Kafka in drei Bänden (2003), das beim chinesischen Leser sehr gut angekommen ist. Seitdem lässt mich die Übersetzertätigkeit nicht mehr los, oft in der Gruppe. Natürlich sind Lehre und Forschung der deutschsprachigen Literatur nach wie vor meine Hauptarbeit an der Universität.
 
Neben Thomas Bernhard haben Sie zahlreichen weiteren herausragenden Autorinnen und Autoren Ihre chinesische Stimme verliehen, neben Franz Kafka unter anderem auch Ingeborg Bachmann oder Friedrich Dürrenmatt. Wie wird deutschsprachige Literatur in Ihrem Heimatland wahrgenommen? Welche Autorinnen und Autoren, welche Genres werden besonders geschätzt und welche Themen finden Ihrer Erfahrung nach besonderes Gehör?
 
Im Grunde genommen zeigt sich in China immer mehr Interesse an der deutschsprachigen Literatur, klassischer wie moderner. Früher standen für die chinesischen Leser vielmehr die französische, englische und russische Literatur im Mittelpunkt der Betrachtung. Die deutschsprachige Literatur wurde mehr oder weniger vernachlässigt. Heute ist die Situation anders. Immer mehr deutschsprachige Autorinnen und Autoren erscheinen auf dem chinesischen Buchmarkt und sind beim chinesischen Leser sehr beliebt, nicht nur Klassiker wie Goethe, Schiller, Heine, Kafka, Hesse, Thomas Mann, Musil, Zweig usw., sondern auch moderne wie Grass, Walser, Jelinek, Herta Müller, Handke, Bernhard, Dürrenmatt, Krechel und andere. Wenn man die Übersetzungen der deutschsprachigen Literatur heute in China insgesamt betrachtet, kann man sagen, dass die Erzählliteratur bevorzugt wurde und wird. Und das thematische Interesse bietet hier ein sehr breites Spektrum.
 
Sie haben im österreichischen Salzburg promoviert und kehren immer wieder nach Österreich und Deutschland zurück, um unter anderem als Literaturexperte und Übersetzer an Workshops und Seminaren zu literarischen Themen teilzunehmen. Wie wichtig sind der internationale Austausch und die Verbindung nach Europa für Sie?
 
Natürlich ist der internationale Austausch für Literaturwissenschaftler wie Literatur-Übersetzer immer wichtig und notwendig. Meiner Meinung nach ist Literatur wie ihre Übersetzung eine unentbehrliche geschriebene Brücke zwischen verschiedenen Kulturen und trägt auf diese Weise zu ihrer gegenseitigen Verständigung bei. Seit Jahren habe ich an verschiedenen Übersetzungsworkshops und Seminaren teilgenommen und davon viel gelernt, nicht nur von der Literatur, sondern auch von den Kulturen überhaupt. Es war ein sehr aufschlussreicher Austausch zwischen Kulturen und Menschen über die Literatur-Übersetzung hinaus. Wenn man wirklich etwas dabei verstehen möchte, können viele Vorurteile dadurch abgebaut werden. Daher bin ich auch wieder zum Europäischen Übersetzer-Kollegium nach Straelen gekommen, um hier mit meiner Übersetzung des Romans „Herkunft“ diesen interessanten Austausch mit Übersetzern aus aller Welt fortsetzen zu können.
 
Apropos Austausch. Seit April 2019 nehmen Sie am Social Translating Projekt des Goethe-Instituts Korea teil und übersetzen in diesem Rahmen Saša Stanišićs Roman „Herkunft“. Wie kam es dazu?
 
Ich habe Saša Stanišićs Roman „Vor dem Fest“ übersetzt, und die Übersetzung ist im Juli 2019 erschienen. Als ich diesen Roman las, war ich vor allem von seinem besonderen Erzählen und seiner Sprache fasziniert. Dabei habe ich seinen Erzählstil als eine neue Antriebskraft für die deutsche Gegenwartsliteratur wahrgenommen. So wurde ich aufmerksam auf seine Bücher. Als ich im Frühjahr von seiner neuen Publikation erfuhr, habe ich mir sofort ein Exemplar besorgt und gelesen. Der neue Roman hat mich sehr beeindruckt, und ich habe mich sofort entschieden, ihn zu übersetzen. Gerade in dem Moment hatte derselbe chinesische Verlag auch vor, die Lizenz für „Herkunft“ zu kaufen, und das Goethe-Institut Korea hat den Roman für die Auswahlliste des zweiten Social Translating Projektes ausgewählt, worauf mich das Goethe-Institut Beijing aufmerksam gemacht hatte. Das war dann ein schönes zufälliges Zusammentreffen mehrerer Ereignisse.
 
Sie haben bereits den Roman „Vor dem Fest“ von Stanišić übersetzt, der den Leser in das kleine fiktive Dorf Fürstenfeld in der Uckermark entführt. Sie haben sich intensiv mit dem Autor Stanišić und seinem Werk beschäftigt. Was macht für Sie das Besondere an seinem literarischen Schaffen aus? Was begeistert Sie an Stanišićs Werken?
 
Ich lese und übersetze deshalb seine Bücher gerne, weil mir etwas Besonderes an seinem literarischen Schaffen auffällt. Dabei bewundere ich zuallererst, dass er als ein deutscher Schriftsteller mit Migrationshintergrund eine derart schöne Erzählsprache besitzt. Für mich ist das ein Wunder. Natürlich schätze ich auch sehr seinen fragmentarischen Erzählstil, der Episoden verschiedener Zeitebenen zu einem künstlerischen Ganzen bringt, und die wechselhafte Erzählperspektive, die Vergangenheit und Gegenwart, Fiktionales und Dokumentarisches in einer großen Zeitspanne miteinander souverän in einem fließenden Erzählstrom vermischt und ihre Figuren in einem kleinen Dorf meisterhaft gestaltet hat. Nicht zuletzt ist sein Erzählen mit Witz und Humor geladen.
 
Welche Fragen drängten und drängen sich Ihnen während der Arbeit an den Übersetzungen „Vor dem Fest“ und an „Herkunft“ auf? Gibt es Parallelen? Wie lösen Sie übersetzerische Fragestellungen? Schildern Sie gerne einige Beispiele.
 
Das Gemeinsame der beiden Romane ist, dass der Erzähler fragmentarisch, knapp und bündig sowie mit vielen Ellipsen erzählt. Dabei sind verschiedene Zeitebenen miteinander verwoben und Fiktives und Dokumentarisches miteinander vermischt. Das bereitet den Übersetzern bereits viele Schwierigkeiten. Zum Roman „Vor dem Fest“ kann ich hier leider nichts Konkretes sagen, weil ich jetzt das Original und die Übersetzung nicht bei mir habe. Ich habe alle meine Übersetzungsprobleme zum Roman „Herkunft“ bereits auf unserer Plattform dargelegt. Zum Glück habe ich hier einen deutschen Professor für Germanistik getroffen, mit dem ich meine Probleme besprochen habe. Es bleiben noch ein paar Fragen ungelöst, auf die ich auch keine Antworten von unserer Plattform bekommen habe. So habe ich mich mit diesen Fragen direkt an Saša Stanišić gewendet, wie zum Beispiel auf Seite 223: „Josip Karlo Benedikt von Ajhendorf“ und „Eichendorf“ - wie behandelt man bei der Übersetzung diese beiden Namen? Alles ist am Ende sehr gut gelöst. Meine Erfahrung ist, dass man zuerst den Roman als Gesamtkunstwerk sehr gewissenhaft lesen muss, um viele Fragen im Kontext selbst lösen zu können. Dann muss man mit Fachleuten wie auch auf unserer Plattform über Probleme sprechen. Zum Schluss kann man den Autoren um Hilfe bitten. Es wäre sehr ideal, wenn alle Übersetzer mit dem Autoren direkt von Anfang bis zum Ende des zu übersetzenden Buchs über Probleme sprechen könnten. Das habe ich einmal mit Christoph Ransmayr erlebt, wunderschön.
 
Inwiefern macht es für Sie einen Unterschied beim Übersetzen des aktuellen Romans „Herkunft“ sich nun mit dem Autoren und mit anderen Übersetzerinnen und Übersetzern auf der Online-Plattform auszutauschen?
 
Seit langem habe ich es so gemacht: Ich versuche immer zuerst, meine Fragen im Textzusammenhang selbst zu lösen. Erst dann diskutiere ich mit Kollegen oder Fachleuten. Wenn am Ende nicht alles aufzulösen ist, dann wende ich mich immer direkt an die Autoren, z.B. stehe ich mit Peter Handke, Volker Braun, Ursula Krechel, Michael Kumpfmüller oder Marcel Beyer ständig in direktem Kontakt. Der Austausch ist für Literatur-Übersetzer jederzeit notwendig und hilfreich. Unsere Plattform ist selbstverständlich eine ausgezeichnete Möglichkeit für diesen Austausch.
 
Saša Stanišić hat unlängst den Deutschen Buchpreis gewonnen. Wie war Ihre spontane Reaktion darauf?
 
Natürlich freue ich mich sehr, dass er für den Roman „Herkunft“ diesen bedeutenden Preis gewonnen hat. Es ist ein wunderbares Buch, das einen solchen Preis verdient hat.
 
Wird die Preisverleihung dem Buch „Herkunft“ größere Aufmerksamkeit in China schenken und sich auf die Nachfrage zu diesem und seinen anderen Werken auswirken?
 
Ja, es kann sein, aber ich kümmere mich immer darum, dass man in China solche Bücher lesen kann, nicht weil der Autor irgendwelche Preise bekommen hat, sondern weil er wirklich lesenswerte Bücher geschrieben hat. Der Preis löst oft nur Fieber aus, das auch negativ wirken kann.
 
Welche Faktoren spielen ansonsten für die Nachfrage nach deutschsprachiger Literatur in China eine entscheidende Rolle?
 
Das ist mehr eine Frage nach dem Markt. Leider habe ich nie eine Untersuchung gemacht, deshalb kann ich nichts dazu sagen. Sicher gibt es verschiedene mitbestimmende Faktoren dafür.
 
Welches Buch würden Sie gerne einmal übersetzen? Und warum?
 
Als Herausgeber und Mitübersetzer habe ich bereits eine neunbändige Handke-Übersetzung (2016), die 29 Werke von Handke umfasst, auf den chinesischen Markt gebracht. Ich werde dieses Projekt weiterverfolgen und habe bereits wieder eine große Auswahl gemacht. Jetzt warte ich auf die letzte Entscheidung des chinesischen und des deutschen Verlags. Sicher werde ich ein Buch von Handke übersetzen, aber welches - da habe ich mich noch nicht entschieden.


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