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Interview: Feminismus in Korea
„Wir Feministinnen müssen zusammenhalten“

Demonstrationen für Frauenrecht in Korea.
#MeToo-Demonstration am Internationalen Frauentag im Jahr 2018 in der koreanischen Hauptstadt Seoul. | Foto (Detail): © Yonhap News

#MeToo, Gender-Pay-Gap und Belastungen durch die Pandemie: Die Frauenrechtsbewegung in Korea ist aktiver denn je. Doch wie kann echte Gleichberechtigung gelingen? Und mit welchen feministischen Fragestellungen muss sich die koreanische Gesellschaft in Zukunft auseinandersetzen? Ein Gespräch mit der Frauenrechtsaktivistin und ehemaligen Familienministerin von Korea, Hyun-Back Chung. 

Von Minjee Kum

Von der #MeToo-Bewegung bis hin zu den sogenannten „Unbequemer Mut“-Demonstrationen, die von einem Fall illegal aufgenommener Aktfotos an der Seouler Hongik Universität angestoßen wurden: 2018 war aus frauenrechtlicher Perspektive ein wichtiges Jahr für Korea. Hyun-Back Chung, Ehrenprofessorin der Sungkyunkwan-Universität, war von Juli 2017 bis September 2018 Ministerin für Gleichstellung und Familie in Korea. Im Februar 2021 veröffentlichte sie das Buch Solidarischer Feminismus, das ihren Recherchen und Überlegungen jener Zeit entsprang. Wir haben mit Hyun-Back Chung über die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und über Feminismus in Korea gesprochen.
 
Hyun-Back Chung Hyun-Back Chung, Ehrenprofessorin für Soziologie an der Sungkyunkwan Universität und ehemalige Ministerin für Gleichstellung und Familie. | Foto (Detail): © privat Als Sie 2018 amtierende Ministerin waren, sagten Sie, dass die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in Korea gravierend sei. Welche Veränderungen konnten Sie in den vergangenen drei Jahren beobachten?

Von Mai bis Dezember 2018 kamen im Namen der Gruppierung „Unbequemer Mut“ an sechs Orten Koreas jeweils 50.000, d. h. insgesamt 300.000 Demonstrantinnen zusammen. Ihr Ziel: den Justizbehörden ihren Mangel an Sensibilität gegenüber sexueller Belästigung im Internet aufzeigen und deutlich machen, dass das Frauenrechtsproblem die Menschenrechte und die Gesellschaft als Ganzes angeht. Als Folge dessen wurde von der Regierung ein digitales Hilfezentrum für Opfer sexueller Übergriffe eingerichtet, das Strafmaß für Sexualdelikte erhöht, sowie politische und systemische Einrichtungen bereitgestellt. Außerdem wurde die Besetzung von hohen Stellen durch Frauen in der Politik von Präsident Moon deutlich vorangetrieben. Einmal wurde das Ziel, in diesem Bereich einen Frauenanteil von 30 % zu erreichen, sogar überschritten. Auch die Aufklärung über Gleichberechtigung in den Schulen ist lebhafter geworden. Ich denke, dass sich die Gleichstellung der Geschlechter im Vergleich zu vor drei Jahren signifikant verbessert hat.

In welchem Bereich, denken Sie, ist weiterhin Verbesserung nötig?

Der Bereich, den ich zu meiner Zeit als Ministerin verbessern wollte, aber nicht konnte, ist die Ungleichheit am Arbeitsplatz. In den letzten zehn Jahren ist die Erwerbstätigenquote koreanischer Frauen gestiegen. Aber der Anteil von Teilzeit- oder kurzzeitigen Beschäftigungen ist vergleichsweise höher als bei männlichen Arbeitnehmern. Im Jahr 2019 haben Frauen in Korea 67,5 % des Gehaltes verdient, das Männer für die gleiche Tätigkeit verdienen. Damit ist Korea das Schlusslicht der OECD-Länder. Außerdem ist die Geburtenrate Koreas die niedrigste weltweit, was letztendlich mit der Ungleichheit in der Beschäftigung zusammenhängt.

Demonstrationen für Frauenrecht in Korea Im Namen der Gruppierung „Unbequemer Mut“ trafen sich 2018 an sechs verschiedenen Orten in Korea insgesamt 300.000 Menschen, um auf sexuelle Belästigung aufmerksam zu machen. Das Bild zeigt eine Demonstration im Seouler Stadtteil Jongno-gu, in Gwanghwamun, wo häufig Kundgebungen stattfinden. | Foto (Detail): © Yonhap News
Was glauben Sie, welchen Einfluss COVID-19 auf die Beschäftigung von Frauen hat?

Ende des Jahres 2020 hatte das Korean Women’s Development Institute (Forschungsinstitut für Frauenpolitik Korea) eine Studie, an der 3.007 weibliche Beschäftigte zwischen 20 und 59 Jahren teilnahmen, veröffentlicht. Diese besagte, dass 20,9 % der Befragten ihre Tätigkeiten wegen der Corona-Pandemie aufgegeben hätten. Davon bezögen nur 21,8 % Arbeitslosengeld. Der Grund dafür ist, dass viele weibliche Erwerbstätige keinen Anspruch auf Arbeitslosenversicherung haben. Gleichzeitig ist auch die Tatsache, dass Kinderbetreuungseinrichtungen wegen der Pandemie mal geschlossen, mal geöffnet sind, ein Grund dafür, warum viele Frauen ihre Arbeit aufgeben müssen. Frauen sind die Hauptleidtragenden der Corona-Pandemie, da hauptsächlich sie für die Betreuung von Familienmitgliedern zuständig sind. Das bringt in der nächsten Präsidentenwahl die wichtige Frage der „Betreuungs-Demokratie” auf. Es werden Stimmen laut, dass man auch diese Art von Betreuung als einen Teil der Bürgerrechte sehen sollte.

Was wird benötigt, um in Korea echte Gleichberechtigung zu erreichen?

Am wichtigsten ist es, die patriarchale Kultur und Traditionen aufzubrechen und zu hinterfragen. Dafür muss die Ungleichheit, die im alltäglichen patriarchalen Autoritarismus steckt, bekämpft, und eine handfeste Demokratie verwirklicht werden. Die progressive Frauenorganisation Koreas („Korean Women‘s Associaten United“) brachte T-Shirts heraus, auf denen der Slogan „Feminism Perfects Democracy“ („Feminismus vollendet Demokratie“) geschrieben steht.
 

Wir müssen versuchen, die patriarchale Kultur aufzubrechen

Eine Kultur, die Frauen diskriminiert, und der Autoritarismus im Alltag, sind das gleiche. In Deutschland wird in der Schule Ethik unterrichtet, um die Schüler*innen zu demokratischen Bürger*innen zu erziehen. Ich finde, dass man in Korea, genauso wie in Deutschland, politische Bildung fördern und auf diesem Wege auch über die Gleichstellung der Geschlechter informieren sollte. Wenn man nur von Gleichberechtigung redet, wird kein wahrer Wandel passieren.
 
Inwiefern unterscheidet sich der koreanische vom deutschen Feminismus und wo ähnelt er ihm?

2019, als ich drei Monate die Freie Universität Berlin besuchte, traf ich eine Professorin, die angeregt über Frauenrechtsbewegungen sprach. Sie sagte, dass auch in Deutschland die #MeToo-Bewegung erstaunlich groß gewesen sei. Stolz berichtete sie, dass 20 bis 30.000 Menschen zusammengekommen seien. Bei uns in Korea waren es 300.000 Menschen – also eine deutlich höhere Zahl. Ich denke, das liegt daran, dass die Gleichberechtigung in Deutschland schon viel fortgeschrittener und der Widerstand, den Frauen in der Gesellschaft erfahren, schwächer geworden ist.
Demonstrationen für Frauenrecht in Korea Am Internationalen Frauentag, am 8. März 2018, kamen bei der ersten feministischen Parade in Korea im Seouler Stadtteil Mapo-gu vor allem Studentinnen zusammen; in der Hand eine weiße Rose als Symbol für Frieden und Plakate mit den Aufschriften #MeToo und #WithYou. Unter der Bezeichnung #WithYou drücken Frauen in Korea ihr Mitgefühl und ihre Solidarität aus. | Foto (Detail): © Yonhap News
Ein Grund ist auch, dass sich die deutsche Frauenrechtsbewegung seit den 1970ern und 1980ern zu Organisationen kleineren Ausmaßes entwickelt hat. Die koreanischen jungen Feministinnen sind vor allem in kleinen Gruppen in den sozialen Medien aktiv. Aus diesem Grunde warne ich die koreanische Frauenrechtsbewegung mit meinem Buch Solidarischer Feminismus davor, nicht wie die Feministinnen der westlichen Welt ihren Zusammenhalt zu verlieren.
 

Es ist an der Zeit, über langfristige Strategien nachzudenken

Glauben Sie, dass die junge Generation der Frauenrechtsbewegung Veränderungen bewirkt hat?

Ja und nein. Ich stimme zu, dass es Entwicklungen in der Frauenpolitik gab, die man nicht ignorieren kann. Es ist auch gut zu sehen, dass viele Frauen den alltäglichen Feminismus durch Bewegungen wie „Take Off The Corset“ praktizieren. Aber diese Art von Mainstream-Feminismus ist äußerst unbeständig, denn er breitet sich großflächig aus, verschwindet aber auch schnell wieder.

An der „Unbequemer Mut“-Bewegung nahmen anfangs 300.000 Menschen teil, nun sind es kaum noch welche. Ein echter Wandel ist nur möglich, wenn man das Netzwerk aufrechterhält und darüber auch andere Probleme zur Sprache bringt. Es ist Zeit für den Feminismus, nicht nur die akuten Probleme lösen zu wollen, sondern über neue, langfristige Strategien nachzudenken.
 
Warum befasst sich Ihr Buch mit dem Thema Solidarität?


Einerseits betonen die Feministen die „biologische Frau“, andererseits wird im Post-Feminismus auf „Chancengleichheit“ bestanden. Dass die Feministinnen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnten, bereitet mir Sorgen. Es fing damit an, dass man versuchte, das Problem der sexuellen Belästigung im Internet anzugehen. Wir müssen jedoch auch gesellschaftliche Probleme in Angriff nehmen, wie die Struktur der Arbeitswelt, die Frauen benachteiligt und diskriminiert.

Im koreanischen Feminismus-Lager gibt es die sogenannten Helfemi (Hell Feminist; zu Deutsch: „Höllen-Feministen“) in den 20ern, die Youngfemi (Young Feminist; „junge Feministen“) in den 30ern und die Generationen danach sind die Oldfems (Old Feminist; „alte Feministen“). Die Kommunikation zwischen diesen Gruppen ist leider gestört. Es ist schwierig, eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, wenn die Feministinnen nicht zusammenhalten. Als einen Aufruf, eine kollektive Identität zu bilden und Gleichberechtigung und Demokratie zu verwirklichen, habe ich meinem Buch den Namen „Solidarischer Feminismus“ gegeben.

Was wünschen Sie sich für Korea und wie soll die Gesellschaft im Jahr 2050 aussehen?

Es wäre schön, wenn Korea von Deutschlands Studentenbewegung von 1968, der Kultur-Revolte, lernt. Die deutsche Bevölkerung hat sich nach der Studentenbewegung gegen den gedankenlosen Konsum gewehrt und vieles versucht, um ein einfacheres Leben zu führen: ein Leben, in dem sich die Kommunen gegenseitig helfen und der Gemeinschaftssinn lebendig ist. Eine solche Lebensweise beobachte ich auch heute noch in Deutschland. Ich wünsche mir, dass Korea, das so sehr auf das Äußerliche fixiert und von Wachstum besessen ist, solche Dinge von Deutschland lernt, und dass wir im Jahr 2050 in einer Gesellschaft leben, in der eine gemeinschaftliche, demokratische Kultur, die im Alltag gelebt wird, an erster Stelle steht.
 

Hyun-Back Chung 

Hyun-Back Chung wurde 1953 in Busan geboren und war von Juli 2017 bis September 2018 Ministerin für Gleichstellung und Familie. Sie ist Ehrenprofessorin für Geschichte an der Sungkyunkwan Universität, wo sie seit 1984 lehrt. An der Ruhr-Universität Bochum promovierte sie in deutscher Geschichte. Hyun-Back Chung veröffentlichte zahlreiche Bücher und Studien über die deutsche Arbeitergeschichte und über Frauengeschichte. Zu ihren bekanntesten Arbeiten gehören unter anderem Arbeiterbewegung und Arbeiterkultur (1990), Die Nation und der Feminismus (2003) und Solidarischer Feminismus (2021). Hyun-Back Chung ist für die einflussreichsten Frauen- und Bürgerrechtsvereinigungen Koreas aktiv.

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