Berlinale-Blogger 2020
Die Frau, die rannte, und was danach bleibt

 Kim Minhee und Song Seonmi in „The Woman who ran“, Regisseur Hong Sangsoo
Kim Minhee und Song Seonmi in „The Woman who ran“, Regisseur Hong Sangsoo | © Jeonwonsa Film Co. Production

Hong Sangsoo ist mit dem Wettbewerbsfilm „The Woman Who Ran“ auf die 70. Berlinale zurückgekehrt. Es ist seine siebte Kollaboration mit der Schauspielerin Kim Minhee, die 2017 auf der Berlinale eine Silbernen Bären gewann. Am 25. Februar wurde der Film im Berlinale Palast mit viel Glamour erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Auch „The Woman Who Ran“ (Domangchin yeoja) zeigt den typischen Stil des Regisseurs, der mit Genrekonventionen und narrativen Traditionen bricht. Die Struktur des Filmes, in der sich ähnliche Situationen immer wieder wiederholen, kommt bekannt vor. Auch diesmal trinken die Charaktere wieder Alkohol, wenn auch anderer Art und in anderen Mengen, sie unterhalten sich, und auch der Humor, der einen plötzlich in Lachen ausbrechen lässt, ist wieder da. Aber die weiblichen Charaktere und ihre Rolle im Film sind diesmal eindeutig anders.

Rennende Frauen

Als ihr Mann auf Geschäftsreise geht, ist Gamhee (Kim Minhee) seit der Hochzeit erstmals von ihm getrennt. Sie trifft sich nacheinander mit drei ihrer Freundinnen: Youngsoon (Seo Younghwa), Suyoung (Song Seonmi) und Woojin (Kim Saebyuk). Der Film teilt sich entlang von Gamhees Aktivitäten in drei Kapitel. Zwei Mal besucht sie ihre Freundinnen in deren Zuhause, eine trifft sie zufällig im Kino.
 
Die Stimmung in dem Film, der Gamhee, ihre Freundinnen und Frauen aus ihrer Umgebung in den Mittelpunkt stellt, ist zutiefst warm und friedlich. Die Frauen im Film essen und trinken zusammen, sie lachen, sie teilen die gleichen Gefühle, sie versöhnen sich miteinander. Sie sind sich selbst gegenüber ehrlich, anderen gegenüber tolerant, aber stark in ihren Überzeugungen. Youngji (Lee Eunmi), die Mitbewohnerin von Youngsoon, kümmert sich um Straßenkatzen. Als sich ein Nachbar darüber beschwert, dass sie diese füttert, bleibt sie konsequent sanft und freundlich, denkt aber nicht daran, ihr Verhalten zu ändern. Suyoung entledigt sich eiskalt eines Verehrers, der ihr auf die Pelle rückt. Woojin, von ihrem berühmten Ehemann genervt, stellt sich, vielleicht aus Minderwertigkeitskomplexen heraus, selbst in Frage.

Männer auf dem Rückzug

Die Männer im Film sind dagegen blass und negativ gezeichnet. Gamhees und Youngsoons Männer sind aufgrund von Geschäftsreise beziehungsweise Scheidung abwesend. Woojins Nerven sind aufgrund des gespielt anständigen Auftretens ihres Mannes, einem berühmten Schriftsteller, äußerst gereizt. Suyoung ist die einzige der Frauen im Film, die noch unverheiratet ist. Doch der Mann, der ihr gefällt, lebt von seiner Frau getrennt, und ein junger Dichter, mit dem sie in einer feucht-fröhlichen Nacht einen One-Night-Stand hatte, sucht sie zuhause auf und macht ihr eine Szene. In dem Film wird selbst ein Hahn dafür ausgeschimpft, dass er aus Prahlerei einer Henne auf den Rücken steigt und ihr die Federn ausrupft. Die Männer sind auf der Leinwand kurz von der Seite oder von hinten zu sehen, ihre Worte sind egoistisch, feige und voller übertriebenem Selbstbewusstsein.
 
Am Ende des Films findet sich Gamhee, nachdem sie Woojins Mann (Kwon Haehyo) verwarnt hat und die Situation fluchtartig verlassen hat, vor einer Leinwand wieder, auf der die Wellen am Strand heranrollen. Im Gegegensatz zu Younghee, die 2017 in „On the Beach at Night alone” einsam und alleine am Strand lag, wirkt Gamhees Gesicht im menschenleeren Kino 2020 friedlich und erfüllt.

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