Berlinale-Blogger 2020
„Berlinale goes Kiez“: Die Berlinale in Programmkinos

Das City Kino Wedding in Berlin
Das City Kino Wedding in Berlin | © Albert Warth

Für alle, die im hektischen Alltag nicht viel Zeit für die Berlinale haben, kommt die Berlinale in die Programmkinos der Stadt. Dort kann jede*r über den roten Teppich laufen.

In Korea gibt es nur wenige Orte, wo man Arthouse-Filme und unabhängige Produktionen sehen kann. In Berlin dagegen gibt es viele kleine Kinos und Kulturzentren, die dem Publikum eine Vielfalt von Filmen näherbringen. Diese sogenannten „Programmkinos“ bieten ein unabhängig kuratiertes Programm und sorgen für Vielfalt in der Berliner Kinolandschaft.
 
„Berlinale goes Kiez“ ist eine Sonderveranstaltung, die seit 2010 die Berliner Filmfestspiele in diese Programmkinos bringt. Allein in den letzten Jahren haben rund 30 Programmkinos in Berlin und Potsdam daran teilgenommen, mit Saalgrößen von 30 bis 200 Sitzplätzen

Das City Kino Wedding

Am Abend des 22. Februar besuchte ich bei leichtem Regen das City Kino Wedding. Das Kino befindet sich innerhalb des Centre Français de Berlin, einem Kulturzentrum, das direkt an den öffentlichen Friedhof in der Müllerstraße grenzt. Der Centre Français de Berlin ist eng mit der Geschichte der Stadt verwoben. Er wurde von Frankreich, einer der vier Besatzungsmächte, im Stil der 1960er erbaut. 2014 wurde der Veranstaltungsaal des Zentrums als ein Einsaalkino mit 220 Plätzen neu eröffnet.
 
 
Das graue Wetter und der Friedhof in der Nachbarschaft sorgten für einen tristen ersten Eindruck. Dieser änderte sich jedoch schlagartig, als ich durch den Eingang trat und auf der gegenüberliegenden Seite eines kleinen Hofes die bunte Decke des Kinos und den charmanten Schriftzug „City Kino“ entdeckte. Die verglaste Außenfront, der Boden aus Marmor und eine Wendeltreppe strahlten eine für Berlin exotische Verspieltheit und Eleganz aus, und die Retrodeckenbeleuchtung  aus gefärbtem Glas bildete den perfekten Hintergrund für den bescheidenen roten Teppich, der im Hof ausgelegt war. Ich war recht früh dran, aber das Kino war schon voll mit Menschen, die das Festival in vollen Zügen genießen wollten, und es war nicht leicht, einen Sitzplatz zu finden. Die Besucher waren so voller gespannter Vorfreude, dass vermutlich jeder Film positiv aufgenommen worden wäre.

Die Bedeutung des Kinobesuchs

Und tatsächlich: „Anne at 13,000ft“ (Regie Kazik Radwanski, Kanada/USA) aus der Sektion Forum wurde von den Zuschauern frenetisch gefeiert. Die absurden Sprüche und Handlungen der Hauptfigur Anne, die in einem Kindergarten in Toronto arbeitet, sorgten beim Publikum für zahlreiche Lacher. Für mich, die den Film bereits bei der Pressevorführung gesehen hatte und Anne so gar nicht verstanden hatte, war das eine seltsame Erfahrung. Denn die gute Stimmung der Zuschauer steckte mich an, und beim zweiten Mal verspürte ich schon etwas mehr Sympathie für die Protagonistin.

Deragh Campbell in „Anne at 13,000 ft“
Deragh Campbell in „Anne at 13,000 ft“ | Foto: Kazik Radwanski
Genau das mag eines der Dinge sein, die einen Kinobesuch ausmachen. Nicht nur technische Aspekte wie die große Leinwand und der gute Sound, sondern die Eigendynamik, die sich in dem kollektiven Erlebnis des gemeinsamen Filmeschauens im dunklen Kino entwickelt. Das ist etwas, was Filme nur in Kinos schaffen können, und was durch kein anderes Medium ersetzt werden kann. In einem kleinen Kino im Berliner Wedding, während ich alleine unter vielen anderen Menschen einen Film schaue, denke ich, dass Einsamkeit und Solidarität auch gleichzeitig nebeneinander existieren können.

Top