Skisport
Auf dem Sprung

Junge Skifahrer
Vor 50 Jahren gab es in allen norwegischen Gemeinden Skisprungschanzen. Viele Norweger im Alter von 60 bis 90 Jahren kennen das Gefühl, auf dem Turm einer viel zu großen Schanze zu stehen – mehr oder minder bereit, den Sprung zu wagen. | Foto (Ausschnitt): © Skimuseum Holmenkollen

In Norwegen entwickelte sich das Skifahren zum Volkssport – bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele junge Norweger, die zum Studium ins europäische Ausland gingen, nahmen dann ihre Skier mit: Der Sport verbreitete und veränderte sich. Heute kennen viele europäische Sprachen das norwegische Wort „Ski“.

Von Åslaug Midtdal

An vielen Orten der Welt, an denen Schnee liegt, nutzten Menschen schon vor vielen Tausend Jahren Skier. Höhlenmalereien, Felsritzungen und Skifunde etwa in Russland und Schweden zeugen davon. In der Erstausgabe seines Klassikers Auf Schneeschuhen durch Grönland schreibt der norwegische Forscher Fridtjof Nansen, dass die ersten Skier in China getragen wurden. In späteren Ausgaben strich er diese Information. Meinte Nansen vielleicht, Norwegen sollte eine bedeutendere Rolle in dieser Geschichte spielen? Klar ist hingegen, dass Norwegen einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Skis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts leistete: Denn hier entstand und entwickelte sich der Skisport.
 
Norwegen befand sich zu diesem Zeitpunkt – und noch bis ins Jahr 1905 – in einer Personalunion mit Schweden. Doch der Wunsch nach Unabhängigkeit war groß. Obwohl auch Menschen in ihren Nachbarländern auf Skiern liefen, war es den Norwegern deshalb wichtig, das Skilaufen als norwegische Tugend hervorzuheben.

  • Skifahr-Könige Foto: Anders Beer Wilse © Norsk Folkemuseum

    Skifahr-Könige

    In Norwegen ist die jüngste Skitour immer ein gelungener Aufhänger für ein Gespräch. Schon Fridtjof Nansen empfahl dies der neuen Königsfamilie, als sie 1905 nach Norwegen kam. Ein dänischer Prinz und eine englische Prinzessin, die König und Königin werden sollten in diesem kalten Land. Es heißt, dass sie gute Skifahrer wurden – aber noch wichtiger war: dass sie sich dabei fotografieren ließen.

  • Skifahren zeigte Zugehörigkeit Foto: Fotograf unbekannt © Jüdisches Museum Trondheim

    Skifahren zeigte Zugehörigkeit

    Das Foto zeigt jüdische Kinder, die an einem Skirennen teilnehmen. In der Zeit zwischen den Weltkriegen war es ein großes Anliegen der jüdischen Gemeinschaft in Norwegen, ihre Zugehörigkeit zu zeigen – das Skifahren bot eine Möglichkeit dazu.

  • Wettbewerb mit Pause Foto: © Skimuseum Holmenkollen

    Wettbewerb mit Pause

    Viele Ärzte äußerten früher die Sorge, dass die Jugendlichen ihre Körper zu sehr quälen würden. Als der Skiverband begann, 50-km-Rennen zu veranstalten, erstmals 1888, wurde dies schon zwei Jahre im Voraus bekannt gegeben, damit die Teilnehmer die Möglichkeit hatten, sich gut vorzubereiten. Oft gab es vor, während und nach den Rennen eine obligatorische medizinische Kontrolle. 1902 wurde sogar mitten im Wettbewerb eine fünfminütige Pause anberaumt, in der Essen und Trinken zur Verfügung standen. Auf diesem Foto kommt Thorleif Haug ins Ziel, möglicherweise auf dem Weg zur medizinischen Kontrolle.

  • Teil der norwegischen Identität Foto: © Skimuseum Holmenkollen

    Teil der norwegischen Identität

    Der Forscher und Polfahrer Fridtjof Nansen hat stark dazu beigetragen, dass wir heute das Skifahren als Teil der norwegischen Identität begreifen. Er hat wie kaum ein anderer das Skifahren populär gemacht und mit seinen Expeditionen, zunächst im inneren Grönland und später zum Nordpol, Generationen fasziniert.

  • Ein zweiter Nationalfeiertag Foto (Ausschnitt): © Skimuseum Holmenkollen

    Ein zweiter Nationalfeiertag

    Der Holmenkollen-Sonntag, inzwischen längst ein Teil des nordischen World Cups, wird als Norwegens zweiter Nationalfeiertag bezeichnet. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1955.

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    Skifahr-Könige

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    Skifahren zeigte Zugehörigkeit

    Das Foto zeigt jüdische Kinder, die an einem Skirennen teilnehmen. In der Zeit zwischen den Weltkriegen war es ein großes Anliegen der jüdischen Gemeinschaft in Norwegen, ihre Zugehörigkeit zu zeigen – das Skifahren bot eine Möglichkeit dazu.

  • Wettbewerb mit Pause Foto: © Skimuseum Holmenkollen

    Wettbewerb mit Pause

    Viele Ärzte äußerten früher die Sorge, dass die Jugendlichen ihre Körper zu sehr quälen würden. Als der Skiverband begann, 50-km-Rennen zu veranstalten, erstmals 1888, wurde dies schon zwei Jahre im Voraus bekannt gegeben, damit die Teilnehmer die Möglichkeit hatten, sich gut vorzubereiten. Oft gab es vor, während und nach den Rennen eine obligatorische medizinische Kontrolle. 1902 wurde sogar mitten im Wettbewerb eine fünfminütige Pause anberaumt, in der Essen und Trinken zur Verfügung standen. Auf diesem Foto kommt Thorleif Haug ins Ziel, möglicherweise auf dem Weg zur medizinischen Kontrolle.

  • Teil der norwegischen Identität Foto: © Skimuseum Holmenkollen

    Teil der norwegischen Identität

    Der Forscher und Polfahrer Fridtjof Nansen hat stark dazu beigetragen, dass wir heute das Skifahren als Teil der norwegischen Identität begreifen. Er hat wie kaum ein anderer das Skifahren populär gemacht und mit seinen Expeditionen, zunächst im inneren Grönland und später zum Nordpol, Generationen fasziniert.

  • Ein zweiter Nationalfeiertag Foto (Ausschnitt): © Skimuseum Holmenkollen

    Ein zweiter Nationalfeiertag

    Der Holmenkollen-Sonntag, inzwischen längst ein Teil des nordischen World Cups, wird als Norwegens zweiter Nationalfeiertag bezeichnet. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1955.

Das erste zivile Skirennen, das in Norwegen bekannt ist, fand 1843 in Tromsø statt. Wettkämpfe auf Skiern gab es auch schon davor, allerdings nur als Teil der militärischen Ausbildung. Erst in den 1860er-Jahren wurden Skirennen zu einem allgemeinen Phänomen: Ski-Enthusiasten veranstalteten sie überall im Land. Als frühe Zentren schälten sich Trysil, Christiania (das heutige Oslo) und Trondheim heraus.
 
Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nahmen die Wettkämpfe allmählich die Form an, die sie noch heute haben. Auch wenn viele Skirennen in den Städten stattfanden, kamen die besten Läufer vom Land. Viele Skiverbände lobten bei Wettkämpfen eine eigene Prämie für die besten Teilnehmer aus. Die jungen Bauernburschen hatten aufgrund ihrer harten körperlichen Arbeit einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Langlauf oder Skisprung?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blühte das Vereinsleben in Norwegen auf, auch das der Sportvereine. Der erste Skiverein der Welt gründete sich 1861 in Norwegen: die Trysil Skytter og Skilöberforenigung (Schützen- und Skiläufergemeinschaft von Trysil). Ein großer Skiklub mit zahlreichen Mitgliedern entwickelte sich aus der Foreningen til Ski-Idrettens Fremme (Vereinigung zur Förderung des Skisports) aus dem Jahr 1883. Der Verein war vor und nach 1900 maßgeblich verantwortlich für die Entwicklung des Skisports. Er ergriff außerdem die Initiative zur Gründung des Norwegischen Skiverbandes, dem er bis heute angehört. Zu dieser Zeit entwickelte sich der Holmenkollen, ein Berg im Nordwesten von Oslo, zu einem Mekka für Skisportler.
 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts diskutierten die Norweger darüber, in welche Richtung der Skisport sich entwickeln sollte. Vor 1931 waren alle Rennen, die der Norwegische Skiverband organisierte, eine Kombination aus Skisprung und Langlauf. Inzwischen ist vor allem der Langlauf ein beliebter Freizeitsport für Norwegerinnen und Norweger, während das Skispringen überwiegend Profis überlassen ist – jedoch von der Bevölkerung natürlich mit Spannung und viel Jubel auf dem Holmenkollen verfolgt wird.
 
Warum sich gerade der Langlauf als Breitensport etablierte? Lange Zeit schien das nicht selbstverständlich. Denn früher war das Skispringen ein großer Sport für alle Norwegerinnen und Norweger, nicht nur für Profis. Vielleicht sprach gegen den Langlauf damals, dass sich viele Norweger Gedanken darüber machten, wie viel Anstrengung ein Körper verträgt. In den frühen Diskussionen argumentierten beispielsweise einige, dass es beim Skisport nicht in erster Linie auf die Zeit ankommen sollte. Doch inzwischen ist der Langlauf beliebter denn je.  

Studenten nahmen Skier mit

Schwedische und finnische Skiläufer wurden schon 1894 an den Holmenkollen eingeladen, doch es sollten noch ein paar Jahre vergehen, bis schwedische Sportler wirklich an den Rennen teilnahmen: Dies geschah bei den Nordischen Spielen im Jahr 1903. Der Schwedische Zentralverband zur Förderung des Sports richtete die Nordischen Spiele erstmals im Jahr 1901 aus. Angedacht war, dass die Veranstaltung wechselweise in Norwegen und Schweden stattfindet. Doch durch die Auflösung der Personalunion von Schweden und Norwegen im Jahr 1905 hatte sich dieser Plan erledigt.
 
Das Interesse am Skilaufen stieg auch in anderen europäischen Ländern rasch. Viele junge Norweger studierten in Deutschland und nahmen ihre Skier mit. Bekannt ist etwa, dass Studenten in Dresden in den 1870er-Jahren Ski fuhren – und dabei große Aufmerksamkeit erregten. 1881 sandte der Christiania Skiklubb Skier und Bilder von Skiern nach Kleve, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen: als Beitrag zu einer Jagdausstellung. Schon 1893 gründete sich, mit drei Norwegern an der Spitze, ein Skiclub in München, der sogenannte Schneeschuhverein München. Einige Jahrzehnte später, zuerst 1909, nahmen Sportler aus Deutschland und Frankreich an den Holmenkollenspielen teil. Der Skisport wurde allmählich international, das Regelwerk nach und nach standardisiert. Viele Länder ersetzten die Bezeichnung für den Schneeschuh in ihrer Sprache durch das norwegische Wort „Ski“. 
Sport und Freizeit

Ein Beitrag aus Norwegen

mit Bezug zu Schweden, Finnland,
Deutschland, Frankreich

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