Südkoreanische Musiker in Deutschland
„Nicht mehr wegzudenken“

Novus-Quartett
Das Novus-Quartett formierte sich 2007 an der Korean National University of Arts. 2011 zog es die vier Musiker zum Studium nach München. | Foto: Jin-ho Park

Südkoreaner sind in den vergangenen Jahrzehnten fester Bestandteil der deutschen Klassikszene geworden. Christoph Poppen hat in seiner Arbeit als Professor und Dirigent viele von ihnen begleitet. Ein Gespräch über die Beweggründe von Koreanern, nach Deutschland zu kommen – und was sie dort erwartet.

Christoph Poppen
Der Violinist und Dirigent Christoph Poppen | Foto: Takao Komaru
Als Professor für Violine zunächst in Detmold und Berlin und heute in München haben Sie seit 1988 viele koreanische Studierende unterrichtet. Aus ihrer Sicht: was zieht Südkoreaner an deutschen Musikhochschulen?

Deutsche Musikhochschulen sind ja grundsätzlich für ausländische Studierende interessant, vor allem wegen der Kombination aus hohem Niveau und niedrigen Studiengebühren. Ich denke, dass die Motivation der teilweise hochbegabten koreanischen jungen Musiker aber darüber hinausgeht: ein sehr großer Teil der zentralen klassischen und romantischen Komponisten stammt ja aus dem deutschsprachigen Raum. Sozusagen an der „Wiege“ dieser Kultur zu lernen mag durchaus eine wichtige Inspirationsquelle sein.

Gibt es ein spezifisches Image, das südkoreanische Musik- und Gesangsstudenten an deutschen Hochschulen haben?

Wegen der Mischung aus Begabung und Fleiß, die naturgemäß zu einem hohen Niveau führt, werden sie von inländischen Studenten oft als ernsthafte Konkurrenz wahrgenommen, die aber durchaus beflügelnd wirkt. Und wegen ihrer schnellen Auffassungsgabe und Offenheit sind sie bei Professoren sehr gerngesehene Studierende.
Die Violinistin Clara Jumi Kang und die Pianistin Yeol Eum Son spielen gemeinsam Claude Debussys „Claire de Lune“. (Quelle: Clara Jumi Kang via YouTube)

Wie viele Ihrer Schülerinnen und Schüler fassen nach dem Abschluss in Deutschland Fuß?

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass koreanische Studierende meist schon zu Beginn des Studiums eine relativ klare Idee haben, ob sie in ihr Heimatland zurückkehren oder in Europa leben und arbeiten wollen. In beiden Fällen funktioniert das meist sinnvoll: aus deutschen Orchestern und Opernhäuern sind koreanische Musiker nicht mehr wegzudenken, und auch viele koreanische Solisten haben in Deutschland Fuss gefasst. Aber diejenigen, die nach Korea zurückkehren, haben nach ihrem Auslandsstudium ebenfalls meist bessere Berufschancen als vorher.

Fallen Ihnen Südkoreaner ein, die sich in der deutschen Klassikszene einen besonderen Namen gemacht haben?

Es gibt so einige: Clara Jumi Kang, das Novus Quartett, Yeol Eum Son, oder auch, ganz neu nach seinen Preisen beim internationalen Streichquartettwettbewerb in der Londoner Wigmore Hall, das junge Esmé Quartett. Nicht zu vergessen sind auch die koreanischen Konzertmeister an bedeutenden deutschen Orchestern, zum Beispiel Jiyoon Lee von der Staatskapelle Berlin. Alle zeichnen sich durch eine selbstverständliche Virtuosität aus – verbunden mit einem starken persönlichen Ausdruckswillen, der sich in den Dienst der Komponisten stellt.
Das Esmé Quartett mit Joseph Hayden’s Streichquartett in D-Dur, op. 71, Nr. 2 (Quelle: Trondheim Kammermusikkfestival via YouTube)

Gab es in den letzten 30 Jahren spürbare Veränderungen bei koreanischen Musik- und Gesangsstudenten in Deutschland?

Ja, das Niveau steigt seit langem von Jahr zu Jahr, ebenso die Anzahl der Studien-Bewerber – und entsprechend steigt die Zahl der überdurchschnittlich erfolgreichen jungen Musiker. Man findet ja heute weltweit kaum noch einen internationalen Musikwettbewerb, in dem nicht südkoreanische Teilnehmer im Finale sind.

Sie gastieren als Dirigent häufig in Asien, auch in Korea. In einem Porträt auf Ihrer Webseite sagen Sie, dass Sie sehr gerne dort arbeiten, da Sie das Gefühl haben, dass „das, worauf es Ihnen ankommt, dort sehr intensiv aufgenommen und umgesetzt wird.“ Könnten Sie das näher erläutern?

Zwischen Orchestern und Dirigenten muss die „Chemie“ stimmen, um in kurzer Zeit sehr gute Ergebnisse zu erzielen. Mein Ansatz ist immer der, dass ich versuche, mit großem Respekt für die einzelnen Musiker eine möglichst nachvollziehbare Interpretation vorzugeben, der dann aber jeder aktiv und freiwillig folgen sollte. Mit diesem Prinzip habe ich in Asien, namentlich aber auch in Korea immer sehr gute Erfahrungen gemacht. Deswegen bin ich in diesem wunderbaren Land mit so vielen herausragenden Musikern und einem so begeisterungsfähigen Publikum immer wieder so gerne zu Gast.

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