Koreas Sicht auf Deutschland
„Deutschland ist das Original“

Konzerthaus Berlin
Das 1821 eröffnete Konzerthaus Berlin | Foto: Colourbox.de

Heute zieht es viele Südkoreaner an deutsche Musikhochschulen, Orchester und Opernhäuser. Das war nicht immer so – noch in den 1970er waren koreanische Musiker in Deutschland eine Minderheit. Kim Min, Künstlerischer Leiter des Korean Chamber Orchestra und einst Violinist unter anderem beim Radio-Symphonie-Orchester Berlin und dem Bayreuther Festivalorchester, zeichnet diese Entwicklung im Interview nach und gibt Einblicke in die koreanische Sicht auf das Musikland Deutschland.
 

Herr Kim, Sie kamen 1969 nach Deutschland, um in Hamburg Geige zu studieren. Wie ergab sich das?
 
1965 stellte mich mein Professor an der Seoul National University einem Deutschen namens Hans Sallmann vor. Er unterrichtete damals an der Hankuk University of Foreign Studies, einige Jahre später wurde er der erste Institutsleiter des neu gegründeten Goethe-Instituts Korea. Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen. Mein Professor meinte, ein Freund von mir spielt Cello in einem Quartett, als Laie, aber er weiß unglaublich viel über die Musik. Du würdest von ihm sicher viel lernen, ich habe dich als 1. Geige empfohlen. 1965, 1966 haben wir dann also begonnen, miteinander zu spielen. Wenn wir dort zum Üben hingingen, stapelten sich überall die Noten, es war das Paradies! Wir koreanischen Musiker konnten uns ja damals noch keine Noten leisten und mussten alle Noten handschriftlich abschreiben.
 
Nach ungefähr drei Jahren hat Hans Sallmann mich dann plötzlich gefragt, ob ich nicht nach Deutschland gehen wolle. An Deutschland hatte ich noch nie gedacht, ich konnte kein Deutsch und Deutschland war dafür bekannt, dass man alles selbst bezahlen musste. In den USA bekam man leichter Stipendien. Doch dann hat er mir das DAAD-Stipendium empfohlen, ich habe mich beworben, und einige Monate später kam die Antwort, dass ich angenommen worden war. Am 1. Dezember 1969 konnte ich dann endlich ausreisen. 

Das Quartett beim Üben: Kim Min (1. v. links), Hans Sallmann (2. v. rechts)
Das Quartett beim Üben: Kim Min (1. v. links), Hans Sallmann (2. v. rechts) | Foto: privat
Nach Ihrem Studium haben Sie bei verschiedenen Orchestern in Deutschland gespielt. Wie war es damals, als Koreaner in Deutschland zu studieren und zu arbeiten?
 
Man war in der Minderheit. 1970 war ich in Hamburg der einzige Musikstudent aus Südkorea, an anderen Musikhochschulen in West-Deutschland, insbesondere Köln und Berlin, gab es etwas mehr. Nach dem Studium war ich dann zunächst beim NDR, bei der heutigen Elbphilharmonie. Dort spielte ich zwei Jahre, danach reiste ich drei Jahre mit dem Kölner Kammerorchester um die Welt, bis ich zum Berliner Rundfunkorchester kam. 1975 war ich der erste Koreaner, der in einem deutschen Kulturorchester spielte. Sonst gab es keine koreanischen Musiker in deutschen Orchestern, aber rund 100 Japaner. Heute gibt es so viele hervorragende koreanische Musiker! Nicht nur, aber auch in Deutschland.
 
Obwohl Sie in Deutschland Fuß gefasst hatten, kamen Sie 1979 nach Korea zurück. Warum?
 
Eigentlich war ich in Berlin etabliert. 1979 hatte sich für mich die politische Situation in Korea sehr enttäuschend entwickelt, sodass ich mit dem Gedanken spielte, in Deutschland zu bleiben. Die Bedingungen waren gut, ich konnte viel Geld verdienen und hatte viele Möglichkeiten. Aber dann kamen ständig Anfragen aus Korea: das Nationalorchester brauchte einen Konzertmeister. Es gab niemanden, der genug Erfahrung hatte, ich sollte helfen. Zwei Jahre haben sie mich bearbeitet! Also habe ich beim Intendanten erst einmal um ein Jahr unbezahlten Urlaub gebeten, in der Zeit in Korea gearbeitet, und bin dann wieder zurück nach Deutschland. Und war nun im Konflikt, ob ich wieder ganz nach Korea zurückkehren sollte. Es gab dort viel zu tun, soviel lag noch im Argen. Ich wollte einerseits helfen, andererseits wollte ich eigentlich nicht zurück. Doch schließlich habe ich mich entschieden, dorthin zu gehen, wo ich gebraucht werde. Und das war Korea.
 
Sie wirken seit Jahrzehnten an verschiedenen Positionen in der koreanischen Klassikszene: beim Nationalorchester, dem heutigen KBS Orchester, als Professor an der Seoul National University, beim Korean Chamber Orchestra. Fallen Ihnen noch weitere Musiker und -innen ein, die in Deutschland ausgebildet wurden und nach ihrer Rückkehr eine wichtige Rolle in der Klassikszene Koreas spielten?

2010 verlieh der damalige deutsche Botschafter in Südkorea Hans-Ulrich Seidt der Pianistin Jang Hye-won das Bundesverdienstkreutz
2010 verlieh der damalige deutsche Botschafter in Südkorea Hans-Ulrich Seidt der Pianistin Jang Hye-won das Bundesverdienstkreutz | Foto: Yonhap News
Damals gab es zwar nur einige wenige koreanische Musiker, die in Deutschland studierten, aber sie alle legten in Korea wichtige Grundsteine in der klassischen Musik. Die Pianistin Jang Hye-won zum Beispiel, sie ist Professorin Emeritus an der Ewha Woman’s University. Sie ging etwas vor mir nach Deutschland, im zweiten Jahrgang der DAAD-Stipendiaten. Danach kam der Chellist Na Deok-seong. Er war Professor an der Joongang University, ähnlich alt wie ich. Oder das sogenannte Jo Trio: der Chellist Jo Yeong-chan, die Violinistin Jo Yeong-mi und die Pianistin Jo Yeong-bang. Sie alle sind ehemalige DAAD-Stipendiaten, waren nach ihrer Rückkehr als Musiker erfolgreich und haben als Professoren viele Schüler unterrichtet.

Heute studieren viele koreanische Musiker in Deutschland. Was macht den Reiz des Studienziels Deutschland in der Musik aus?
 
Nach dem Koreakrieg wurde in Korea ab 1954 alles nach und nach mit amerikanischer Hilfe wieder aufgebaut. Und da Amerika half, wurde das gesamte Bildungssystem nach amerikanischem Vorbild geformt. Europa spielte keine Rolle, das Bildungssystem war völlig amerikanisch. Und in der klassischen Musik wusste damals noch kein Koreaner, ob nun die USA wichtig sind oder Deutschland. Damals war einfach für alles die USA wichtig, dort war alles am besten. In allen Bereichen, auch in der Musik.
 
Doch mit der wirtschaftlichen Entwicklung änderte sich auch das Bewusstsein der Menschen, und sie erkannten, dass die USA nicht alles ist. Dass auch viele Amerikaner zum Studium nach Deutschland gehen, vor allem in der klassischen Musik. Die Koreaner verstanden also nach und nach, dass man nicht nur gen USA blicken sollte, sondern man eigentlich nach Deutschland gehen soll. Dass Deutschland das eigentliche Original ist. Dass die klassische Musik aus Deutschland kommt.
Kim Min (1. v. links in der ersten Reihe) mit den Musikern des Korean Chamber Orchestras bei einem Konzert 2016
Kim Min (1. v. links in der ersten Reihe) mit den Musikern des Korean Chamber Orchestras bei einem Konzert 2016 | Foto: Yonhap News
Wenn in Korea alles auf Amerika ausgerichtet war, gab es dann keine Probleme damit, die koreanische und die deutsche Ausbildung zusammenzubringen?
 
Als ich 1979 aus Deutschland zurückkam, waren an der Fakultät für Musik der Seoul National University viele der Professoren in den USA ausgebildet worden. Aus Europa kam nur eine kleine Minderheit. Auch die unterschiedlichen Abschlüsse waren ein Problem. In den USA gab es B.A., M.A., D.M.A, also den Musikdoktor. Das Diplom und das Konzertexamen waren da anders, und in Deutschland gab es für Musiker keinen Doktortitel. In den Musikwissenschaften, da konnte man promovieren, aber nicht als Musiker an sich. Alles war also anders und ließ sich schwer mit dem hiesigen System in Einklang bringen, und dadurch haben die koreanischen Universitäten natürlich Leute aus den USA bevorzugt. Weil sie das deutsche Bildungssystem nicht verstanden haben. Aber als dann immer mehr Rückkehrer aus Deutschland an die Unis kamen, hat sich das langsam geändert. Das hat in den 1970ern begonnen, und in den 1990ern machten die Professoren mit europäischer Ausbildung dann die Hälfte aus. Und Deutschland war besonders stark vertreten, weil nach Deutschland einfach besonders viele gehen.
 
Warum ausgerechnet Deutschland?

Italien ist insbesondere für Gesang interessant, aber dort ist mit den Konservatorien das System wieder anders. Österreich ist sehr klein. Dann gibt es noch Belgien oder Frankreich, aber auch nach Frankreich gehen viel weniger als nach Deutschland, weil dort die Musikausbildung wieder anders ist. Ins Pariser Konservatorium kann man jederzeit eintreten, und mit 17 oder 18 macht man dann schon seinen Abschluss. Doch in Deutschland ist die Studienzeit klar strukturiert mit acht Semestern. So hat sich nach und nach das Bewusstsein durchgesetzt, dass für klassische Musik Deutschland als Studienziel ein Muss ist.

Prof. em. Kim Min
Prof. em. Kim Min | Foto: Shim Kyutai
Und ich halte die deutsche Einstellung, dass es nicht wichtig ist, ob man gut oder schlecht ist, sondern die Musik von der Pike auf richtig lernen muss, für sehr wichtig. In Deutschland kann jeder auf seinem Level Musik erlernen und ein Leben als Musiker leben und sich an der Musik erfreuen und bereichern: die Herausragenden, die Guten, die nicht ganz so Guten. Das ist heute vielen klar geworden: warum man zum Musikmachen nach Deutschland gehen soll, und warum es für wahres Musizieren zwar auch wichtig ist, dass es herausragende Musiker gibt, aber eben auch, dass die Basis stimmt und die grundlegenden musikalischen Fähigkeiten vermittelt und gelernt werden. Und dass das fast noch wichtiger ist.
 
Ihre Beziehung zu Deutschland lebt bis heute weiter – wie ich gehört habe, lange Zeit auch auf eine ganz besondere Weise?
 
Ich bin oft mit dem Korean Chamber Orchestra auf Tour gegangen. In der ganzen Welt, aber wohl am meisten in Deutschland. Und jedes Jahr um den 20. Juni ging es für mich lange Zeit für zweieinhalb Monate nach Bayreuth, um im Festivalorchester zu spielen, und am 1. September wieder zurück nach Korea. 30 Jahre lang, von 1977 bis 2008, spielte ich dort als einziger Koreaner mit.
 
Wenn ich zurückdenke, bin ich sehr froh, dass ich nach Deutschland gegangen bin. Man weiß natürlich nie, was gewesen wäre wenn, aber Deutschland hat mir ermöglicht, soviel mehr aus mir zu machen und so viel mehr zu erreichen. 

Top