Südkoreas Blick auf die deutsche Wiedervereinigung
Vorbild oder mahnendes Beispiel?

Menschen auf der Berliner Mauer am 10. November 1989. Der Moment hat sich auch in das Gedächtnis der Südkoreaner eingebrannt.
Menschen auf der Berliner Mauer am 10. November 1989. Der Moment hat sich auch in das Gedächtnis der Südkoreaner eingebrannt. | Foto: dpa

Korea und Deutschland teilen die Geschichte der Trennung nach dem Zweiten Weltkrieg – doch nur Deutschland ist heute wiedervereinigt. Dementsprechend groß war in den vergangenen 30 Jahren das Interesse an der deutschen Wiedervereinigung in Südkorea. Doch was kann Korea von der deutschen Wiedervereinigung tatsächlich lernen? Eine Analyse von Unsuk Han vom Tuebingen Center for Korean Studies at Korea University.

Als die Mauer zwischen West- und Ostberlin fiel und die Deutschen vor dem Brandenburger Tor mit Feuerwerk die Wiedervereinigung feierten, blickte wohl niemand mit mehr Rührung und gleichzeitigem Neid auf Deutschland wie die Koreaner. Die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch des Realsozialismus in Europa und die Auflösung der Sowjetunion weckten Erwartungen, dass auch Korea so wie Deutschland bald vereinigt sein würde. Doch so sollte es nicht kommen.
 
In den vergangenen 30 Jahren gab es in Korea daher unzählige Forschungen und Medienberichte über die deutsche Wiedervereinigung, und ebenso unzählige deutsche Experten wurden eingeladen, berichteten über die Erfahrungen in Deutschland und berieten zu deren Implikationen für die koreanische Halbinsel. Doch die deutsche Erfahrung kann nicht eins zu eins auf die koreanische Halbinsel übertragen werden. Man muss sich zunächst die Unterschiede zwischen der Teilungsgeschichte der beiden Länder bewusst machen.

Zerstörerischer Einfluss des Anti-Kommunismus

Südkorea und Westdeutschland standen beide ihnen feindlich gesinnten Systemen gegenüber, sodass die Angst und Feindseligkeit gegenüber dem Kommunismus unweigerlich groß sein musste. Doch der zerstörerische Einfluss des Anti-Kommunismus war auf der koreanischen Halbinsel weitaus größer als in Deutschland. In Südkorea stützten in Abwesenheit einer Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit nach der Befreiung die früheren pro-japanischen Kräfte, gestärkt vom Anti-Kommunismus, als neue südkoreanische Oberschicht die diktatorischen Regimes und wurden zur Führungselite Südkoreas. Schon vor Ausbruch des Koreakriegs beschwor der ideologische Konflikt in Südkorea das Massaker auf der Insel Jeju vom 3. April 1948 herauf, bei dem zahlreiche Zivilisten getötet wurden. Der Koreakrieg hatte mehrere Millionen Opfer, viele von ihnen Zivilisten, die hinter den Frontlinien massakriert wurden. Der Krieg ist bis heute ein kollektives Trauma in Südkorea und hat den Anti-Kommunismus tief in der politischen Kultur verankert. In Südkorea konnte sich daher lange Zeit keine progressive Partei etablieren, und die großen Zeitungen reproduzieren bis heute ein antikommunistisches und feindlich geprägtes Nordkoreabild.
 
Auch in Westdeutschland war die Vergangenheitsbewältigung direkt in der Nachkriegszeit unzureichend und ein Teil der Kollaborateure mit der NSDAP wurden auf wichtige Regierungsposten ernannt - aber sie bildeten nicht die Führungsschicht der Nachkriegsgesellschaft Westdeutschlands. In Westdeutschland setzte in den 1960ern eine Detente ein, und mit der Anerkennung von Ostdeutschland als Verhandlungspartner und Willy Brandts Neuer Ostpolitik nach dem Prinzip „Wandel durch Annäherung“ wurde der Anti-Kommunismus nach und nach geschwächt. Die westdeutsche Regierung und Gesellschaft hatte dank des erfolgreichen Wiederaufbaus nach dem Krieg und dem Erfolg der sozialen Marktwirtschaft an Selbstbewusstsein gewonnen und brauchte den Anti-Kommunismus als Mittel der Propaganda nicht mehr. Zudem wurden im Westdeutschland der Nachkriegszeit die im Grundgesetz festgeschriebenen Prinzipien der parlamentarischen Demokratie und des Rechtstaats respektiert, und der Anti-Kommunismus wurde nicht als Mittel zur Unterdrückung oder Disziplinierung von Oppositionsparteien oder progressiven Persönlichkeiten missbraucht.

Auftakt der Neuen Ostpolitik: Der westdeutsche Bundeskanzler Willy Brandt und der ostdeutsche Ministerpräsident Willi Stoph beim ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen in Erfurt 1970.
Auftakt der Neuen Ostpolitik: Der westdeutsche Bundeskanzler Willy Brandt und der ostdeutsche Ministerpräsident Willi Stoph beim ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen in Erfurt 1970. | Foto: dpa

Vergangenheitsbewältigung und regionale Integration

Der Kalte Krieg manifestierte sich in der Nachkriegszeit in Europa und in Ostasien auf unterschiedliche Weise. In Westdeutschland etablierte sich mit der Zeit eine politische Kultur, in der die Vergangenheit reflektiert wurde, man sich mit den Nachbarländern nach und nach aussöhnte und Opfer mit Reparationen entschädigte. Mit dieser Aufarbeitung der Vergangenheit ging ein Vertrauensaufbau einher, auf dessen Grundlage Westdeutschland zum Zugpferd der europäischen Integration werden konnte.
 
Willy Brandt konnte zudem die Detente der 1960er Jahre zwischen den USA und der Sowjetunion nutzen, um seine Neue Ostpolitik und einen „Wandel durch Annäherung“ zu verfolgen. Die Existenz der Insel Westberlin im Meer Ostdeutschland zwang die westdeutsche Regierung, zur Sicherung des Existenzrechts Westberlins alle Möglichkeiten zur Verhandlung zu nutzen. Vor diesem Hintergrund schloss Brandt 1972 den Grundlagenvertrag mit der DDR ab und legte damit die Grundlage für die Wiedervereinigung. Auch die europäische Integration und die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki 1975 und ihre Schlussakte schufen günstige Bedingungen für eine Wiedervereinigung Deutschlands.

Koreakrieg und harte Teilung

Die Nachkriegsordnung in Ostasien basierte dagegen weniger auf multilateraler und mehr auf bilateraler Kooperation. Angesichts der erfolgreichen Entwicklung der Europäischen Union wird zwar in jüngster Zeit von einigen Seiten die Notwendigkeit einer Ostasiatischen Gemeinschaft propagiert, doch die unzureichende Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit Japans stellt dabei das größte Hindernis dar. Durch das Fehlen einer solchen regionalen Gemeinschaft ist der Einfluss der USA auf ihre Bündnispartner in der Region umso größer. Der Koreakrieg hat die militärische und sicherheitspolitische Abhängigkeit Südkoreas von den USA noch verstärkt und die innerkoreanischen Beziehungen in höchstem Maße konfrontativ gemacht.
 
Eine Folge ist das tragische Schicksal der unzähligen getrennten Familien, die nicht einmal wissen, ob ihre Verwandten auf der anderen Seite noch am Leben sind und für die selbst Briefkontakt nicht möglich ist. Dies steht in scharfem Kontrast zu der „weichen Teilung“ in Deutschland, wo jedes Jahr Millionen von Menschen die innerdeutsche Grenze für Familien- und Verwandtenbesuche überquerten und die Menschen in Ostdeutschland jeden Abend Westfernsehen schauen konnten.

Atomkonflikt mit Nordkorea

Ein weiterer großer Unterschied zwischen der deutschen und der koreanischen Teilung ist der Atomkonflikt mit Nordkorea. Nach dem Untergang der DDR und der Auflösung der Sowjetunion fühlte sich Nordkorea sicherheitspolitisch stark bedroht und begann mit der Entwicklung von Atomwaffen zur Selbstverteidigung. Nachdem alle Versuche, die Entwicklung von Atomwaffen durch Nordkorea zu stoppen, gescheitert sind, begegnet die internationale Gemeinschaft unter Führung der USA dem nordkoreanischen Atomprogramm nun mit scharfen Wirtschaftssanktionen. Jeder Versuch zur Verbesserung der innerkoreanischen Beziehungen kommt am nordkoreanischen Atomkonflikt nicht vorbei.
 
Die südkoreanische Regierung unter Präsident Moon Jae-in versucht daher mit aller Kraft, die USA und Nordkorea zu einer stufenweisen Aufgabe der Atomwaffen durch Nordkorea und im Gegenzug einer stufenweisen Aufhebung der Wirtschaftssanktionen zu bewegen. Gleichzeitig will sie die großen sicherheitspolitischen Sorgen Nordkoreas beseitigen, indem durch die Unterzeichnung eines Friedensvertrages der derzeitige Waffenstillstand in einen andauernden Frieden verwandelt wird.

Wiedervereinigung durch Absorption in Korea?

In dem wir uns diese Unterschiede zwischen der deutschen und der koreanischen Teilung bewusst machen, können wir besser nachvollziehen, warum in Südkorea die Lehren aus der deutschen Wiedervereinigung in Südkorea so widersprüchlich gezogen werden.
 
Die in Artikel 23 des Grundgesetzes geregelte Wiedervereinigung durch Beitritt wird in Südkorea meist „heupsu tongil“ genannt, „Wiedervereinigung durch Absorption”. Dies hat eine negative Konnotation und kritisiert, dass unabhängig vom Willen der Ostdeutschen das westdeutsche System, die westdeutsche Staatsmacht und das Prinzip des Kapitalismus auf Ostdeutschland übertragen wurden. Direkt nach der deutschen Wiedervereinigung wollte die südkoreanische Regierung in Erwartung eines Zusammenbruchs Nordkoreas eine solche Wiedervereinigung nach deutschem Vorbild vorbereiten. Wie in Deutschland auch wurde eine Wiedervereinigung durch Beitritt in Südkorea kontrovers diskutiert. Kritiker glaubten, dass Südkorea angesichts der langen Geschichte feindlicher Beziehung zwischen Nord- und Südkorea und den großen wirtschaftlichen Unterschieden eine Wiedervereinigung nach deutschem Vorbild nicht leisten könne.

Kim Dae-Jungs Sonnenscheinpolitik

Ab Mitte der 1990er zeichneten sich die Nachwirkungen der Wiedervereinigung in Deutschland deutlicher ab: das Wirtschaftswachstum in Ostdeutschland stagnierte, die Arbeitslosigkeit war konstant hoch, und viele Menschen in Ostdeutschland fühlten sich benachteiligt und als „Bürger zweiter Klasse“. Dies verlieh den Stimmen in Südkorea, die die deutsche Wiedervereinigung als Vorbild für Korea ausschlossen, noch zusätzliche Überzeugungskraft.
 
Präsident Kim Dae-jung, dem 1998 der Regierungswechsel gelang, verfolgte gegenüber Nordkorea eine Politik des Engagements. In dieser Zeit standen sich in Südkorea das Interesse an Brandts Neuer Ostpolitik als Argument für die „Sonnenscheinpolitik“ und eine kritische Sichtweise auf die deutsche Wiedervereinigung als ein Gegenbild für Korea einerseits, und Lobgesänge von konservativen Kräften auf die deutsche Wiedervereinigung als erfolgreiches Vorbild für Korea auf der anderen Seite gegenüber.

Die Staatsoberhäupter Nord- und Südkoreas beim ersten innerkoreanischen Gipfeltreffen in Pjöngjang im Jahr 2000: Kim Jong-il and Kim Dae-jung
Die Staatsoberhäupter Nord- und Südkoreas beim ersten innerkoreanischen Gipfeltreffen in Pjöngjang im Jahr 2000: Kim Jong-il and Kim Dae-jung | Foto: Yonhap News
Bei der gesellschaftlichen Integration und dem Aufbau Ost gab es nach wie vor viele Probleme zu lösen, aber ab der Jahrtausendwende setzte sich im deutschen Diskurs zur Wiedervereinigung nach und nach die realistische Einschätzung durch, dass diese Probleme nicht innerhalb einer Generation gelöst werden können und einen langfristigeren Blick erfordern. Zum 15. und 20. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung wurden viele Schriften veröffentlicht, die die langfristigen Errungenschaften der Wiedervereinigung nüchterner und differenzierter als zuvor bewerteten. Dies führte in Südkorea erneut zu einem gewissen Bewusstseinswandel. Die negativen Bewertungen der deutschen Wiedervereinigung sollen in der südkoreanischen Bevölkerung das Interesse an einer Wiedervereinigung verringert und eine aufrichtige Bereitschaft, von der deutschen Wiedervereinigung zu lernen, verhindert haben.

Von der „Politik der Stärke‘ zurück zur Annäherungspolitik

Mit der Jahrtausendwende wurde in Südkorea der Neokonservatismus in Form einer Neuen Rechten stärker, und im Jahr 2007 gelang den Konservativen der Regierungswechsel. Gleichzeitig verschlechterten sich die innerkoreanischen Beziehungen, es kam zu Zusammenstößen mit Nordkorea im Gelben Meer, und die nordkoreanische Atomkrise vertiefte sich. Diese Entwicklungen hatten auch Auswirkungen auf den Diskurs über die deutsche Wiedervereinigung in Südkorea. Die positive Bewertung und die Erwartung einer „Wiedervereinigung durch Absorption“ nach deutschem Vorbild gewannen wieder an Einflusskraft, und es gab sogar Stimmen, laut denen Brandts Neue Ostpolitik die Lebensdauer der DDR-Diktatur nur verlängert hätte und die nach einer „Politik der Stärke“ riefen. Hier dürfte auch die ablehnende Haltung des konservativen Lagers gegenüber der Politik des Engagements der früheren südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung und Roh Moo-hyun eine Rolle gespielt haben.
 
Die Regierung von Präsident Moon Jae-in, die aus der sogenannten „Kerzenlicht-Revolution“ von 2016/2017 hervorging, verfolgt dagegen eine aktive Politik der Annäherung gegenüber Nordkorea mit dem Ziel, den nordkoreanischen Atomkonflikt zu lösen und Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu verwirklichen. Es ist zu erwarten, dass dies das Interesse an den Erfahrungen beim Austausch und bei der Kooperation zwischen West- und Ostdeutschland vor der Wiedervereinigung wieder steigen lassen wird.

Was ist von Deutschland zu lernen?

Die Frage der Wiedervereinigung ist für die Zukunft Koreas im 21. Jahrhundert die alles entscheidende Frage. Wir müssen es schaffen, politische Interessen zu überwinden und parteiübergreifend zu kooperieren, um für Frieden und Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel gemeinsam von der deutschen Wiedervereinigung zu lernen. Dafür lohnt sich ein Blick auf Helmut Kohl, nachdem ihm 1982 der Machtwechsel gelang. Er knüpfte an die Ostpolitik der SPD an und erhöhte damit die Stabilität und Berechenbarkeit der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten. Diese Kontinuität der Annäherungspolitik hat eine zentrale Rolle im Wiedervereinigungsprozess gespielt.
 
In Korea waren unser Interesse und unsere Forschungen bislang auf den Prozess der deutschen Wiedervereinigung und die Entwicklungen danach fokussiert. Da wir zunächst die Versöhnung und Kooperation zwischen Nord- und Südkorea vorantreiben und Frieden auf der koreanischen Halbinsel herbeiführen müssen, müssen wir uns aber intensiver mit den innerdeutschen Beziehungen während der Teilung und ihrem europäischen Kontext beschäftigen.
 
Von Deutschland zu lernen heißt nicht, einen Master Key zu erhalten, den wir dann eins zu eins auf die koreanische Wiedervereinigung anwenden können. Wir können nicht wissen, wie die Lage nach einer Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel genau aussehen wird. Die Beschäftigung mit der deutschen Wiedervereinigung kann uns aber die Kompetenz und Sensibilität verleihen, mit der wir dann diesen unvorhersehbaren Situationen besonnen und flexibel begegnen können. Für eine solche Flexibilität muss man aber in der Lage sein, den Wiedervereinigungsprozess und den Systemwandel langfristig und im historischen Kontext zu betrachten und nicht nur den deutschen Weg der Wiedervereinigung, sondern auch bestimmte Aspekte der Gesellschaftstransformation in Osteuropa als mögliche Alternativen zu berücksichtigen.

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