Deutsch-koreanische Theaterproduktion „Borderline“
Eine deutsche Perspektive auf Korea

Das Theaterstück „Borderline“ ist eine deutsch-koreanische Produktion.
Aufgrund der COVID-19-Pandemie war es den südkoreanischen Schauspieler*innen nicht möglich, in München aufzutreten; ihre Performance wurde live übertragen. | Foto (Detail): © Judith Buss

Leben mit der Grenze: Im Interview spricht der deutsche Schauspieler Florian Jahr, der am deutsch-koreanischen Theaterstück „Borderline“ mitwirkte, über seine Erfahrungen mit der deutschen Wiedervereinigung - und über das Konzept der Grenze im Stück.

Von Claire Ham

Die deutsche Einheit jährt sich 2020 zum dreißigsten Mal. In Deutschland wurde das Jubiläum mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert. Dazu zählt auch „Borderline“, eine deutsch-koreanische Theaterproduktion. Seit der Premiere am dritten Oktober 2020 im Residenztheater München waren alle fünf Vorstellungen des Theaterstücks ausverkauft.
 
Geschrieben hat das Theaterstück, das von der Korea Foundation, dem Arts Council Korea und dem Goethe-Institut Korea gefördert wurde, der deutsche Autor und Theaterkritiker Jürgen Berger. Regie führte Kyungsung Lee von Creative VaQi, die Producer Group DOT übernahm Planung und Produktion. Durch eine Online-Übertragung im Rahmen des 2020 Seoul Performing Arts Festival – zu sehen am 15. November 2020 um 16 Uhr auf Naver-TV – wird das Stück auch dem südkoreanischen Publikum zugänglich gemacht.

Trotz der rund 8.000 Kilometer Distanz sind Südkorea und Deutschland durch die Erfahrung der Teilung in zwei Staaten miteinander verbunden: Deutsche schauen nach Südkorea und erinnern sich an die frühere Teilung ihres Landes, während Südkoreaner*innen auf die deutsche Vergangenheit und Wiedervereinigung blicken.

Die Einheit als Prozess

Nach 45 Jahren der Teilung setzte sich Deutschland in den vergangenen 30 Jahren für die innerdeutsche Integration ein – trotz der faktischen Wiedervereinigung. Die wirtschaftlichen Disparitäten zwischen den neuen und den alten Bundesländern wurden jedoch bereits deutlich abgebaut. Wie aus der Statistik der Bundesregierung hervorgeht, sollen die neuen Bundesländer 2019 etwa 73 Prozent der durchschnittlichen, gesamtdeutschen Wirtschaftskraft, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner, erreicht haben, während die Wirtschaftskraft in der DDR 1990 kurz nach dem Mauerfall lediglich bei 37 Prozent des westdeutschen Niveaus lag.

Aber wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in Ostdeutschland aufwuchs, 2019 bei der Zeremonie zum 29. Jahrestag der Deutschen Einheit sagte: „Die deutsche Einheit ist also kein Zustand, einmal vollendet und abgeschlossen, sondern ein fortwährender Prozess, ein ständiger Auftrag“, – ist die „innere Mauer“ bei den ostdeutschen Einwohnern noch nicht völlig abgerissen. Einer Studie zufolge, die im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt wurde, sollen sich noch 60 Prozent der Ostdeutschen wie Bürger*innen zweiter Klasse behandelt fühlen.
 
Wie ist es um Südkorea bestellt, wo etwa 300.000 nordkoreanische Flüchtlinge leben? Die Statistik des südkoreanischen Wiedervereinigungsministeriums verweist darauf, dass sich 10,1 Prozent der verstorbenen nordkoreanischen Flüchtlinge ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Mit 8,7 Prozent 2017 und 14,9 Prozent 2018 befindet sich diese Quote meistens im zehnprozentigen Bereich. Kim Youngjoo, die Abgeordnete der regierenden Minju-Partei, sagte am siebten Oktober, dass die hohe Zahl der Suizidfälle bei nordkoreanischen Flüchtlingen den Mangel an stabilen Eingliederungsmaßnahmen für Geflüchtete aus Nordkorea schonungslos an den Tag lege. Aus diesem Grund sei man auf ein Konzept zur sorgfältigen Betreuung und Begleitung sowie systematischen Schutzhilfe angewiesen.

Die deutsche Gesellschaft steht vor der Aufgabe der Integration, die südkoreanische vor der einer multikulturellen Gesellschaft


Im Zuge der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 gewannen die rechtsextremen Parteien in Deutschland schnell an Zuspruch und förderten gesellschaftliche Unruhen. Mittlerweile soll sich aber die Integration von Geflüchteten in die deutsche Gesellschaft wieder gebessert haben. Neben der innerdeutschen Integration ist es in Deutschland auch ein Ziel, die Flüchtlingsintegration zu bewältigen. Aus diesen Gründen sieht sich die deutsche Gesellschaft mit komplexen Herausforderungen konfrontiert. Bedenkt man, dass sich die südkoreanische Gesellschaft aktuell zu einer multikulturellen Gesellschaft entwickelt, könnten die Gespräche zwischen womöglich wichtige Hinweise liefern.
 
Was aber bedeutet Integration? Wie kann auf die Ängste der Bewohner*innen und auf die Diskriminierung, der sich Migrant*innen ausgesetzt sehen, reagiert werden? Ausgehend von diesen Fragen haben sich Künstler*innen aus Deutschland und Südkorea zwei Jahre lang bei Workshops mit den vielfältigen Seiten der „Grenze“ in beiden Ländern auseinandergesetzt. Resultat dieser intensiven Auseinandersetzung ist nun das Theaterstück „Borderline“. Das Stück thematisiert gesellschaftliche Fragen, darunter Flucht und Ankunft, Teilung und Einheit usw. Gleichzeitig erweitert es den gedanklichen Horizont  und behandelt auch Grenzerfahrungen in privaten Beziehungen wie die Ausgrenzung in der eigenen Familie.
Schauspieler KyungMin Na links, Schauspieler Florian Jahr rechts – dazwischen ein Grenzzaun.
Schauspieler KyungMin Na links, Schauspieler Florian Jahr rechts – dazwischen ein Grenzzaun. | Foto (Ausschnitt): © Hez Kim
So unterschiedlich ihre Muttersprache und ihr Umfeld sind, so ist ihnen ihr Engagement für Theater gemein: Die Schauspieler*innen aus Deutschland und Südkorea beschäftigen sich mit komplexen Themen wie ihrer Erinnerung an die Kindheit, Migrationserfahrung, Unbehagen gegenüber Fremden und Unsicherheit im Leben. „Borderline“ wird als Dokufiktion bezeichnet: Diese besondere Kunstform lässt die Zuschauer*innen das Stück gespannt mitverfolgen: Sie, können während der Aufführung überlegen, ob es sich bei den Erzählungen der Schauspieler*innen um ihre autobiographischen Erfahrungen oder um Fiktionen handelt. Aufgrund der COVID-19-Pandemie war es den südkoreanischen Schauspieler*innen (SoHyun Bae, SungIc Jang, KyungMin Na und BumJin Woo) nicht möglich, in München aufzutreten. Ihr Spiel wurde live für das deutsche Publikum übertragen.

Zum Interview habe ich den Schauspieler Florian Jahr, 37 Jahre, getroffen, der in der Woche zuvor für die letzte Aufführung des Stücks in München auf der Bühne stand. Wir haben uns bei einer Tasse Kaffee über das Stück und die behandelten Themen unterhalten. In Ostdeutschland geboren, ist Florian Jahr nach der Einheit mit seinen Eltern in die Stadt Rendsburg im Bundesland Schleswig-Holstein gezogen und dort aufgewachsen. Nach dem Abschluss seiner Ausbildung an der renommierten Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ wurde Jahr für verschiedene Rollen engagiert, sei es für Fernsehen, Film oder Theater. Derzeit ist er Ensemblemitglied des Residenztheaters in München. Zu seinen repräsentativen Stücken zählen u. a. „Engel in Amerika“ von Tony Kushner und „Kassandra/Prometheus.Recht auf Welt“ von Kevin Rittberger.

„Vermutlich wurde das Stück wegen der Verbindungen zwischen Deutschland und Südkorea positiv aufgenommen. Ich hoffe, dass es die Zuschauer*inenn zum Nachdenken bringt.“


Trotz der Corona-Krise war jede Vorstellung des Stücks ausverkauft. Denken Sie, dass sich Deutsche für die Teilung der koreanischen Halbinsel interessieren?

Ich glaube, ja. Das deutsche Publikum interessiert sich für die Lage in Korea. Wir haben die jetzige Situation in Korea an die deutsche Geschichte angeknüpft, was für das Publikum  sehr interessant war. Nordkorea wird als außergewöhnliches und fremdes Land wahrgenommen. In unserem Stück wurde das Land gemeinsam mit den wirtschaftlich erfolgreichen Seiten Südkoreas gezeigt,  - eine interessante Kombination für das deutsche Publikum. Früher stand Südkorea aus europäischer Sicht im Schatten von Japan, aber in letzter Zeit gewinnt es zunehmend an Bedeutung. Ich selbst habe mich früher für Japan interessiert, aber  auch erfahren, dass die japanische Gesellschaft ihre Schattenseiten hat. Besonders bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit ist sie nicht unbedingt vorbildlich.
 
Aus welchem Anlass haben Sie am Projekt teilgenommen?

Mir hat am meisten gefallen, dass ich in Südkorea arbeiten konnte. Ich habe einige koreanische Freunde in Deutschland, daher habe ich sowieso ein Interesse an der koreanischen Kultur. Weil ich bisher noch nie Südkorea bereist habe, war natürlich meine Neugier geweckt. Ich war sehr gespannt auf die vielen Abenteuer, die ich sechs Wochen lang in Seoul erleben würde. Als ich in München mit den südkoreanischen Schauspieler*innen und dem Regisseur zu Workshops zusammengekommen bin, habe ich festgestellt, wie sehr die Chemie zwischen uns gestimmt hat. Daher war dann die Einreise nach Südkorea für mich sehr aufregend.

Der Journalist Jürgen Berger ist mehrere Jahre lang zwischen Deutschland, Thailand und Südkorea gependelt und hat Menschen interviewt, die von ihrer Heimat zu einem Ort gezogen sind, um sich eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Basierend auf diesen Recherchen hat er dann das Stück geschrieben.

Im Januar habe ich mich als Letzter von unserem Team dem Projekt angeschlossen. Herr Berger lernte den Regisseur Kyungsung Lee auf einem Symposium in Südkorea kennen. Während der Arbeit am Konzept, die innerkoreanische Grenze und auch die menschlichen Grenzen als Theaterstück auf die Bühen zu bringen, nahm er mit dem Residenztheater Kontakt auf. Danach wurde das Konzept konkreter, sodass die verschiedenen aufgezeigten Grenzen auch an die deutsche Geschichte anknüpfend dargestellt wurden.

Florian Jahr
Florian Jahr, Schauspieler am Residenztheater in München. | Foto (Detail): © Lucia Hunziker


Hatten Sie wegen der sprachlichen Unterschiede keine Schwierigkeiten, mit den südkoreanischen Kolleg*innen zu kommunizieren?

Ich hatte den Eindruck, dass das südkoreanische Team meine Ideen interessiert aufgenommen hat. Die Zusammenarbeit war zwar nicht einfach, aber ich hatte nie den Eindruck, dass wir uns gegenseitig nicht verstanden haben. Selbst zwischen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, kommt es häufig zu Missverständnissen.

Der Besuch der innerkoreanischen Grenze war mit Sicherheit eine besondere Erfahrung.

An einem sonnigen Tag bin ich an die militärische Demarkationslinie am Ostmeer gefahren. Vom Charme der nordkoreanischen Landschaft fasziniert, hatte ich den Wunsch, weiter in Richtung Nordkorea zu reisen. Aber das Gelände um diese Grenze ist sehr gefährlich, weil es großflächig vermint ist. Ich habe gemerkt, in welchem Widerspruch die schöne Landschaft zu dieser absurden Realität steht. Das war eine interessante Erfahrung.
 
Das Stück stellt etliche Fragen nicht nur zu physikalischen Grenzen, sondern auch zu mentalen.

Wir wollten unter der Voraussetzung, dass nicht die ‚eine‘ Wahrheit und Realität existiert, eine These des Stücks herausarbeiten. Die Demarkationslinie kann ein Beispiel sein: Manche fühlen sich dadurch geschützt, während die getrennt lebenden Familien selbstverständlich große Trauer empfinden. Andere wollen überhaupt keine Grenze. So können wir unterschiedliche Lebensperspektiven feststellen.
Ich hoffe, dass die Zuschauer*innen anfangen, sich selbst Fragen stellen, als nach festen Antworten im Stück zu suchen und diese zu verstehen zu versuchen. Fragen sind interessanter als Antworten. Auch bei der Probe hat der Regisseur den Schauspieler*innen keine besonderen Erklärungen oder Hinweise gegeben. Er hat uns viele Vorschläge gemacht und wir wiederum haben unsere Ideen oder Erfahrungen aufgeschrieben, um daraus einen Teil des Theaterstücks zu machen. Auch ich habe als Schauspieler zum ersten Mal über meine persönliche Erfahrung geschrieben.

„In Ostdeutschland aufgewachsen, habe ich mich als Außenseiter gefühlt... Süd- und Nordkoreaner*innen sollten sich gegenseitig Gehör schenken.“


Was bedeutet der Mauerfall für Sie persönlich?

Damals war ich sechs Jahre alt, aber ich kann mich noch deutlich an die Szenen und Gefühle erinnern. Obwohl ich klein war, habe ich geahnt, dass etwas Wichtiges vor sich ging. Alle waren glücklich und erleichtert. Zwei Monate nach dem Mauerfall bin ich mit meinen Eltern in den Norden Deutschlands gezogen. Weil ich meine engen Freund*innen verlassen musste, war ich damals sehr traurig.

Hatten Sie nach dem Umzug in den Westen keine Schwierigkeiten, sich in die dortige Gesellschaft zu integrieren? 

Ich bin nicht besonders benachteiligt worden, aber dennoch fühle ich mich ständig als Außenseiter in der westdeutschen Gesellschaft. Bis heute bin ich nicht vollständig an diese Gesellschaft assimiliert worden. Dies liegt vor allem auch an den Kulturunterschieden . Beispielsweise bin ich an die kollektivistisch geprägte ostdeutsche Gesellschaft gewöhnt, wo man füreinander sorgt. Dagegen habe ich den Eindruck, dass Westdeutsche in ihrem Handeln eher individualistisch geprägt sind. Als Schauspieler ziehe ich es vor, auf Theaterbühnen zu spielen, weil ich es eher schätze, mich mit meinen Ensemblemitgliedern auszutauschen und dadurch emotional und intellektuell verbunden zu sein, als alleine im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen.

In den Ländern der früheren DDR hat die rechtsextreme Partei AfD, deren Parteiprogramm gegen Einwanderer und Flüchtlinge gerichtet ist, viele Wählerstimmen erhalten. Was halten Sie von diesem Phänomen?

Für mich ist das unverständlich. Früher waren wir alle Einwanderer. Wie die Figur des Theaterstücks Grace sagte: Wer einen Fremden begrüße, sei davon überzeugt, dass er selbst ein Gastgeber sei. Aber wenn man sich selbst nicht als Gastgeber, sondern als Ausgegrenzten betrachtet, kann die Existenz der Fremden an sich als unangenehm wahrgenommen werden.

Warum ist die gesellschaftliche Integration in Deutschland noch unvollständig?

Ich denke, dass der Austausch zwischen Ost und West ausreichend stattgefunden hat. Dennoch fühlen sich Westdeutsche Ostdeutschen gegenüber in gewisser Weise überlegen, weil sie für die Kosten der deutschen Einheit aufgekommen sind. Ostdeutsche fühlen sich wiederum als Bürger zweiter Klasse behandelt. Diese gegenseitige Respektlosigkeit existiert seit Langem. All diese Probleme können jedoch im Laufe der Zeit gelöst werden, denke ich.

Sie selbst sind mit Ihrer Familie von der DDR in die Bundesrepublik gezogen. Wenn Sie zurückblicken: Können Sie uns zu einem bestimmten Verhalten raten, damit eine Annäherung und schließlich eine enge Verbundenheit zwischen Süd- und Nordkoreaner*innen gelingen kann?

Süd- und Nordkorea sind länger geteilt als Ost- und Westdeutschland und es hat bisher noch kein offener Austausch stattgefunden. Es ist nun wichtig, dass sich Süd- und Nordkoreaner*innen gegenseitig vorurteilslos auf Augenhöhe begegnen.

Dieser Artikel wurde zuerst auf der Website der Internetzeitung OhmyNews am 20.10.2020 veröffentlicht.

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