50 Jahre deutsch-koreanisches Anwerbeabkommen
In Deutschland angekommen

Koreanische Bergarbeiter im Bergwerk Merkstein (Herzogenrath)
Koreanische Bergarbeiter im Bergwerk Merkstein (Herzogenrath) | Foto (Ausschnitt): © Verein der nach Deutschland entsandten Bergleute und Krankenschwestern und Professor Kwon

Koreaner sind seit Jahrzehnten ein Teil der deutschen Gesellschaft. 2013 jährt sich das Anwerbeabkommen von 1963 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südkorea zum 50. Mal.

Der Anfang war hart. Als Bergarbeiter kamen die ersten zweihundert Koreaner nach Deutschland. Rund 8.000 folgten ihnen bis 1977. Es waren überwiegend Studenten und Angestellte, gut ausgebildete Männer, die die schwere Arbeit unter Tage nicht gewohnt waren. In derselben Zeit schickte Südkorea über 10.000 junge Frauen, die in Deutschland als Krankenschwestern gebraucht wurden. Sie alle kamen als Gastarbeiter, denn es herrschte eine rigorose Rückkehrpflicht. Nach jeweils drei Jahren Arbeit in Deutschland war Schluss. Das galt bis 1980. Erst dann war es den Koreanern in Deutschland möglich, sich nach einem anderen Job umzusehen, sich umschulen zu lassen und eine sichere Zukunft in Deutschland zu planen.

Die Zuwanderer aus dem fernen Osten leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Bergbauindustrie in den 1960er- und 1970er-Jahren. Im Ruhrgebiet fehlten Arbeitskräfte, die Belegschaften waren überaltert. Und auch die Krankenschwestern, die bald aus vielen Kliniken gar nicht mehr wegzudenken waren, waren hoch willkommen. Viele von diesen jungen Frauen sahen darin eine Chance, der Armut und Perspektivlosigkeit in ihrem Land zu entkommen. Südkorea litt zu Beginn der 1960er-Jahre unter den Folgen des Korea-Krieges und war bettelarm. Darin lag auch ein wichtiges Motiv der südkoreanischen Regierung: Ihre ins Ausland entsandten Arbeitskräfte sollten Devisen ins Land bringen. Der damalige Präsident Park Chung-hee, der Südkorea mit diktatorischen Mitteln regierte, versuchte so, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzutreiben. Südkoreaner arbeiteten auch in Saudi-Arabien oder dienten auf der Seite der USA im Vietnamkrieg.

Geteiltes Schicksal

Für die Bundesrepublik Deutschland und Südkorea lag die Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen nach dem Korea-Krieg 1950–1953 im gemeinsamen strategischen Interesse: Eindämmung des Kommunismus und Zusammenarbeit mit den USA. In den 1960er- und 1970er-Jahren trug Deutschland in erheblichem Maß zur Schaffung der Grundlagen des koreanischen Wirtschaftswunders bei. Südkorea entwickelte sich von einem der ärmsten Länder der Welt in den 1950er-Jahren zur heute elfgrößten Volkswirtschaft weltweit. Die gemeinsame Situation der Teilung machte die beiden Staaten – Südkorea und die Bundesrepublik – zu „entfernten Leidensgenossen“, wie ein Kommentator schrieb. Die Beziehungen blieben auch dann noch stabil, als die südkoreanische Militärdiktatur brutal gegen Oppositionelle vorging und die Demokratisierungsbewegung im Mai 1980 gewaltsam niederschlug.

Anders Nordkorea: Konnten sich noch in den 1950er-Jahren einige hundert Studenten und Fachkräfte in der DDR ausbilden lassen, so führte die Zunahme der Spannungen zwischen Moskau und Peking in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einem weitgehenden Abzug der Nordkoreaner aus der DDR. Pjöngjang stand in dem Konflikt auf der Seite Mao Zedongs, die DDR sah sich dem sowjetischen Bruderland verpflichtet. Nach offizieller Schätzung leben in Deutschland immerhin noch rund 1.500 Nordkoreaner, die schon vor der Wiedervereinigung in die DDR gekommen waren, schreibt der Deutsch-Koreaner Martin Hyun in seinem Buch Lautlos – Ja Sprachlos – Nein: Grenzgänger zwischen Korea und Deutschland

Lautlose Integration

Heute leben demnach rund 50.000 Menschen mit koreanischen Wurzeln in Deutschland. Sie wohnen vor allem im Rhein-Main-Gebiet, in Düsseldorf und Berlin. Für sie ist Bildung der Schlüssel zum sozialen Erfolg, sie gelten als sehr diszipliniert und ehrgeizig, haben sich schon nach einer Generation einen gewissen Wohlstand erwirtschaftet und sich in ihr deutsches Umfeld perfekt eingepasst.

Dennoch leben sie mehr oder weniger „unter sich“, kritisiert Martin Hyun. „Oftmals besuchen sie die koreanische Kirchengemeinde, schauen sich koreanische Seifenopern an, lesen in Deutschland publizierte koreanische Zeitungen, lassen sich von koreanischen Friseuren ihre Haare schneiden und verrichten andere alltägliche Dinge, ohne die deutsche Sprache zu nutzen.“

Hyun ist ein in Krefeld geborener Sohn koreanischer Gastarbeiter. Er war der erste koreanischstämmige Eishockey-Profi in der Deutschen Eishockey-Liga, hat in den USA Politik und Internationales Recht studiert und engagiert sich als interkultureller Botschafter. Seine Kritik zielt auf den Integrationsbegriff: „In Deutschland scheint eine Integration erst dann gelungen zu sein, wenn man still, unsichtbar und unkritisch gegenüber der Mehrheitsgesellschaft bleibt.“ Die Einheimischen scherten sowieso alle „Asiaten“ über einen Kamm, wüssten nur wenig über die kleine koreanische Minderheit in ihrer Mitte. Und die Politik nehme sie kaum wahr. So seien koreanische Verbände erst auf ausdrücklichen Nachdruck ihrer Vertreter zu den Integrationsgipfeln der Bundesregierung eingeladen worden. Im Unterschied zu den Feiern zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens werde das Anwerbe-Abkommen mit Korea kaum wahrgenommen.

Samsung und Hyundai

Das mag auch daran liegen, dass sich das Bild Südkoreas in Deutschland längst zu dem einer ebenbürtigen Industrienation entwickelt hat. Man fährt Autos der Marken Hyundai und Kia, kauft Fernseher von Daewoo und LG und telefoniert mit Handys von Samsung. Koreaner spielen in der Fußball-Bundesliga, und die Diskobesucher bewegen sich in dem in Korea erfundenen Gangnam-Style.

Deutschland ist der drittgrößte Investor in Südkorea, 300 Unternehmen sind direkt auf der asiatischen Halbinsel vertreten. Deutsche und deutsch-koreanische Unternehmen beschäftigen über 80.000 koreanische Arbeitnehmer. Das prägt auch das Bild der Koreaner, die heute in Deutschland leben. Auch wenn sie als Gastarbeiter gekommen sind und unter erbärmlichen Bedingungen angefangen haben, gehören sie heute wie die US-Amerikaner, die Kanadier oder die Australier in Deutschland zu einer Gruppe von eingewanderten Ausländern, die angekommen sind. Sie werden mit dem Standard identifiziert, den ihre Heimatländer genießen.

Eine kleine Wanderausstellung mit Fotos von Herlinde Koelbl, 50 Jahre koreanische Bergarbeiter und Krankenschwestern in Deutschland, in der Galerie des Koreanischen Kulturzentrums in Berlin zeigt ihre Geschichte. Weitere Stationen in Deutschland sind Bochum, Dortmund, Goslar, Duisburg und Frankfurt.

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