50 Jahre deutsch-koreanisches Anwerbeabkommen
Altern in der Fremde

Altern in der Fremde
Altern in der Fremde | © Colourbox

In den 1960er-Jahren kamen die ersten Koreaner nach Deutschland, um dort Arbeit und ein besseres Leben zu finden. In-Sun Kim war eine von ihnen. Heute leitet sie den einzigen interkulturellen Hospizdienst „Dong Ban Ja“ in Berlin.

Wie deutsch sind Sie, Frau Kim?

Ich fühle mich in Berlin zu Hause. Meine Mutter zog 1965 von Seoul nach Deutschland. 1972 hat sie mich nachgeholt. Damals war ich 22 Jahre alt. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in Köln-Bonn am Flughafen angekommen bin: Eine Nonne hat mich empfangen. Sie konnte kein Koreanisch sprechen und ich kein einziges Wort Deutsch. Zum Frühstück hat sie für mich Brötchen mit Butter und Marmelade vorbereitet. Ich wollte das nicht essen. Ich wollte Suppe und Reis. Für mich war die Ankunft damals ein großer Kulturschock. Heute esse ich gern Brötchen mit Butter und Marmelade.

Sie haben sich entschieden in Deutschland zu bleiben. Wann kam der Moment, in dem Sie sich die Frage gestellt haben: „Wie wäre es in Berlin zu sterben?“

In-Sun Kim
In-Sun Kim | © dongheng.de
Nachdem ich als Krankenschwester in Bonn gearbeitet habe, wollte ich unbedingt Theologie studieren. Ich bin nach Berlin gegangen und habe mich eingeschrieben. In dieser Zeit habe ich mich gefragt: „Wie werde ich einmal sterben?“ Mir ist schnell klar geworden: Diese Frage stellen sich auch andere. Ich haben mich mit sieben Frauen im Jahr 2005 zusammengefunden und „Dong Heng“ gegründet, einen interkulturellen Förderverein für Hospizdienste. Der interkulturelle Hospizdienst „Dong Ban Ja“ kam im Jahr 2009 dazu. Unter den Gründungsmitgliedern war eine Chinesin, eine Jüdin, eine Christin und eine Buddhistin. Im Moment betreuen wir 20 Koreaner und 30 weitere Menschen aus zwölf Nationen.

Sehnsucht nach der Muttersprache

Wer wendet sich an Sie, um sterbenden Menschen zu helfen?

Das sind Freiwillige. Zunächst absolvieren sie eine Ausbildung. Die umfasst 130 Stunden, über ein Jahr verteilt. In einem Jahr bilden wir 12 bis 15 Betreuer aus. Insgesamt sind wir 120 Begleiter in Berlin. Jeder nimmt zunächst an den interkulturellen Seminaren teil, bei denen die Menschen lernen, was kultursensible Pflegebegleitung heißt. In den Seminaren reden sie darüber, was Tod und Sterben in verschiedenen Ländern, Kulturen und Religionen bedeutet. Die Ausbildung ist auf Selbstreflexion angelegt: Was bedeutet Leben und Sterben für mich als Migrantin? Wie kann ich einer anderen Kultur begegnen? Kann ich das?

Und umgekehrt? Wenn ein sterbender Mensch bei Ihnen anruft und Sie um Hilfe bittet, was tun Sie dann?

Einmal hat sich ein schwer kranker Mann bei uns gemeldet. Er war in Korea geboren und seine Frau war Deutsche. Er lag im Krankenhaus und seine Frau konnte ihn nicht mehr verstehen, weil er nur noch Koreanisch gesprochen hat. Ich habe ihn besucht und übersetzt. Sein letzter Wunsch war noch einmal das koreanische Gericht zu essen, was seine Mutter ihm als Kind immer gekocht hat. Das ist nur ein Beispiel. Die Betreuung verläuft immer unterschiedlich. Es kommt auf die individuellen Bedürfnisse an. Migranten brauchen oft jemanden, der ihre Muttersprache spricht. Den suchen wir. An uns wenden sich meistens ältere Menschen aus dem ostasiatischen Raum, Buddhisten oder Hindus. Außerdem bieten wir Musiktherapie und Demenzvorbeugung an.

Heimweh kommt im Alter

Was ist die besondere Herausforderung bei Ihrer Arbeit?

Wenn die jungen Leute gut integriert sind, denken sie nicht ans Altern. Dann wünschen sich die meisten ihr altes Leben zurück. Das zu akzeptieren fällt vielen schwer. Wir leben so lange in dem Land, in dem wir nicht geboren sind und fühlen immer beides gleichzeitig: Geborgenheit und Heimweh. Bei unserer Arbeit ist es wichtig, dass wir das anerkennen.

Entschließen sich manchmal koreanische Gastarbeiter im hohen Alter nach Korea zurückzukehren?

Viele Migranten haben dem Traum in der Heimat sterben zu wollen. Wenn sie wirklich zurückkehren, werden sie dort meistens nicht glücklich. Wenn man in einem Land Jahrzehnte lang nicht gelebt hat, ist man dort auch fremd. Ich glaube, es ist wichtig, beide Identitäten anzunehmen. Ich bemerke das, wenn ich zwei Wochen in Korea bin. Ich bin jedes Jahr einmal da und fühle ich mich dort fremd, noch fremder als hier.

Warum ist das so?

Ich bin diese westliche, individualistische Gesellschaft gewöhnt. Korea funktioniert als Kollektiv. Wer jedoch keine Familie hat, der ist arm dran. Niemand kümmert sich um die Außenseiter der Gesellschaft und das muss sich ändern. Ein interkultureller Hospizdienst für Migranten wäre dort nicht denkbar und das finde ich befremdlich. Hoffentlich wird sich das in Zukunft ändern.

Wo möchten Sie einmal sterben, wenn es so weit ist?

Das kann ich noch nicht sagen, aber ich habe mich für eine Seebestattung entschieden.

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