Film
Multikulturalität im koreanischen Kino

Still aus „He's on duty“
Still aus „He's on duty“ | © Synergy Media

Korea wird zunehmend multikulturell und multiethnisch. Es ist daher kaum verwunderlich, dass in jüngster Zeit auch Filmemacher ihren Blick auf dieses gesellschaftliche Phänomen richten und in ihren Werken die daraus resultierenden Konflikte aufgreifen.

„Dafür bin ich nicht nach Korea gekommen! Man hat mich wie einen Hund behandelt. Ihr verrückten Koreaner! Dabei seid ihr doch selbst auch Sklaven, wie wir alle… . Ich wollte doch nur glücklich werden…!“ So bricht es aus Karim, einem Arbeitsmigranten aus Bangladesch in Bandhobi (2009) heraus, als er zum ersten Mal in Korea auf das offene Meer blickt. Nicht nur wurde Karim schlecht behandelt und um seinen Lohn gebracht, er wurde auch gezwungen, in die Illegalität abzutauchen. Nach dem Ablauf seines Arbeitsvertrages will und kann er nicht mit leeren Händen nach Bangladesch zurück. Trotz seines prekären Status versucht Karim mithilfe einer koreanischen Freundin an das ihm zustehende Geld zu gelangen - und wird am Ende dennoch abgeschoben. Eine bittere, doch für Arbeitsmigranten in Korea kaum ungewöhnliche Geschichte.
 
Einwanderung ist in Korea ein relativ neues Phänomen. Es ist noch nicht lange her, dass viele Koreaner und Koreanerinnen selbst ins Ausland auswanderten, um dort zu arbeiten. So gingen beispielsweise in den 1960er und 1970er Jahren zahlreiche koreanische Krankenschwestern und Bergarbeiter nach Deutschland. Doch spätestens seit den 1990er Jahren ist Korea von einem gebeutelten Entwicklungsland zu einem der produktivsten Industrieländer aufgestiegen, das selbst auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Diese kommen überwiegend aus China und den süd- und südostasiatischen Ländern und werden zumeist als ungelernte Arbeiter in sogenannten 3D-Jobs (difficult, dirty, dangerous) eingesetzt. Zusätzlich werden aufgrund der Landflucht zahlreiche Frauen aus Vietnam, China und den Philippinen angeworben, um als Ehefrauen koreanischer Landarbeiter die Kontinuität und den Erhalt der Familien auf dem Land zu sichern. Im September 2011 betrug die Zahl der in Korea lebenden Ausländer 1,41 Millionen und mit einem statistischen Anteil von drei Prozent der Gesamtbevölkerung damit den bislang höchsten Stand. Parallel zu diesem Phänomen schreitet eine unausweichliche Entwicklung voran: Die demografische Entwicklung Koreas verändert sich: Korea wird zunehmend multikulturell und multiethnisch. „Multikulturalismus“ (damunwha juui) und „multikulturelle Familie“ (damunwha gajeong) sind die neuen offiziellen Schlagwörter, mit denen die wachsende Heterogenität der koreanischen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht werden. Es ist daher kaum verwunderlich, dass in jüngster Zeit auch Filmemacher und Kulturschaffende ihren Blick auf dieses gesellschaftliche Phänomen richten und in ihren Werken die daraus resultierenden Konflikte aufgreifen.

Gute Ausländer, schlechte Ausländer

„Bandhobi“
„Bandhobi“ | © IndieStory
In Bandhobi (2009) wird nicht nur die Ausbeutung von ausländischen (Fabrik-)Arbeitern kritisiert, sondern auch aufgezeigt, wie Ausländer mit zweierlei Maß gemessen werden: Weiße Amerikaner werden bewundert und hofiert, junge Koreanerinnen sind nur allzu gern bereit, Bekannt- bzw. Liebschaften mit ihnen einzugehen, während man andere Arbeitsmigranten, meistens die mit dunkler Haut, als Gefahr für das Land sieht. Die Sprache und Kultur Nordamerikas werden unhinterfragt nachgeahmt – hierauf spielt Karim bei seinem Ausbruch an, wenn er die Koreaner als Sklaven bezeichnet – wohingegen die Lebensweisen anderer Länder ignoriert bzw. abgewertet werden. Der Film nimmt sich dieses Widerspruchs an und versucht eine andere Haltung einzunehmen: Man sieht Karim beim Beten gen Mekka, beim Zubereiten ungewöhnlicher Gerichte und beim Essen mit bloßen Händen. Obwohl der Film auf diese Weise für Verständnis und Toleranz für Arbeitsmigranten wirbt, werden gleichermaßen durch das „authentische“ Aufzeigen anderer Kulturpraktiken identitäre Differenzen festgeschrieben; Karim bleibt ein „Fremdkörper“ und wird am Ende des Films wieder aus Korea „entfernt“.

Fremdsein als Maskerade

Ganz anders verhält sich die Hauptfigur Taesik in He’s on Duty (2010): Als arbeitsloser Koreaner verwandelt er sich in einen Bhutanesen, um so als Arbeitsmigrant einen Job zu ergattern. Im Verlauf des Films solidarisiert er sich mit seinen neuen Kollegen gegen den koreanischen Fabrikaufseher und organisiert Demonstrationen für gerechte Löhne und gleiche Rechte für alle. Durch diese Maskerade wird die eindeutige Zuordnung ethnischer und kultureller Identität, die jederzeit an- und abgelegt werden kann, unterlaufen. So belässt es der Film He’s on Duty nicht nur bei einem moralischen Apell, sondern stellt augenzwinkernd die Möglichkeit einer gemeinsamen Basis in Aussicht. Folglich endet der Film nicht mit einer Abschiebung, sondern mit der Andeutung eines Happy End: Um seine vietnamesische Kollegin Rose zu heiraten, nimmt der „bhutanesische“ Hauptdarsteller seine wahre koreanische Identität wieder an - und kann so den Aufenthalt seiner zukünftigen Frau legalisieren.
Trailer zu „He's on Duty"

Taekwondo und männliches Ego-Tripping

„Where is Ronny?“
„Where is Ronny?“ | © Jinjin Pictures
Where is Ronny? (2009) hingegen befasst sich mit der Sinnkrise eines Taekwondo-Lehrers, dessen Selbstverständnis als Koreaner und Taekwondo-Meister durch eine Niederlage im Zweikampf gegen einen Bangladeschi (Ronny) empfindlich ins Wanken gerät. Zutiefst gekränkt und gedemütigt, dass er in seiner „eigenen“, „urnationalen“ Disziplin einem Ausländer erlag, sucht er mithilfe eines weiteren Bangladeschi, der sich illegal in Korea aufhält, nach seinem Kontrahenten. Doch die Suche nach Ronny führt nicht, wie erhofft, zur Wiederherstellung des angeknacksten Selbstbewusstseins, sondern zur Auflösung der bislang stabil geglaubten Familie des Taekwondo-Lehrers und seines Weltbildes. Doch dadurch sieht er sein bisheriges Leben mit anderen Augen und kann einen Neubeginn wagen. So ist Where is Ronny? eine bittersüße Komödie über das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Welten, die die Möglichkeit der Überwindung festgefügter Denk- und Lebensweisen birgt.

Identitätskrise und andere Kleinigkeiten

Von einem ganz anderen Konflikt erzählt der Film Punch (2011), eine Coming of Age-Komödie und Adaption des gleichnamigen Bestseller-Romans von Kim Ryeo-ryeong. Der Hauptdarsteller Wandeug fällt aus allen Wolken, als er von seinem Lehrer erfährt, dass seine Mutter, die die Familie vor langer Zeit verließ, eine Filipina ist. Nun möchte sie wieder Kontakt zu ihrem Sohn aufnehmen; sein kleinwüchsiger Vater, der sich auf Märkten als Tänzer verdingt, hatte ihm die Herkunft seiner Mutter verschwiegen. Die Neuigkeit stürzt Wandeug in eine handfeste Identitätskrise, zugleich bietet sich die Chance zur Neuorientierung und schließlich die Gelegenheit zur Familienzusammenführung. Der Film verdeutlicht, dass Kinder aus Beziehungen zwischen Koreanern und anderen Asiaten, rein äußerlich nicht zu unterscheiden sind, gäbe es nicht die eindeutige Zuschreibung von außen. Diese Fremdzuschreibung wird in Seri and Harr (2008) konsequent aus der Sicht von Jugendlichen verhandelt: Der Film macht auf den harschen, von Rassismus geprägten Alltag von Migrantenkindern aufmerksam. Die vermeintliche ethnische Homogenität der Koreaner führt zur binären Aufteilung „Wir“ und „die Anderen“, was nicht zuletzt auch die Diskriminierung von bi-nationalen Familien und Migrantenkindern bedingt.
Trailer zu „Punch“

Es zeichnet sich jedoch schon seit geraumer Zeit ab, dass es in Zukunft weniger darum gehen kann, wer „koreanisch“ ist und wer nicht, sondern darum, wer zu Korea gehört – eben jene, die in Korea leben und arbeiten. Denn die aufstrebende Wirtschaft Koreas braucht angesichts der sinkenden Geburtenrate dringend die Unterstützung von Migranten und ihrer Nachkommen. Umso erfreulicher ist es, dass das aktuelle koreanische Kino einen energischen, optimistischen Ton anschlägt und Migranten als eigenständige Persönlichkeiten mit konkreten Wünschen, Zielen und Problemen darstellt. Indes bleibt abzuwarten, ob in nicht allzu ferner Zukunft die Kinder der Eingewanderten selbst zum Medium Film greifen, um ihre und die Geschichten ihrer Eltern aus ihrer spezifischen Perspektive zu erzählen: Dies würde zur Heterogenität Koreas beitragen und zudem der migrationsgesellschaftlichen Wirklichkeit entsprechen.

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