Professor Dr. Hans-Jürgen Krumm im Interview
Mehrsprachigkeit in Korea

Prof. Dr. Hans-Jürgen Krumm
Prof. Dr. Hans-Jürgen Krumm | Foto: Goethe-Institut Korea

Professor Dr. Hans-Jürgen Krumm war einer der ersten Professoren für Sprachlehrforschung und Deutsch als Zweitsprache. Im Interview erläutert er die Vorteile von Mehrsprachigkeit, den Zusammenhang von Integration und Sprache und warum es sich lohnt in Korea Deutsch zu lernen.

Was genau bedeutet „Mehrsprachigkeit“?

Im Grunde ist jeder Mensch mehrsprachig. Wir reden mit der Oma anders als mit Freunden, d.h. linguistisch unterscheiden wir zwischen innersprachlicher Mehrsprachigkeit und der Mehrsprachigkeit bezogen auf Dialekte, auf Fremdsprachen. Insofern gibt es eher tausend Definitionen als eine. Früher hat man auch gesagt, dass man nur dann zwei- oder mehrsprachig ist, wenn man die Sprachen perfekt beherrscht. Es ist also eine Frage der Perspektive: Was möchte man als mehrsprachig betrachten? Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch mehrsprachig ist, nur weiß es nicht jeder.

Was sind Ihre Hauptargumente, wenn Sie für Deutsch als Fremdsprache werben?

Die Argumente wechseln, je nachdem mit wem ich zu tun habe. Das ist von Ländern, Kontinenten, Alter, Beruf und vielem anderen abhängig. Mein Lieblingsargument ist eigentlich, dass Deutsch, gerade im Kontrast zu Englisch, eine europäische Kultursprache und eben nicht eine Lingua Franca für jeden Zweck ist. Die deutsche Sprache ist mit dem europäischen Kontinent, mit seiner Geschichte, mit den deutschsprachigen Ländern verbunden, sodass man über Europa eigentlich nicht wirklich etwas erfährt, wenn man nicht auch Deutsch sprechen kann.

Englisch als Fremdsprache gehört mittlerweile zur „Alltagsqualifikation“, und in Korea wird für das Erlernen von Englisch sehr viel investiert. Würden sich hier als weitere Fremdsprachen nicht die Sprachen der geografischen Nachbarn, also Japanisch und Chinesisch, anbieten? Warum sollte also in Korea Deutsch gelernt werden?

Zunächst einmal finde ich es richtig, wenn man in Korea die Sprachen der Nachbarländer lernt. Ein Blick auf die Landkarte genügt. Ich würde gerne von einer sprachenteiligen Gesellschaft sprechen – das ist wie eine arbeitsteilige Gesellschaft. Demnach muss natürlich nicht jeder in Korea Deutsch sprechen können. Aber jede Gesellschaft sollte dafür sorgen, dass sie genügend Menschen in wichtigen Funktionen hat, die auch Deutsch beherrschen. Dies hängt mit der wirtschaftlichen Lage zusammen, denn Korea ist eine Exportnation. Und ich bin ganz entschieden der Meinung, dass der Grundsatz ,,Man muss die Sprache des Kunden sprechen‘‘ vollkommen zutrifft.

Wie könnte Deutsch als Fremdsprache in Korea aktiv gefördert werden?

Meine Wahrnehmung von Korea ist, dass Fragen der Qualität durchaus etwas ganz Entscheidendes sind. Und ein Deutschunterricht, der nicht höchsten Qualitätsansprüchen genügt, hat in einem Land wie Korea – zu Recht – keine Chance. Ein ganz wichtiges Instrument der Förderung ist also eine hohe Qualifikation der Lehrkräfte und ein modernes Design des Unterrichts, der an die Lebensverhältnisse der Menschen angepasst sein sollte. Wenn jeder ein Handy besitzt und das auch vorwärts und rückwärts benutzt, warum ist ein Handy dann nicht ein Bestandteil des Deutschunterrichts?

Welche Bedeutung haben asiatische Sprachen, oder speziell Koreanisch, im europäischen Raum bzw. in Deutschland?

Das ist ein ganz wunder Punkt. Ich gebe zu, dass ich kein Koreanisch spreche. Meine Versuche Hindi zu lernen sind erst einmal an Zeitgründen gescheitert. Eigentlich bin ich der Überzeugung, dass es so etwas wie ein Gleichgewicht auf dem Sprachenmarkt geben muss. Europa hat ja nachgeholt. In Hamburg, wo ich lange an der Uni war, gibt es nun endlich auch eine japanischsprachige Schule. Dort wird sogar der gesamte Unterricht für die deutschen Schüler ab dem dritten Jahr auf Japanisch gehalten. Aber ich denke Europa ist noch viel zu einsprachig und genauso Englisch-fixiert wie andere Gesellschaften. Es ist ziemlich mühsam das zu überwinden. Ich bin der Meinung, dass in Europa Sprachen wie Chinesisch, Kantonesisch, Koreanisch, Hindi oder Arabisch völlig unterentwickelt sind.

Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Integration und dem Beherrschen der Sprache des Gastlandes?

Ich würde das so formulieren: Natürlich ist es wünschenswert und hilfreich, wenn Menschen die Sprache des Landes, in dem sie leben, beherrschen. Aber nehmen wir mal die Situation hier in Korea. Ich treffe überall auf Leute, die die Sprache des Landes nicht können. Die europäische Union hat in ihren eigenen Grenzen Freizügigkeit. Man darf sich also beliebig in einem Land niederlassen ohne die Sprache des Landes sprechen zu können. Jeder Pole oder jede Spanierin kann sich demnach in Deutschland niederlassen. Das Fatale an der Diskussion über die Sprache der Migranten ist, dass nur die, die von außerhalb der EU kommen, die Landessprache Deutsch lernen müssen, weil man sagt, dass sie sonst hier nicht überleben können. Wie allerdings ein Pole oder Spanier das kann, ein Türke oder Inder aber nicht, das leuchtet mir nicht ein. Ich bin für ein sehr gestuftes, allmähliches Hineinwachsen, nicht diesen Zwang.

Sie haben einmal davon gesprochen, dass es keine Konzepte gibt, wie die mitgebrachten Sprachkenntnisse der Migrantenkinder in die Sprachförderung Deutsch eingebracht werden könnten. Wie könnten solche Konzepte aussehen? Und warum ist dies wichtig?

Wenn ein Mensch mehrere Sprachen sprechen kann, dann kann er nicht alle gleich gut, sondern jede für einen bestimmten Zweck. Nehmen wir zum Beispiel die Schweiz: Hier bekommen Migranten das Angebot ihre eigene Sprache den Schweizern und den bereits Eingewanderten, die selbst ihre eigene Muttersprache zwar sprechen können, aber nie richtig gelernt haben, zu unterrichten. Sie müssen sich dann im Gegenzug verpflichten in den nächsten drei Jahren einen Deutschkurs zu besuchen. Das finde ich eine faire Regelung.

Die Fragestellung über „Integration und Sprache“ ist auch für Südkorea relevant, da sich das einstige „Einsiedler-Königreich“ zu einer Gesellschaft entwickelt, deren Ausländeranteil stetig wächst. Viele der angeheirateten Partner stammen aus südostasiatischen Ländern und werden oft entmutigt in ihrer Muttersprache zu ihren Kindern zu sprechen, da diese angeblich bereits mit Koreanisch häufig Schwierigkeiten hätten. Wie ist Ihre Meinung hierzu?

Zunächst einmal würde ich gerne loswerden, dass ich mit Vergnügen erfahren habe, dass der Koreanischunterricht für Zuwanderer kostenlos ist. Das finde ich ganz toll. Unsere erste Sprache schafft im Gehirn eine Art sprachliches Fundament und jede Sprache, die man danach lernt, baut auf diesem Fundament auf. Wenn das Fundament brüchig ist, oder gar nicht fertig ist, dann wird das Haus auch krumm und schief und es wird nichts daraus. Das heißt, eine Festigung der Muttersprache dient auch dem Erwerb der Zweitsprachen. Da gibt es kluge Theorien und Untersuchungen, die zeigen, dass wir relativ viel aus der ersten Sprache in die weiteren Sprachen transferieren. Insofern ist es falsch zu sagen: „Die können ja die Muttersprache nicht richtig, also muss man noch mehr Zeit auf die neue Sprache verwenden.“ Fachleute nennen das ein ,,Time und Task‘‘-Argument: Je mehr Zeit ich für eine Sache aufwende, umso besser. Wir wissen aber aus ganz vielen Abläufen, dass es eventuell besser ist, uns nicht nur um die eine Sache zu kümmern, sondern gleichzeitig die Voraussetzungen, die Bedingungen, die Grundlagen zu schaffen. Ehe ich jemanden, der seine Muttersprache nicht perfekt beherrscht, gleich mit einer neuen Sprache überfalle, wäre für solche Menschen ein zweisprachiges Angebot viel besser, bei dem die Muttersprache gefestigt und ein Vergleich erlernt wird. Wenn ich meine Muttersprache nie bewusst gelernt habe, dann kann ich nicht vergleichen, denn ich suche ja immer, wie das, was ich neu gelernt habe, zu dem passt, was ich schon kann. Dafür benötige ich Begriffe und Vorstellungen. Deshalb braucht es einen speziellen Unterricht in der Zweitsprache, aber es braucht auch eine Stärkung in der Erstsprache.

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