Filmemacherin Sung-Hyung Cho im Gespräch
Über den Versuch der doppelten Heimat

Sung-Hyung Cho
Sung-Hyung Cho | © Tim Wegner / Dt. Filminstitut

„Heimatfilm“ nennt die in Korea geborene Filmemacherin Sung-Hyung Cho ihre Dokumentarfilme. Sie lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Ihr preisgekrönter Erstling „Full Metal Village“ spielte in der deutschen Provinz. „Endstation der Sehnsüchte“ heißt ihr neuer Film. Er handelt von einem deutschen Dorf in Südkorea. Sung-Hyung Cho sprach mit goethe.de über die Suche nach Heimat.

Sie zeigen in Ihrem Film einen sehr skurrilen Ort: ein deutsches Dorf in Südkorea. Es sieht aus wie aus einem Modellbau-Katalog. Was steckt dahinter?

Das deutsche Dorf liegt auf einer Insel in Südkorea und ist ziemlich abgelegen. Es sind nur ungefähr 30 Häuser mit roten Ziegeldächern und Vorgärten. Früher gab es auch mal Gartenzwerge, aber die sind alle reingeholt worden, weil die Touristen sie immer als Souvenir mitnahmen. In dem Dorf leben Koreaner, die nach Deutschland ausgewandert waren, und ihre deutschen Partner. Die Koreaner sind damit zwei mal ausgewandert: Zuerst in den 60er und 70er Jahren nach Deutschland und dann nach 30 oder 40 Jahren wieder in ihre alte Heimat.

Wie entstand das deutsche Dorf?

Die Idee stammte von einem Kommunalpolitiker auf der Insel. Wie es überall so ist, die Bevölkerung auf dem Land schrumpft und der Politiker wollte gegensteuern. Und er hat sich gedacht, dass ein deutsches Dorf eine Touristenattraktion wird. Jetzt gibt es auch ein amerikanisches Dorf, und ein japanisches Dorf ist geplant. Es geht also immer mehr in Richtung Freizeitpark.

Die Koreaner haben ihre Traditionen verloren

In ihrem Film begleiten Sie drei Koreanerinnen und ihre deutschen Ehemänner. Sie leiden unter dem Ansturm der Touristen. Ludwig Strauss-Kim wird als „Langnasen-Opa“ geneckt und seine Frau Woo-Za ruft sogar die Polizei zu Hilfe. Was macht den Reiz des deutschen Dorfs für die Koreaner aus? 

Die Industrialisierung, für die Deutschland und Europa 300 Jahre Zeit hatten, machte Korea in 50 Jahren. Die Koreaner haben ihre Traditionen verloren, die zudem während der Kolonialzeit ausgerottet wurden. Statt einer eigenen koreanischen Architektur gibt es in Großstädten nur noch Hochhäuser. Darum finden Koreaner ein Einfamilienhaus mit Garten sehr exotisch. Gleichzeitig wirkt es auf sie sehr idyllisch, denn sie sehnen sich danach, auf dem Boden zu wohnen und nicht im 30. Stock eines Wohnturms. Hinzu kommt die Sehnsucht nach der Fremde.

„Endstation der Sehnsüchte“ heißt Ihr Film: Um welche Sehnsüchte geht es?

Die Sehnsucht nach einem besseren Leben, nach Wohlstand und natürlich auch die Sehnsucht nach Liebe. Eine unserer Protagonistinnen kam nach Deutschland, weil sie ihrer ersten Liebe nachgefolgt war. Aber auch dreißig Jahre später ist da immer noch die Sehnsucht nach der alten Heimat, nach Geborgenheiten durch die Verwandtschaft oder die Sprache.

Endstation – ist das im Sinne von Erfüllung gemeint oder eher als Sackgasse, als trauriger Endpunkt einer Desillusionierung?

Beides ist gemeint. Diese Koreanerinnen sind in ihre Heimat zurückgekehrt, aber nicht irgendwo hin, sondern in ein deutsches Dorf. Das heißt für mich, dass sie auf ihre neue Heimat Deutschland nicht verzichten wollten. Als Idee finde ich es sehr interessant, in einer doppelten Heimat zu leben. Aber so praktiziert geht das nicht, daraus kann nur eine Hülle werden. Insofern ist es schon eine Sackgasse.

Wer bin ich?

„Die Heimat verloren zu haben, ist die Tragik unseres Lebens“, sagt Chun-Ja Engelfried im Film. Was bedeutet Heimat für Sie?

Als ich in Südkorea war, habe ich nie an Heimat gedacht. Aber seitdem ich in Deutschland bin, denke ich sehr intensiv darüber nach. Wenn die Heimat in erster Linie rückwärts gewandt ist, finde ich das sehr gefährlich. Heimat muss man sich wirklich im Hier und Jetzt aneignen. Ich muss nun Deutschland als meine Heimat betrachten und versuchen, es als Heimat zu gewinnen. Wenn man faul ist, geht das nicht. Dann wird man nur von Heimweh geplagt und idealisiert die alte Heimat: Da ist alles besser und das ist wie ein Wunderland. Heimat ist nichts, was feststeht, sondern etwas, das man ständig begreifen und erobern muss. Und die Frage nach Heimat beinhaltet auch die Frage nach Identität: Wer bin ich?

Warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Meine Mutter war auch als Krankenschwester in Deutschland. Und ich war sehr infiziert von der Sehnsucht nach Westen und vor allem nach Deutschland, dem Land der Dichter und Denker. Ich wuchs mit deutscher Literatur auf, denn es sind viel deutsche Bücher ins Koreanische übersetzt worden. Ich habe Goethe, Heine, Schopenhauer und Nietzsche gelesen, aber auf koreanisch alles. Außerdem fühlen sich die Koreaner sehr verbunden mit Deutschland, denn beide Staaten wurden geteilt und Korea sieht Deutschland als Schicksalsgenossen.

Hat Ihr Film Ihren Blick auf Deutschland und Korea verändert?

Ich habe gelernt, dass ich diese alte Heimat, die ich in meinem Kopf habe, nicht finden kann, ähnlich wie die Protagonistinnen. Und dass ich immer hin und her gerissen sein werde. Dieses doppelte Heimatgefühl wird immer bei mir bleiben.

Die deutschen Ehemänner Ludwig, Arnim und Willi sprechen nur wenige Sätze Koreanisch. Kann man irgendwo heimisch werden, ohne Kenntnis der Landessprache?

Das glaube ich nicht. Die Sprache ist der Schlüssel zur Kultur. Wenn man die Sprache nicht beherrscht, dann kann man die Kultur auch nicht verstehen. Und man kann sich nicht in eine Gesellschaft integrieren. Ich bin jetzt seit 20 Jahren in Deutschland, aber das Gefühl der Fremdheit wird bis zu meinem Tod bleiben, allein wegen der Sprache.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Protagonisten mit ihrer Umsiedlung ins deutsche Dorf die richtige Entscheidung getroffen haben?

Ich habe großen Respekt für ihre Entscheidung, vor allen Dingen für unsere deutschen Opas. Das finde ich wirklich hammermäßig, dass diese Männer mit über 70 auf die andere Seite der Erde auswandern! Aber ich glaube nicht, dass sie sich richtig entschieden haben. Die koreanische Gesellschaft ist zu hektisch, in den Städten ist es sehr modern, dort ist alles voller Hightech, das kann leicht befremdlich wirken für ältere Menschen. Auch ganz pragmatisch betrachtet: In Korea sind die Altersvorsorge und die Krankenversicherung nicht so gut. Außerdem liegt das Dorf am Hang und es ist sehr steil. Selbst ich bin dort schon in Atemnot geraten.
 

Sung-Hyung Cho wurde 1966 in Busan, Südkorea geboren. „Endstation der Sehnsüchte“ wird in Deutschland am 22.10.2009 in die Kinos kommen.

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