Urbaner Gartenbau in Seoul
Das Beet in all seinen Formen

Der Seouler Gangdong-Bezirk. Hier findet man Apartmentsiedlungen und Beete in friedlicher Koexistenz.
Der Seouler Gangdong-Bezirk. Hier findet man Apartmentsiedlungen und Beete in friedlicher Koexistenz. | Foto: Lee Geun-Young

Seoul zählt zu den Megacities der Welt und ist bekannt für Apartmentsiedlungen, Verkehrsstaus und schlechte Luftqualität. Doch seit einigen Jahren wird Seoul gleichzeitig immer grüner. Dies ist nicht zuletzt unzähligen Kleingärtnern zu verdanken, die jede nutzbare Fläche flugs in ein Gemüsebeet verwanden.

Dachbeete, Hochbeete, Beete in Parks, Randflächen und Schulen und aus privater Hand vermietete Beete im Einzugsgebiet der Stadt - die für den Gartenbau genutzte Fläche in Seoul ist zwischen 2011 und 2018 von 29 Hektar auf 177 Hektar angestiegen. Das entspricht 244 Fußballfeldern.

2004 wurde in Südkorea die gesetzliche Arbeitszeit in der Woche von 44 Stunden auf 40 Stunden gesenkt und damit erstmals die 5-Tage-Woche eingeführt. Eine spätere Gesetzesänderung bezüglich Zonen, in denen der Verkauf von Flächen die Erlaubnis der Behörden benötigt, erhöhte zudem die landwirtschaftlich nutzbare Fläche um Seoul herum. Das sorgte für einen ersten Boom der sogenannten „Wochenendfarmen“ - an Städter vermietete Beete im Rand- und Einzugsgebiet der Stadt. Zu Beginn waren die Kleingärtner vor allem Familien oder Rentner, aber in mehr als zehn Jahren hat sich seitdem das Bild des typischen Seouler Kleingärtners immer wieder gewandelt - und tut dies auch heute noch.

Urbaner Gartenbau 1 Foto: Lee Geun-Young
Die Beete in der Stadt decken nicht nur den Bedarf an gesunden, sicheren und frischen Lebensmitteln. Es wird beim Transport auch weniger Treibstoff verbraucht und damit weniger CO2 ausgestoßen, womit zum Klimaschutz beigetragen wird. Außerdem wird der Abfluss und der Kreislauf des Regenwassers gefördert. Die Beete bieten einen Raum, in dem die Menschen sich in der Natur erholen können, schaffen neue Gemeinschaften, in denen sich gleichgesinnte Menschen zusammenfinden, und beleben gelegentlich auch die lokale Wirtschaft.

Es gibt hier junge Menschen, die über den Dächern der Stadt die Sorgen der heutigen Gesellschaft teilen und eine Verschmelzung von Landwirtschaft und Kultur vorleben. Ein alter Mann, der die Souverenität und Tradition Koreas beschützen und den nachfolgenden Generationen ein Erbe hinterlassen möchte. Und zukunftsgewandte moderne Technologie, die unter der Erde von allen Fahrgästen der U-Bahn genutzt werden kann.

Das sind die zahlreichen Formen des Beetes in Seoul.

Mapo-Bezirk: Die Kooperative Pajeori

Urbaner Gartenbau 2 Foto: Lee Geun-Young
„Local food for city healing“, lokal produzierte Nahrungsmittel, um die Stadt zu heilen - geleitet von dieser Vision haben sich in der Kooperative Pajeori (파릇한 절믄이) junge Menschen zusammengefunden, die mit Spiel und Spaß Landwirtschaft betreiben und grüne Werte teilen möchten. Der nichtkommerzielle und nebenberuflich betriebene Verein begann als Universitätsclub Anfang der 2000er und hat nach Stationen auf einem Dach in Gusu-dong (Mapo) und auf der Insel Nodeul unterhalb der Hangang-Brücke nun eine Heimat auf einem Flachdach zwischen Hochhäusern an der U-Bahn-Station Mapo gefunden.
Urbaner Gartenbau 3 Foto: Lee Geun-Young
Jeden Samstag kommt man hier zur Arbeit auf dem Feld zusammen, und je nach Quartal gibt es zusätzlich Lesekreise oder Kurse zum Gärtnern. Die Gemeinschaft versteht sich als eine Oase für all diejenigen, die vom anstrengenden und hektischen Leben in Seoul erschöpft sind und Erholung und Heilung suchen, und steht allen Interessierten offen.
Urbaner Gartenbau 4 Foto: Lee Geun-Young
Park Hyeon-ho ist Vorsitzender des Vereins. „Durch die Arbeit auf dem Beet habe ich begonnen, viel über die Umwelt nachzudenken. Man merkt dabei am eigenen Leib, dass das Klima sich verändert. Die Sommer werden länger und der Herbst kürzer, und so hat es sich ganz automatisch ergeben, dass subtropische Pflanzen wie Okra oder die Gemüse-Malve zu unseren wichtigsten Anbauarten wurden. Da macht man sich Sorgen darüber, was wir in Zukunft machen sollen."
Urbaner Gartenbau 5 Foto: Lee Geun-Young
Auf die Frage, womit er sich in Zukunft beschäftigen möchte, kommt ohne zu Zögern die Antwort „Kultur“. Er möchte eine Küche einrichten, in der die eigene Ernte direkt verarbeitet und gegessen werden kann, und die Kochkurse, die es früher einmal gab, wiederbeleben. Und auch auf anderen Wegen möchte er Landwirtschaft und vielfältige Kulturaktivitäten verbinden.
Urbaner Gartenbau 6 Foto: Lee Geun-Young
Für Hong Min-gyeong, die seit fünf Jahren bei Pajeori aktiv ist, ist die Gartenarbeit Therapie. „Ich war schon immer am Sähen, Wachsen und Ernten, an allem, was mit Feldarbeit zu tun hat, interessiert. Beim Arbeiten mit der Erde löst sich der Stress, den die Stadt und die Arbeit verursacht, und die Begegnung mit vielfältigen Menschen hat meinen Horizont erweitert. Mich mit anderen Menschen zu unterhalten, die ebenfalls umweltbewusst sind, gibt mir mentale Unterstützung und Sicherheit.“
Urbaner Gartenbau 7 Foto: Lee Geun-Young
„Seit ich selbst anbaue, merke ich am Wachstum und am Kreislauf der Pflanzen den Klimawandel. Seitdem denke ich mehr an unser Ökosystem. Ich würde mich freuen, wenn in Zukunft noch mehr Menschen diese Kultur mit uns teilen würden.“

Gangdong-Bezirk: Farm Mix Center for Urban Agriculture

Urbaner Gartenbau 8 Foto: Lee Geun-Young
Der Seouler Gangdong-Bezirk liegt am Han-Fluss und innerhalb des Grüngürtels am Seouler Stadtrand und hat damit besonders gute Bedingungen für den urbanen Gartenbau. Der Farm Mix Center (강동구 도시농업 파믹스센터) ist das erste Gemeinde- und Kulturzentrum für urbanen Gartenbau in Südkorea. Er wurde 2018 eröffnet und soll die vielfältigen Mehrwerte des urbanen Gartenbaus, neben dem eigentlichen Anbau auch Aspekte wie Bildung, Geschäftsgründung, Therapie und Engagement in der Gemeinschaft, auf organische Weise verwirklichen und dadurch ihre Wirkung vergrößern.
Urbaner Gartenbau 9 Foto: Lee Geun-Young
Der Farm Mix Center führt zahlreiche Bildungsprogramme zum urbanen Gartenbau durch: Anfängerkurse direkt auf den umliegenden Feldern, Kurse zum Imkern, Kurse zu traditionellen Nahrungsmitteln und vieles mehr. An wichtigen Tagen des auf dem Mondkalender basierenden traditionellen koreanischen landwirtschaftlichen Kalenders, wie zum Beispiel am Tag des ersten Vollmondes im Jahr oder zur Wintersonnenwende, wird der Farm Mix Center zu einem Ort, an dem die Anwohner Koreas Traditionen und Kultur erleben können. Auf Gemeinschaftsbeeten bauen Anwohner in Kleingruppen an und teilen die Ernte mit der lokalen Gemeinde. So zeigen sie ganz praktisch die Möglichkeiten der sozialen Landwirtschaft auf.
Urbaner Gartenbau 10 Foto: Lee Geun-Young
Der Verein „Schützer des traditionellen Saatgut“ (토종 지킴이) ist ein freiwilliger Zusammenschluss von gleichgesinnten Bürgern und hat im Farm Mix Center seine Heimat. Der Verein betreibt die dortige Saatgutbibliothek, in der rund 400 Saatgüter aus ganz Korea, wie zum Beispiel die Spargelbohne, ausgestellt werden. Dort kümmert er sich um Ausleihe und Rückgabe des Saatguts und erklärt Interessierten, wie man die Samen vermehren kann. Jedes Jahr baut der Verein zudem 57 traditionelle Arten, darunter Reis, Gerste, Weizen und Sojabohnen, biologisch an und erntet das Saatgut. Dabei organisiert er Veranstaltungen und Messestände zum Verteilen des Saatguts sowie zum Auspflanzen der Setzlinge und zur Ernte. So bemüht sich der Verein um die Bewahrung, Bekanntmachung und langfristige Nutzung des traditionellen Saatguts.
Urbaner Gartenbau 11 Foto: Lee Geun-Young
Park Jong-beom, der Vorsitzende des Vereins, erklärt die Bedeutung des traditionellen Saatguts. „Mit traditionellem Saatgut bezeichnet man Saatgut, das mindestens 30 bis 50 Jahre lang an einem Ort angebaut wurde und sich in dem Verlauf gut an den Boden, die Topographie und das Klima angepasst hat. Das traditionelle Saatgut steht für die Souverenität der Koreaner und sorgt für mehr sichere Lebensmittel. Während der Asienkrise 1997 wurden koreanische Saatgutfirmen allerdings von ausländischen Investoren aufgekauft. Die internationalen Saatgutunternehmen experimentieren seitdem mit Veränderungen am Gengut der Pflanzen, was viele Probleme verursacht.“
Urbaner Gartenbau 12 Foto: Lee Geun-Young
„Durch die Überalterung des ländlichen Raums arbeiten immer weniger Menschen auf dem Feld, und das traditionelle Saatgut verschwindet nach und nach. Mehr Menschen fühlen daher heute die Verpflichtung, das Saatgut zu bewahren und als Kulturerbe an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Traditionelles Saatgut hat im Vergleich zu moderntem Saatgut zwangsläufig weniger Ausbeute, was den kommerziellen Anbau schwierig macht. Das wird nicht leicht zu lösen sein, aber für mich ist es eine Frage meiner eigenen Gesundheit und der meiner Familie sowie ein Lösungsansatz für Klimawandel und Umweltzerstörung.“

Er fügt noch hinzu, dass er sich freuen würde, wenn die Zahl der Kleingärtner im Land weiter zunehmen und diese zur Bewahrung des traditionellen Saatguts beitragen würden.

U-Bahnhof Sangdo, Linie 7: Metro Farm

Urbaner Gartenbau 13 Foto: Lee Geun-Young
„Smart Farms“. Durch die Kombination von Informations- und Kommunikationstechnologie und Landwirtschaft werden in diesen vertikalen Indoor-Farmen per Fernsteuerung und Automatisierung die optimalen Wachstumsbedingungen aufrechterhalten. So kann 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr biologisch angebautes und vor äußeren Einflüssen geschütztes Gemüse ohne Pestizide, ohne genmanipuliertes Saatgut und ohne Krankheits- oder Insektenschäden produziert werden.
Urbaner Gartenbau 14 Foto: Lee Geun-Young
Durch eine luftdichte Abdichtung ist eine Anzucht ohne Feinstaub und andere Schadstoffe möglich. Die notwendigen Umweltbedingungen, die die Pflanzen zum Wachsen brauchen (Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO2-Gehalt, Nährstoffe etc.) werden künstlich gesteuert, sodass eine sichere und planbare Produktion möglich ist. Auf die Idee, eine solche „Smart Indoor Farm“ in einer U-Bahn-Station zu installieren, ist in Südkorea als erstes die Betreiberfirma der Seouler U-Bahn, Seoul Metro, mit ihrer Marke „Metro Farm“ gekommen.
Urbaner Gartenbau 15 Foto: Lee Geun-Young
In der U-Bahn-Station Sangdo auf der Linie 7 kann daher nun jeder Passant urbanen Gartenbau aus erster Hand erleben. Beim Öffnen der automatischen Türen bemerkt man in nicht allzu weiter Ferne einen Roboter, der sich um junge Pflänzchen kümmert. Eigenständig betreut er die Pflanzen von der Keimung bis zur Ernte.

Interessierte können hier nach Anmeldung auch selbst die Pflanzen anfassen, ernten und den Produktionsprozess erleben. Alle, die das nicht wollen, können einfach für einen Augenblick im grünen Wald der Pflanzen verweilen. Und einen in der Metrofarm frisch geernteten Salat mit Getränk genießen.

Top