Politische Online-Kommunikation
Digitaler Mundfunk – Facebook, Twitter & Co im Wahlkampf

Social Media
Social Media | Foto (Ausschnitt): © Gerd Altmann / pixelio.de

Soziale Medien werden für die deutsche Politik immer wichtiger. Welche Rolle wird das Web 2.0 im Bundestagswahlkampf 2013 spielen?

Bundeskanzlerin Angela Merkel will im Bundestagswahlkampf nicht twittern, und ihr Gegner von der SPD, Peer Steinbrück, gilt sogar als Internet-Muffel. Damit gehören die beiden Spitzenkandidaten ihrer Parteien mittlerweile zu einer Minderheit: Gut zwei Drittel der Abgeordneten des Bundestages nutzen nämlich regelmäßig Soziale Medien. So lautet das wichtigste Ergebnis einer Studie des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen, die das Verhalten der Mitglieder des 17. Deutschen Bundestags im Netz untersucht hat. Die Sozialen Medien sind im deutschen Politikbetrieb angekommen. Doch wie wichtig werden sie im beginnenden Wahlkampf sein?

Mehr Dialog im Netz

Sie werden eine gewisse Rolle spielen, aber bei weitem nicht die Bedeutung haben wie in den USA, behauptet Nico Lumma, Blogger, Mitglied im Gesprächskreis Netzpolitik des SPD-Parteivorstands und einer der führenden Social-Media-Experten in Deutschland. Im Internet entstehe oft eine eigene Dynamik, man könne Themen setzen, aber nicht immer kontrollieren. „Dieses Loslassen ist in Deutschland extrem schwierig“, sagt Lumma. „In den USA ist mittlerweile allen Politikern klar geworden, dass sie über Social Media direkt die Menschen erreichen können, ohne sich darauf verlassen zu müssen, dass Journalisten als klassische Gatekeeper die Themen aufgreifen.“

Das könnte sich allerdings im kommenden Wahlkampf ändern, für den sich alle im Bundestag vertretenen Parteien mehr Ansprache und mehr Dialog im Netz als Ziele gesetzt haben. So ruft die CDU unter dem Motto „Was mir am Herzen liegt“ ihre Anhänger auf, Vorschläge für die kommenden vier Jahre zu machen und zu diskutieren. Ähnlich verfährt die FDP. „Mitglieder, aber auch Sympathisanten können an unserem Wahlprogramm online mitschreiben“, erklärt Thomas Diener, der in der Abteilung Dialog und Kampagnen der FDP-Bundesgeschäftsstelle arbeitet. So gab es Mitte März 2013 schon über 1.000 Änderungsvorschläge und mehr als 6.000 Bewertungen bei der Online-Debatte zum Wahlprogramm 2013.

Für jede Lage die passende Ansprache?

Auch die SPD und Bündnis 90/Die Grünen wollen das Social Web nutzen und planen Plattformen für den Austausch und Dialog mit ihren Anhängern. Und Daniel Bartsch aus der Bundesgeschäftsstelle der Linken sagt: „Wir sind in der Wahlkampfplanung darauf bedacht, Feedback aus sozialen Netzwerken systematisch zu erfassen, auszuwerten, zu beurteilen und in die laufenden Kampagnen und Programmdebatten einzubeziehen.“

Welche sozialen Medien aber spielen im Wahlkampf eine besondere Rolle? Facebook, Twitter oder Blogs erreichten unterschiedliche Zielgruppen, erläutert Medienexperte Nico Lumma, daher könne man nicht pauschal sagen, was besonders wichtig sei. „Ich halte Blogs aber für essentiell, weil sie erlauben, auch längere Gedankengänge zu formulieren und zu diskutieren. Ohne Twitter allerdings wird es schwer, die Multiplikatoren im Netz zu erreichen, und Facebook und Google+ runden die Öffentlichkeitsarbeit im Web ab.“

Kein Wunder also, dass die Parteien sämtliche relevanten Plattformen des Web 2.0 bespielen. „Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf zwölf Millionen Facebook- und rund eine Million Twitter-Nutzer“, sagt Hans-Jörg Vehlewald aus der Berliner SPD-Zentrale, „zudem bieten wir über einen eigenen SPD-Youtube-Kanal Videos der Partei an und setzen Inhalte auch bei Google+ ab“. Auch die CDU habe eine klare Fokussierung auf Facebook, Twitter sowie Youtube, also auf die reichweitenstärksten Angebote, betont CDU-Pressereferent Christopher Lück.

Der Kern des Digitalen

Das Ziel des Online-Wahlkampfs sei es letztlich, durch Online-Kontakte so viele „Offline“-Kontakte wie möglich zu generieren, sagt SPD-Mann Hans-Jörg Vehlewald. „Zum Beispiel indem wir auffordern, Großveranstaltungen zu besuchen oder im Fernsehen zu verfolgen. Am Ende wird es darauf ankommen, so viele Menschen wie möglich vor Ort persönlich angesprochen zu haben. Das gilt umso mehr, je näher der Wahltermin rückt.“ Robert Heinrich, Wahlkampfmanager von Bündnis 90/Die Grünen, hebt noch eine weitere Stärke Sozialer Medien hervor: „Sie gewinnen Wahlen, indem Menschen, die von etwas überzeugt sind, andere Menschen überzeugen. Soziale Medien sind das beste Instrument, um die eigenen Mitstreiter zu mobilisieren. Allein schon deshalb, weil über die Sozialen Medien auch jenseits eines Wahlkampfs viel innerparteiliche Kommunikation abläuft.“

Alle Parteien rechnen damit, dass die Bedeutung des Web 2.0 als Teil politischer Online-Kommunikation weiter wachsen wird, da künftig mehr Menschen mit Smartphone und Tablet das Internet auch mobil nutzen und die klassischen Medien wie Print, TV und Hörfunk an Reichweite verlieren werden. Für Nico Lumma steht fest: „Social Media ist der Kern des Digitalen. Für die Politik ist das die Neuauflage von etwas, was Johannes Rau immer als Mundfunk bezeichnet hat. Ohne Social Media werden die Wählerinnen und Wähler künftig immer schwerer erreichbar werden.“

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