Prinzip MOOC in Deutschland
Revolution oder Weiterbildung?

MOOC-Schema
MOOC-Schema | Foto (Ausschnitt): © normanposselt.com

Während der Hype um die offenen Onlinekurse in den USA schon wieder abnimmt, werden in Deutschland weiterhin große Hoffnungen in das Prinzip MOOC gesetzt.

Die Abkürzung MOOC steht für Massive Open Online Course. Diese Kurse wurden zum Begriff einer Bildungsrevolution, nachdem sich 160.000 Teilnehmer für Sebastian Thruns offenen Onlinekurs „Introduction to Artificial Intelligence“ (Einführung in die Künstliche Intelligenz) an der Stanford University anmeldeten.

Sebastian Thrun, Professor für Computerwissenschaften an der Stanford University, USA.
Sebastian Thrun, Professor für Computerwissenschaften an der Stanford University, USA. | Foto: Flickr (CC) World Economic Forum
Angefangen hat die Geschichte der MOOCs damit, dass ein anerkannter Professor einer Top-Universität seine Vorlesung online anbot – kostenlos und ohne Zugangsbeschränkung. Am Ende absolvierten 23.000 Teilnehmer auch die Abschlussprüfung, und der Hype war da. Das war im Jahr 2011. Kurze Zeit später betitelte die New York Times das Jahr 2012 als „Year of the MOOC“, und immer mehr Universitäten gründeten eigene MOOC-Plattformen wie Udacity, EdX und Coursera.

Tausende Online-Lerner bei xMOOCs

An einem MOOC kann typischerweise eine unbegrenzte Anzahl Menschen teilnehmen. Als „massiv“ gilt ein Kurs ab etwa 150 Teilnehmern, den Rekord hält Thrun mit 160.000 Teilnehmern. Ein MOOC ist „offen“, d. h. frei zugänglich, und kostenlos. Jeder, der will, kann sich online anmelden und teilnehmen. Ein Kurs (course) besteht in der Regel aus Vorlesungen, die in Form von Videos bereitgestellt werden. Ob die Teilnehmer verstanden haben, was der Dozent erklärt hat, wird mittels Multiple-Choice-Fragen oder eines Quiz getestet. Wer Fragen hat, kann sich im Forum mit anderen Lernern austauschen. Solche Kurse mit Abschlussprüfung werden auch xMOOCs genannt. Sie zielen auf eine möglichst hohe Teilnehmerzahl ab und funktionieren wie klassischer Frontalunterricht – nur online und mit mehr Lernern, als je in einen Hörsaal passen würden.

In Deutschland werden xMOOCs für IT-Themen zum Beispiel vom Hasso-Plattner-Institut auf der Plattform Openhpi angeboten, und das Berliner Unternehmen Iversity bietet inzwischen 27 verschiedene MOOCs zu Themen wie Wahrscheinlichkeitsrechnung, internationales Agrarmanagement oder politische Philosophie an.

Hohe Abbruchquote

Allerdings beenden nur drei bis neun Prozent der Teilnehmer einen MOOC. Viele sind nur neugierig und hören schon nach zwei Wochen wieder auf. „Aber selbst bei den danach im MOOC verbliebenen Personen, die sich an den ersten Tests versuchen, aber daran scheitern, ist die Abbruchquote hoch“, sagt der Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. Darunter seien viele motivierte Lernende, die einfach mehr Unterstützung benötigen. „Diesen Personen wird nicht durch Tutoren, Dozenten oder Veranstalter geholfen, sie werden alleingelassen“, kritisiert Schulmeister. Aber möglicherweise sei das der Preis von Open Education. Als Undercover-Student hat Schulmeister selbst drei MOOCs absolviert – und war enttäuscht. „Moderne Lehre sieht anders aus“, sagt Schulmeister. „Wir brauchen nicht nur reine Wissensvermittlung. Wir brauchen kritische Geister – und die werden wir mit xMOOCs nicht bekommen.“

Bildungsforscher Prof. Rolf Schulmeister
Bildungsforscher Prof. Rolf Schulmeister | Foto: gemeinfrei durch Rolf Schulmeister
Anfangs dachte man, mit MOOCs könnte man weltweit vor allem Menschen erreichen, die sonst keinen Zugang zu Bildung haben. Das hat sich bisher jedoch nicht bestätigt: „Die meisten Teilnehmer haben schon einen Abschluss und nutzen einen MOOC eher zur Weiterbildung“, sagt Anne Thillosen vom Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Im letzten Jahr hat sie den cMOOC COER13 über offene Bildungsressourcen (open educational resources) mitorganisiert. Das c vor dem MOOC steht für „connectivism“ und verweist auf einen vernetzten Ansatz: Die Teilnehmer entscheiden selbst, womit sie sich im Kurs beschäftigen wollen, lernen vernetzt mit den anderen Teilnehmern und beteiligen sich zum Beispiel mit eigenen Blogbeiträgen oder Kommentaren.

Man lernt und sucht gemeinsam

Daniela Pscheida
Daniela Pscheida | © Kathrin Juszczak
Bei einem Gemeinschaftsprojekt der Technischen Universitäten in Dresden und Chemnitz und der Universität Siegen haben drei Lehrende und vier Tutoren das Programm zum Thema „Lehren und Lernen mit Social Media“ organisiert, die Teilnehmenden betreut und eine ganz neuen Rolle eingenommen. „Man wird mehr zum Lernbegleiter und Impulsgeber“, sagt Daniela Pscheida, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Medienzentrum der Technischen Universität Dresden. Es gehe um den Aufbau von Wissen durch Lernnetzwerke. „Das Wissen ist nicht mehr in den Köpfen, sondern in den Netzwerken – und man lernt und sucht gemeinsam.“

In den USA überlegen die Anbieter der MOOCs bereits, wie sie ihre Kurse zu Geld machen können. Die Geschäftsmodelle reichen bislang von der kostenpflichtigen Betreuung der Teilnehmer über Gebühren für ein Abschlusszertifikat bis hin zum Verkauf von Lernerdaten an interessierte Unternehmen oder potenzielle Arbeitgeber. Von freiem Zugang zu kostenlosen Bildungsangeboten ist nur noch selten die Rede.

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