Digitale Gesellschaft
Das mobile Internet lockt die letzten Offliner ins Netz

Die Initiative D21 fordert bessere Aufklärung für die Bevölkerungsgruppen der 60- und 70-Jährigen.
Die Initiative D21 fordert bessere Aufklärung für die Bevölkerungsgruppen der 60- und 70-Jährigen. | Foto (Ausschnitt): Rainer Sturm, pixelio.de

Wer ist heute in Deutschland noch offline? Tatsächlich gibt es nach wie vor einige Abstinente – und ihre Zahl scheint sich nicht mehr zu verringern. Doch das mobile Internet wird auch für sie zur großen Versuchung. Davon jedenfalls ist die Initiative D21 nach ihrer jüngsten Studie überzeugt.

Erstmals gibt es in Deutschland kaum noch neue Internetnutzer. Dabei war ihre Zahl in den letzten Jahren in allen Alters- und Bevölkerungsgruppen konstant gestiegen. Welche Gründe hat der plötzliche Bruch in dieser Entwicklung? Die Initiative D21 untersucht das Onlineverhalten der Deutschen seit 2001 mit repräsentativen Erhebungen. Als Partner von Politik und Wirtschaft zur Ausgestaltung der Informationsgesellschaft ist es ihr erklärtes Ziel, die Digitalisierung der Gesellschaft zu fördern. Dazu organisiert sie unter anderem IT-Fortbildungen für Lehrer oder auch den Mädchen-Zukunftstag Girls’ Day.

Angst vor Gefahren im Netz

Dass das Wachstum der Internetnutzerzahl stagniert, hat laut Initiative D21 einen einfachen Grund: Der Großteil der Bevölkerung, in diesem Jahr sind es über 75 Prozent, nutzt das Internet bereits. Seit 2001 hat sich damit die Zahl der sogenannten Onliner bereits mehr als verdoppelt. Mittlerweile ist vor allem bei den jüngeren Generationen der 14- bis 30-Jährigen fast keine Steigerung mehr möglich. Einzig die Gruppen der 60- und 70-Jährigen können noch aufholen. Ist das Projekt „Digitale Gesellschaft“ demnach geglückt? Nicht ganz. Zwischen den Generationen habe sich „ein digitaler Graben manifestiert“, erklärt Hannes Schwaderer, Präsident der Initiative D21. Gerade die älteren Generationen bekämen durch die Medien vor allem ein negatives Bild vom Internet vermittelt. Neben der relativen Stagnation beim Zuwachs von neuen Internetnutzern ist zudem die Zahl derer, die noch planen Onliner zu werden, deutlich gesunken. Schwaderer fordert deshalb eine gezielte Förderung dieser Offliner-Gruppen.

Wie nutzen die Deutschen das Internet?

Dass immer noch eine vergleichsweise kleine Gruppe der Gesellschaft „souverän und sicher die digitalen Medien für ihren persönlichen Nutzen einsetzt“, sieht Hannes Schwaderer als Hauptproblem an. Die Initiative D21 stellt sich die Frage, welche Arten der Internetnutzung es bei der Bevölkerung eigentlich gibt und legt zur Klärung in diesem Jahr erstmals eine Sonderstudie zum Thema Mobile Internetnutzung – Entwicklungsschub für die digitale Gesellschaft? vor. Darin nimmt sie die Kompetenzen der Onliner unter die Lupe und unterteilt diese in die zwei Gruppen der „Digital wenig Erreichten“ und der „Digital Souveränen“ mit jeweils drei Untergruppen: Von den „Digital wenig Erreichten“ – dies sind immerhin 62 Prozent der deutschen Bevölkerung – gehören die meisten zu den Untergruppen der „Digitalen Außenseiter“ und der „Gelegenheitsnutzer“.

Nur 38 Prozent der deutschen Bevölkerung gelten als „Digital Souveräne“. Deren Gruppe scheint kaum zu wachsen. Insgesamt schöpfen die meisten deutschen Internetnutzer die digitalen Möglichkeiten wenig kompetent aus. Das betrifft Basisanwendungen wie E-Mail und Internetsuche über das Web 2.0, aber auch die aktive Gestaltung des Netzes durch Blogs, soziale Netzwerke und eigene Websites. Die Gruppe der „Souveränen“ sieht sich selbst jedoch besonders durch die Optionen des mobilen Internets beeinflusst und gibt an, durch mobile Endgeräte wesentlich öfter online zu sein.

Alltagshilfen locken auch Netzmuffel

Tatsächlich besitzt heute jeder Vierte in der Bevölkerung ein Smartphone, fünf Prozent haben einen Tablet-Computer und ihre Nutzerzahl wird sich laut Initiative D21 voraussichtlich innerhalb des nächsten Jahres verdoppeln. Aber warum boomt der Verkauf von onlinegängigen Smartphones und Tablet-Computern, die erst seit kurzem auf dem Markt sind, wenn die meisten Deutschen doch nur wenig kompetent im Umgang mit dem Internet sind? „Die aktuelle Gerätegeneration glänzt durch eine niedrige technische Einstiegshürde, die die Hemmschwelle für nicht netzaffine Menschen, das Internet zu nutzen, senkt“, so Olaf Reus, Vorstandsmitglied der Initiative D21.

Zusätzlich verändern diese Geräte den Alltag durch ihren praktischen Nutzen gravierend: Wege müssen nicht mehr von Passanten erfragt werden, sondern sind per App auf dem Smartphone abrufbar, die nächste von der Internetgemeinschaft gut bewertete Eisdiele wird mit dem Gerät ebenso leicht lokalisiert wie der nächste Zahnarzt. Überall kann der Nutzer aktuelle Nachrichten und E-Mails lesen. Ob es gleich regnen wird, erfährt er dank seiner Regenradar-App und um Onlinegutscheine einzulösen, braucht er nur sein Smartphone in dem betreffenden Geschäft vorzuzeigen. Solche Alltagshilfen und Spielereien verlocken auch die Netzmuffel, bei den mittlerweile erschwinglichen Angeboten zuzugreifen.

Die Sonderstudie verdeutlicht, dass heute schon 40 Prozent der Nutzer von mobilem Internet dieses noch intensiver nutzen würden, wenn die Übertragungsgeschwindigkeiten höher wären. Die Initiative D21 sieht in diesen Zahlen die Chance auf einen Entwicklungsschub für die digitale Gesellschaft in Deutschland. „Es ist zu erwarten, dass die mobile Internetnutzung zukünftig der wichtigste Zugangspunkt sein wird, über den Netzabstinenzler den Weg in die digitale Welt finden“, resümiert Olaf Reus. „Der LTE-Ausbau (Long-Term-Evolution) sollte weiter forciert werden“, fordert er, „denn er ist das Tor hin zu neuen mobilen Anwendungsmöglichkeiten, von denen wir heute nur träumen können.“
 

Die Initiative D21 ist ein gemeinnütziger Verein und Deutschlands größte Partnerschaft von Politik und Wirtschaft für die Ausgestaltung der Informationsgesellschaft. Sie unterstützt die Entwicklung der Digitalisierung, indem sie mit ihren zahlreichen Studien diesen Prozess begleitet und aufzeigt, wo Handlungsbedarf besteht. 

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