Ulrike Ackermann im Interview
„Was ist Privatheit, was ist Öffentlichkeit?“

Prof. Dr. Ulrike Ackermann
Prof. Dr. Ulrike Ackermann | Foto: Tina Merkau

Im digitalen Zeitalter werden wir ununterbrochen vor die Frage gestellt: wie viel Freiheit und Privatsphäre geben wir auf für Sicherheit, Bequemlichkeit und die neueste Technik? Prof. Dr. Ulrike Ackermann, Professorin für Politikwissenschaften an der SRH-Hochschule in Heidelberg und Gründerin des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung, beschäftigt sich hauptberuflich mit diesen Fragen. Aus Anlass eines Koreabesuchs im September 2015 hatten wir Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.

Können Sie das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung kurz vorstellen?
 

Das John Stuart Mill Institut ist ein politikwissenschaftliches Institut, das sich ausdrücklich dem Themenschwerpunkt Freiheit gewidmet hat. Wir haben drei Schwerpunkte: Einmal im Jahr erheben wir den Freiheitsindex Deutschland, zusammen mit dem Allensbacher Institut und dem Medienwissenschaftlichen Institut in Mainz. Zudem forschen wir seit einigen Jahren über die digitale Revolution und ihre Folgen. Und dann haben wir jedes Jahr ein Schwerpunktthema, 2015 beispielsweise „Westliche Werte unter Druck“.
 
Der Freiheitsindex Deutschland: worum handelt es sich dabei, und was waren 2014 die interessanten Ergebnisse in Bezug auf das Internet?
 
Beim Freiheitsindex Deutschland geht es uns darum, den Zustand der Freiheit zu messen, und zwar auf der subjektiven Seite. Wie frei fühlen sich die Deutschen, was verstehen sie unter Freiheit? Was wollen sie vom Staat, was wollen sie selbst regeln?In Bezug auf das Internet konnte man 2014 feststellen, dass zum Teil eine diffuse Unsicherheit besteht: Könnte es auch bedrohlich werden? Die NSA wurde breit diskutiert, und das ist in der Bevölkerung sehr sensibel aufgenommen worden. Die Überwachung durch fremde Geheimdienste steht also ganz weit oben als Bedrohung der Freiheit. Interessant ist, wem die Bürger Vertrauen schenken in all diesen prekären Angelegenheiten. Die ältere Generation vertraut beim Umgang mit Daten dem Staat wesentlich mehr, während die jüngere Generation den Internetmonopolisten größeres Vertrauen entgegenbringt. Außerdem ist ganz deutlich zu sehen, dass die Jüngeren mit ihren Daten noch freigiebiger umgehen als die Älteren. Aber es tun sich auch Widersprüchlichkeiten auf: Einerseits fühlen sich die Menschen durchaus verunsichert und meinen, wir brauchen mehr Datenschutz. Andererseits gehen sie völlig freizügig mit ihren eigenen Daten um.
 
Haben Sie sich beim John Stuart Mill Institut bereits mit Ostasien beschäftigt?
 
Nein. Insofern ist das auch für mich eine sehr gute Gelegenheit, einen Vergleichzu versuchen. Ich habe den Eindruck, dass in Asien und insbesondere auch in Südkorea noch großer Forschungs- und Diskussionsbedarf existiert zu diesen Fragen. Wie wird mit Datenschutz umgegangen? Wie verhalten sich die User? Wie freigiebig sind sie mit ihren Daten?Was wird grundsätzlich verstanden unter Privatsphäre und öffentlicher Sphäre?
 
Diese Einschätzung ist vermutlich aus Ihrem Austausch mit koreanischen Kollegen zum Thema Privatsphäre im digitalen Zeitalter erwachsen. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede konnten Sie feststellen?
 
Gemeinsamkeiten habe ich feststellen können mit jenen Forschern und Professoren, die zumindest teilweise ihre Ausbildung im Westen hatten. Die Sensibilisierung dafür, was Privatheit und Privatsphäre ist, scheint mir daher ein originär westliches Thema zu sein und zum westlichen Erfahrungsraum zu gehören. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis. Da ich zum ersten Mal hier bin und bisher nur über Ostasien gelesen habe, muss ich wirklich sagen: Das, was man in Deutschland unter Individualität und Individuum versteht, ist hier etwas völlig anderes. Das fand ich äußerst spannend. In Südkorea scheint es daher weniger Bedenken bei bestimmten Entwicklungen im digitalen Zeitalter zu geben: die verstärkte staatliche Kontrollezu Gunsten der Sicherheit, die Profilbildung durch die Internetmonopolisten,oder auch die gegenseitige Kontrolle, die aus den Social Networks und ähnlichem entsteht. Das ist zum Teil auch bei uns kein Problem, aber die Diskussion verläuft anders. Die Problematisierung ist im Westen, in Westeuropa oderin Nordamerika leichter möglich, weil die Sensibilisierung aufgrund des recht starken und positiv besetzten, affirmativen Begriffs vom Individuum größer ist.
 
Bei allen Problemen und Bedenken, eine Abkehr von der Digitalität kann nicht die Antwort sein. In der IT-Hochburg Korea gilt das noch mehr als in Deutschland. Mit welchen Ansätzen kann man die Freiheit des Einzelnen auch innerhalb einer digitalen Umgebung verbessern?
 
Das Wichtigste scheint mir, dass überhaupt ein Bewusstsein entwickelt wird für die Fragen: Was ist Privatheit? Was ist Öffentlichkeit?Es ist nicht alles mit Datenschutzbedingungen getan; die brauchen wir natürlich als äußeren Rahmen, da haben auch der Staat und die Internetmonopolisten Aufgaben. In der geplanten europäischen Datenschutz-Grundverordnung gibt es teils gute Ansätze, zum Beispiel zur Entkoppelung von Dienstleistung und Profilbildung. Demnach dürften mit der erbrachten Dienstleistung die Daten nicht mehr automatisch für die Profilbildung weiterverwendet werden. Oder das Recht auf Vergessen,laut dem zum Beispiel Google angewiesen ist, bestimmte Seiten zu löschen. Aber - und das haben unsere Untersuchungen auch gezeigt -  die Privatsphäre ist auch durch die User selbst unter Druck: Wenn sie mit ihren persönlichen Daten bezahlen, nur um etwas umsonst zu bekommen, dann brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn diese Daten auch verwendet werden.

Ulrike Ackermann hat bis 1983 Soziologie, Politik, Neuere Deutsche Philologien und Psychologie studiert und wurde 2008 berufen zur Professorin für Politische Wissenschaften mit dem Schwerpunkt Freiheitsforschung und –lehre an die SRH Hochschule in Heidelberg. Dort gründete sie 2009 das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung, welches sie auch leitet. Sie veröffentlichte zahlreiche Publikationen, u.a. 2013 den Sammelband Im Sog des Internets. Öffentlichkeit und Privatheit im digitalen Zeitalter.

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