Urbaner Raum in Seoul
Die Rückeroberung öffentlicher Flächen

Seoul Plaza vor dem Seouler Rathaus
Seoul Plaza vor dem Seouler Rathaus | Foto: Florian Bäumler

Die Geschichte des öffentlichen Raums in Seoul ist verglichen mit europäischen Städten relativ kurz. Noch bis zur Jahrtausendwende spielte er nur eine untergeordnete Rolle und gehörte vor allem dem Verkehr. Doch seit einigen Jahren hat ein Umwandlungsprozess eingesetzt, durch den immer mehr öffentliche Flächen den Menschen zurückgegeben werden. Zunächst bestimmt durch staatlich geplante Großprojekte, legen jetzt bei diesem Prozess immer öfter die Bürger selbst Hand an.

Das Verständnis von öffentlichem Raum und dessen Rolle im Alltag hat sich in Seoul unter gänzlich anderen Voraussetzungen entwickelt als in vergleichbaren westlichen Städten.

Öffentlicher Raum im alten Seoul

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein bestand Seoul weitestgehend aus traditionellen, sich um einen Innenhof entwickelnden, eingeschossigen Häusern, im Koreanischen Hanok genannt. Dadurch wurde das Bedürfnis nach großen öffentlichen Plätzen und Parks in Seoul nie so groß wie in den während der Industrialisierung stark verdichteten Innenstädten im Europa des 19. Jahrhunderts. Offizielle Veranstaltungen am Königssitz Seoul bestanden zudem weitestgehend aus Prozessionen des Hofstaates, weshalb den Straßen und Boulevards eine weitaus größere Bedeutung zukam als Plätzen und Parks. So konzentrierte sich das soziale und wirtschaftliche Leben bis in die 1930er Jahre hinein hauptsächlich auf die zentrale Achse Jongno. Beim Blick auf einen Stadtplan von Seoul aus dieser Zeit findet man außer dem Tapgol-Park, der 1897 nach dem Abriss eines buddhistischen Tempels im Zentrum der Stadt angelegt wurde, keine nennenswerte öffentliche Freifläche oder einen Platz.

Diese Tendenz zur Vernachlässigung öffentlicher Plätze hatte – neben dem zu dieser Zeit vorherrschenden Dogma der autogerechten Stadt – zur Folge, dass in den Jahren der rapiden wirtschaftlichen Entwicklung Belange öffentlicher Räume denen der wirtschaftlichen Entwicklung und des Aufbaus einer effizienten Verkehrsinfrastruktur geopfert wurden. Der Fluss Han wurde begradigt und kanalisiert, die Stadt mit Autobahnen durchzogen, und die wenigen öffentlichen Räume wie zum Beispiel Seoul Plaza – der zentrale städtische Platz vor dem Rathaus – als Parkplatz genutzt.  Freiräume und Grün wurden fast ausschließlich in neuen Wohnquartieren nach den Prinzipien der aufgelockerten Stadt zur Verfügung gestellt.

Wiederentdeckung des öffentlichen Raums

Der Seonyudo Park, früher ein Klärwerk.
Der Seonyudo Park, früher ein Klärwerk. | Foto: Florian Bäumler
Erst mit dem Aufstieg Koreas in die erste Reihe der Industrienationen, dem demokratischen Aufbruch Ende der 1980er Jahre und Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen 1988 rückten das fehlende Angebot und die mangelnde Qualität des urbanen Raums ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Verwaltung. In diese Zeit fällt auch die Schaffung der ersten großen Grünanlagen wie zum Beispiel des Olympia-Parks.

Seit der Jahrtausendwende wird nun auch endlich die oft überdimensionierte Infrastruktur zurückgebaut und den Fußgängern übergeben. So wurde 2004 Seoul Plaza  als Grünfläche wiedereröffnet. Die weitaus bekanntesten Beispiele sind aber wohl die Einrichtung eines breiten Fußgängerbereichs entlang der zentralen Zugangsstraße zum Gyeongbok-Palast (Gwanghwamun Square, 2009) und die Freilegung des Cheonggyecheon-Flusses (2005). Auch wenn diese Projekte den zweifelhaften Ruf haben, als Sprungbretter der jeweiligen Bürgermeister zur Präsidentschaft benutzt worden zu sein, stehen ihr Nutzen und ihre Beliebtheit bei den Bewohnern Seouls außer Frage.Gleichzeitig wurden zahlreiche Industriebrachen im Stadtgebiet renaturiert und zu Parks umgewidmet. So wurden 2002 aus einer Kläranlage ein Ökopark (Seonyudo Park) und aus zwei Müllbergen ein Landschaftspark (Worldcup Park).

Handelte es sich hierbei noch um Großprojekte der städtischen oder nationalen Behörden, spielt seit neuestem die Bürgerbeteiligung auch bei Belangen des öffentlichen Raumes wie Nachbarschaftsentwicklung oder Stadtplanung eine zunehmend größere Rolle. Besonders seit Amtsantritt des derzeitigen Bürgermeisters Park Won-soon 2011 wurden zahlreiche Nachbarschaften in und um Seoul unter Mithilfe der Bewohner aufgewertet und sicherer gemacht, Nachbarschaftszentren eröffnet, und soziale Projekte initiiert. Auch die Anhängerschaft des Urban Gardenings hat sich in Korea während der letzten fünf Jahre von 150.000 auf knapp 1 Million Bürger vervielfacht; die Stadt Seoul stellt hierfür eine Vielzahl von Flächen aus öffentlicher Hand zur Verfügung.

Seoul 7017 - eine High Line für Seoul

Der Tag der offenen Tür zu Seoul 7017.
Der Tag der offenen Tür zu Seoul 7017. | Foto: Florian Bäumler
Dieser Trend wird nun auch beim aktuellsten Beispiel der Rückgewinnung öffentlichen Raumes sichtbar, dem Projekt Seoul 7017 - der Stilllegung einer 850 m langen, zweispurigen Hochstraße am Hauptbahnhof von Seoul. In Anlehnung an die äußerst erfolgreiche High Line in New York soll die Straße in einen linearen Park umgewandelt und der Öffentlichkeit als Erholungs- und Erlebnisraum zur Verfügung gestellt werden. Zu Beginn des Jahres 2015 wurde hierfür ein Architektenwettbewerb durchgeführt, das siegreiche Projekt des niederländischen Büros MVRDV soll bis 2017 umgesetzt werden. Die zahlreichen Proteste nicht nur Umsatzeinbußen befürchtender Ladenbesitzer des nahegelegenen Namdaemun-Marktes, sondern auch betroffener Anwohner über mangelnde Einbeziehung in die Planung haben die Stadtverwaltung veranlasst, Ablauf und Ziele des Projekts zu überdenken. Es wurde eine Reihe von Treffen zwischen Bürgermeister und Bürgern abgehalten, und Anfang Mai 2015 konnten Interessierte an einem Tag der offenen Tür ihre Meinung zum Projekt kundtun.

Es bleibt abzuwarten, wie weit die Vorschläge der beteiligten Bürger letztendlich umgesetzt werden. Doch auch heute kann man an diesem Projekt schon erkennen, wie sehr sich das Interesse und der Wille der Bewohner Seouls, öffentlichen Raum zu gestalten und in Besitz zu nehmen, in den letzten Jahren gesteigert haben. Gepaart mit innovativer Stadtplanung und einer aufgeschlossenen Verwaltung stehen dieser Stadt und ihren urbanen Räumen spannende Zeiten bevor.

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