Traditionelle Architektur in Seoul
Neuentdeckung des Alten

Blick auf Bukchon
Blick auf Bukchon | Foto: Daniel Tändler

Seoul ist so etwas wie der neue Star unter Asiens Metropolen. Die Stadt steht für Wolkenkratzer und Apartmentsiedlungen, für smarte Technologie, Breitbandinternet und K-Pop. Doch seit einigen Jahren gewinnt das kulturelle Erbe wieder zunehmend an Bedeutung – und damit auch die traditionelle Architektur.

In Zeiten der rasanten Entwicklung stand in Seoul vor allem die Schaffung von Neuem im Vordergrund. Seit einigen Jahren nehmen jedoch die Bemühungen um die Erhaltung und Pflege der traditionellen Architektur, der sogenannten Hanok, wieder zu. Dieser Sinneswandel und die damit einhergehenden Subventionen für Restaurierung und Neubau traditioneller Gebäude haben dazu beigetragen, das Gesicht einiger Stadtviertel zu verändern. Anhand der Geschichte der traditionellen Architektur in Seoul lässt sich die Entwicklung der südkoreanischen Hauptstadt im Wandel der Zeit nachzeichnen. 

Das alte Seoul

Seoul wurde Ende des 14. Jahrhunderts als Hauptstadt der neu gegründeten Joseon-Dynastie gegründet und ausgebaut. Die Umrisse des alten Seoul sind bis heute im Verlauf der alten Stadtmauer zu erkennen und lassen die Ausmaße der historischen Stadt erahnen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Seoul recht beständig gut 200.000 Einwohner, erst im Kaiserreich Korea (1897-1910) begann das Wachstum der Stadt, welches sich während der japanischen Kolonialzeit (1910-1945) beschleunigte. Die großen städtebaulichen Erweiterungen einhergehend mit einem dramatischen Bevölkerungsanstieg fanden jedoch nach Ende des Koreakriegs statt, während der wirtschaftlichen Boomjahre ab den 1960ern. Aus dieser Zeit stammen die Stadtgebiete des seit Psys Hit weltweit bekannten Gangnam, was einfach „südlich des Flusses” bedeutet und in dem sich gerade angelegte Planstraßen und gleichförmige Parzellen finden. Im historischen Norden dominieren bisher noch, wenn auch oft gefüllt mit modernen Gebäuden, organisch gewachsene Strukturen. Auch ein Großteil der bis heute verbliebenen traditionellen Architektur befindet sich hier.

Die Verdrängung des Hanok

Bis in die frühen 1970er Jahre machte die traditionelle Architektur noch den Großteil der Bausubstanz aus. Durch das extreme Bevölkerungswachstum vor allem in der Hauptstadt Seoul mussten jedoch effiziente Lösungsansätze zur Bewältigung des Wohnungsmangels gefunden werden. Die koreanische Antwort hierauf bestand im hochgeschossigen Massenwohnbau, vom Typus am ehesten vergleichbar mit dem Plattenbau. Die damals neue Wohnform wurde von der Bevölkerung anfänglich nicht gut angenommen. Erst dank geschickter politischer Weichenstellungen wie der Verlegung von namhaften Schulen in die Neubaugebiete und Verbesserungen bei Ausstattung und Komfort gelang es, den Massenwohnbau als nicht nur akzeptierte, sondern von vielen Bewohnern bevorzugte Wohnform zu etablieren.
 
Für die traditionelle Architektur bedeutete diese Entwicklung jedoch die fast vollständige Verdrängung. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit vollzogen sich Abriss und Niedergang der Hanok in Seoul wie im gesamten Land. Der Anteil der Hanok an der gesamten Bausubstanz ist heute verschwindend gering.
 
  • Apartmentsiedlung in Seoul Foto: Daniel Tändler

    Apartmentsiedlung in Seoul

  • Skyline von Gangnam Foto: Daniel Tändler

    Skyline von Gangnam

  • Hanok-Viertel vor der Sanierung Foto: Daniel Tändler

    Hanok-Viertel vor der Sanierung

  • Hanok vor der Sanierung Foto: Daniel Tändler

    Hanok vor der Sanierung

  • Sanierte Gasse in Bukchon Foto: Daniel Tändler

    Sanierte Gasse in Bukchon

  • Renoviertes Gemeinschaftsbüro von „urban detail.Seoul“ und Chamooree Foto: Daniel Tändler

    Renoviertes Gemeinschaftsbüro von „urban detail.Seoul“ und Chamooree

  • Der Innenhof des Gemeinschatsbüros von „urban detail.Seoul“ und Chamooree Foto: Daniel Tändler

    Der Innenhof des Gemeinschatsbüros von „urban detail.Seoul“ und Chamooree

  • Daechong (Haupthalle) und Arbeitsraum des Gemeinschaftsbüros von „urban detail.Seoul“ und Chamooree Foto: Daniel Tändler

    Daechong (Haupthalle) und Arbeitsraum des Gemeinschaftsbüros von „urban detail.Seoul“ und Chamooree

Renaissance der traditionellen Bauweise

Seit der Jahrtausendwende konnte langsam wieder ein steigendes Interesse an der traditionellen Bauweise verzeichnet werden. Die Versorgung mit Wohnraum in der Hauptstadt war gegeben, ein gewisser Wohlstand erreicht. Vor diesem Hintergrund machte sich langsam bemerkbar, dass mit der eigenen Architektur ein Teil der koreanischen Identität verloren gegangen war, und man begann, den noch vorhandenen Bestand an Hanok zu sanieren sowie neue Häuser nach traditioneller Bauweise zu bauen. Aushängeschild dieser Entwicklung ist der Stadtteil Bukchon östlich des Gyeongbok-Palasts, das bekannteste traditionelle Viertel in Seoul. 2001 wurden hier baurechtliche Bestimmungen zum Schutz der traditionellen Architektur wieder eingeführt; Mitte der 1990er Jahre waren diese gelockert worden: Anwohner hatten sich eine kommerziell profitable Entwicklung des Viertels erhofft und erfolgreich gegen den Bestandsschutz protestiert. Nach dessen Wiedereinführung wurde ein Fördersystem für Sanierung und Neubau von Hanok etabliert. Die Sanierung des Viertels hat zu einer deutlichen Quartiersaufwertung geführt. Daraus resultierten wiederum enorme Wertsteigerungen, und die Touristenzahlen in Bukchon haben sich ebenfalls in wenigen Jahren vervielfacht. Aufgrund des Erfolgs wurde mit Seochon 2010 ein weiteres Fördergebiet westlich des Gyeongbok-Palasts ausgewiesen. Mittlerweile sind sogar eine Förderung von Sanierung und der Bau von Hanok im gesamten Stadtgebiet geplant.

Kritik am koreanischen  Sanierungsansatz

Die  beschriebene Entwicklung wird jedoch nicht nur positiv gesehen. Vor allem westliche Beobachter weisen darauf hin, dass häufig nicht die bauhistorisch korrekte Sanierung alter Gebäude Ziel der Bemühungen sei, sondern die Aufwertung oder sogar Neuschaffung traditioneller Nachbarschaften. Dadurch gehe teils wertvolle Substanz, vor allem aus der Kolonialzeit, verloren, was ohne Zweifel kritisch zu bewerten ist. Gerade im Vergleich zu Deutschland sollte jedoch bedacht werden, dass dort wesentlich mehr historische Gebäude in traditioneller Bauweise, wie beispielsweise die vielen Fachwerkhäuser in kleineren und mittleren Städten, überlebt haben. Das traditionelle deutsche Zimmermannshandwerk ist dagegen im modernen Zimmermannsberuf aufgegangen und existiert faktisch nicht mehr. In Korea stellt sich die Situation genau umgekehrt dar. Es gibt weniger historische Substanz als in Deutschland, jedoch ein lebendiges, tradiertes, traditionelles Handwerk. Bei aller bauhistorischen Kritik am Umgang mit alten Gebäuden kann dieser Umstand nicht hoch genug eingeschätzt werden.
 
Ein Großteil der alten Bauten wurde darüber hinaus bereits in der Vergangenheit mehrfach renoviert, sodass nur wenige Gebäude einen erhaltenswerten Originalzustand aufweisen. Gewisse Eingriffe sind oft notwendig, um einen heute als notwendig angesehenen Wohnstandard sicher zu stellen. Eine Erschließung von Innenräumen über den Hof oder außenliegende Toiletten beispielsweise sind heute kaum mehr zumutbar.

Eine Entwicklung mit offenem Ende

Traditionelle Viertel und einzelne Hanok sind trotz ihrer vergleichsweise geringen Zahl heute wieder bedeutsam für das Stadtbild von Seoul – und mit der Ausweitung der Förderung auf Seochon und möglicherweise das gesamte Stadtgebiet ist kein Ende dieser Entwicklung abzusehen. Für die Megacity Seoul bildet die traditionelle Architektur nach Jahrzehnten des Fortschritts um jeden Preis einen Ausgleich gegenüber Bürohochhäusern und Apartmentsiedlungen und steht für die Bewahrung der koreanischen Identität. Beim problematischen Umgang mit der historischen Altsubstanz zeigt sich jedoch auch in der Renaissance der traditionellen Architektur der Fokus auf die Schaffung von Neuem, der die Stadtplanung in Seoul über Jahrzehnte prägte. Ein behutsamerer Umgang mit den architektonischen Zeugen der Geschichte würde die traditionelle Architektur in Korea ohne Zweifel bereichern.
 

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