Leben in der Smart City Songdo
Die Stadt die mitdenkt

Der Central Park in Songdo
Der Central Park in Songdo | Foto: Malte Kollenberg

Südkoreas Songdo gilt weltweit als Vorzeigeprojekt, wenn es um das Thema Smart City geht. Doch wie lebt es sich wirklich in so einer Stadt?

Mit der U-Bahn geht es nach Songdo. Die Station „International Business District“ ist umgeben von breiten Straßen und großen Farnfeldern, in einigen Hundert Metern Entfernung hebt sich die Skyline der Stadt in den Himmel. Ab und zu rauscht ein Auto auf der sonst leeren Straße vorbei. Die Planstadt ist erst wenige Jahre alt; ein Experiment, um an der Stadt der Zukunft zu bauen.
 
Songdo ist ein Stadtteil der Millionenstadt Incheon. Beides ist Teil der Metropolregion Seoul. Dort landet, wer aus Europa nach Südkorea fliegt. Genaugenommen sind die Grenzen zwischen Incheon und Seoul fließend geworden. Man muss wissen, wo die eine Stadt aufhört und wo die andere anfängt.
 
Songdo dagegen ist leicht zu erkennen, zumindest wenn es um die Infrastruktur unter der Stadtoberfläche geht. Die verbaute Technik soll das Leben der Menschen ressourcenschonend, umweltfreundlich und letztlich komfortabler machen. Songdo gilt als Vorzeige-„Smart City“.

Hightechland Südkorea

Die Akzeptanz neuer Technik ist außergewöhnlich hoch in Südkorea. Nun soll das Leben der Menschen in allen Bereichen „smart“ werden. Als „smart“ wird im Land Infrastruktur gesehen, die mit Sensoren ausgestattet ist. So verschmelzen die virtuelle Welt und die fassbare Infrastruktur zusehends.
 
Eine Studie des Suchmaschinenriesen Google im Jahr 2013 ergab: Rund 73 Prozent aller koreanischen Mobilnutzer tippen auf dem Bildschirm eines der "smarten" Handys. Tablets und andere Gadgets sind da noch gar nicht mitgerechnet. In der Gruppe der 18 bis 24-jährigen ist die Verbreitung sogar noch höher: satte 97,7 Prozent.
 
Smart Homes sind nun der vorläufige Höhepunkt der Intelligentwerdung.
 
„Smart bedeutet Kameras und allerhand andere Sensoren, die in das Gebäude integriert sind“, sagt Yoon Yong-ik, Professor an der Abteilung für Multimediastudien der Sookmyung Frauenuniversität in Seoul.
 
Analysten der amerikanischen Firma Frost & Sullivan gehen von einer weltweit enormen Zunahme sogenannter Smart Cities, intelligenter Städte, bis 2020 aus. Das Prinzip ist einfach: Die überall vorhandene Technik soll mitdenken.

Leben in Songdos „Smart Homes“

Im 20. Stock des G-Tower in Songdo hat das Unternehmen Masterbell seinen Sitz. Jung Jiwon ist deren Sprecherin und sagt, Masterbell sei das erste Unternehmen, das die Smart-City Technologie anwende. „Weil Songdo auf einer Landaufschüttung im Meer errichtet worden ist, war es einfach, die Infrastruktur aus einem Guss zu bauen“, erklärt sie. Alles, was die Bewohner noch zu tun hätten, sei das Internetkabel nach dem Einzug einzustöpseln.
 
Dann kann der Hausmeister vom heimischen Sofa aus per Videochat kontaktiert werden. In einem virtuellen Forum können sich Mieter untereinander austauschen. Was früher auf der Straße zwischen Nachbarn stattgefunden hat, wird in Songdo zu einem Großteil ins Internet verlegt. Eine Kamera, eingebaut in den Fernseher im Wohnzimmer, ermöglicht den Kontakt mit der Außenwelt. In 1.400 Wohnungen in Songdo betreibt Masterbell das System. Im hektischen Korea soll das vor allem Zeit sparen. „Wir haben das Kommunikationssystem auch in lokalen Geschäften installiert“, sagt Jiwon Jung. „Beispielsweise Reisebüros und Schönheitssalons.“
Fast alles kann in Songdo bald von zu Hause erledigt werden. Vor die eigene Türe gehen ist dann nicht mehr nötig.
 
Ein Blick in die Wohnstube eines „Smart Homes“

All die Technik wird administriert aus einer aufgeheizten, fensterlosen Steuerungszentrale inmitten des Gebäudes. In der trockenen Hitze sitzen drei Techniker und kümmern sich um das Leben einiger hundert Menschen. Von hier aus kann in jede Wohnung geschaltet werden. Alltagsaufgaben werden nicht mehr von den Bewohnern, sondern zentral verwaltet. Kurz bevor die Nachhilfestunde anfängt, sendet das System beispielsweise automatisiert eine Erinnerung in die Wohnung bzw. auf ein Smartphone.

Pro und Contra zum Thema „Smart City“

Obwohl alles ein wenig nach George Orwells „1984“ klingt, sprechen die Bewohner Songdos von einer echten Steigerung der Lebensqualität in der Technik-Retortenstadt. Die 46-jährige Juyeon Jung lebt in Songdo und ist schlichtweg begeistert. „Zu Hause sein ist hier viel angenehmer.“ Der Fernseher mache das möglich. Auch den Kontakt mit den Nachbarn.
 
Die österreichische Stadtplanerin und Verkehrsexpertin Katja Schechtner ist etwas kritischer. „Songdo an sich ist ein wunderbares Marketinginstrument. Es hat international sehr viel Beachtung gefunden. Und die Technologien, die dort implementiert sind, finde ich an sich super und total interessant.“ Was ihr an Songdo nicht gefalle, sei der autozentrierte Städtebau. „Es findet kein Leben auf den Straßen statt.“
 
Kim Yu-jeong lebt seit zwei Jahren in Songdo. In einer kurzen Pause hat sie es sich auf einer Parkbank im Central Park gemütlich gemacht und für sie sind es genau die weiten Straßen Songdos, die den Reiz ausmachen. „Seoul ist im Gegensatz zu Songdo viel dichter bebaut. An manchen Tagen bekommt man nicht einmal Sonne ab. In Songdo ist zwischen den Gebäuden genug Platz“, schwärmt sie.
 
Songdo ist Südkoreas Stadt der Zukunft. Auch die Hauptstadt Seoul soll nach dem Vorbild Songdos eines Tages komplett mit technischen Gimmicks ausgestattet sein. Und diese Gimmicks sind es, die nach Ansicht der Befürworter alle urbanen Probleme lösen werden.
 

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