Berlinale-Blogger*innen 2022
Nah und doch fern

The Apartment with Two Women
Die Charaktere in „The Apartment with Two Women“ sind weit vom Idealbild einer Mutter-Tochter-Beziehung entfernt. | Foto (Detail): © Korean Academy of Film Art

256 Filme werden bei der Berlinale 2022 gezeigt; viele davon behandeln die Themen „Familie“ und „Liebe“– darunter zwei Filme aus Korea, die von verschiedenen Familien erzählen.

Von Hyunjin Park

Die Familie ist die kleinste gesellschaftliche Einheit, zu der ein Individuum gehören kann. So nah man sich ist, so leicht verletzt man sich auch gegenseitig. Familie ist ein universelles Thema allen kreativen Schaffens, doch derzeit wird es besonders stark beleuchtet. Ein Grund könnte sein, dass viele Menschen durch reduzierte soziale Kontakte während der Pandemie mehr Zeit mit ihrer Familie verbrachten und somit auch mehr Gelegenheit hatten, sich familärer Dynamiken gewahr zu werden. The Apartment with Two Women von der Regisseurin Kim Se-in und Hügel der Geheimnisse von Lee Ji-eun, die jeweils in den Sektionen „Panorama“ und „Generation“ eingeladen wurden, erzählen anhand weiblicher Hauptfiguren persönliche und intime Familiengeschichten auf äußerst interessante Art und Weise.

Fragen nach der unangenehmen Wahrheit

Es ist das Jahr 1996. Die Hauptfigur von Hügel der Geheimnisse, die frischgebackene Fünftklässlerin Myung-eun, fürchtet sich vor einem Gespräch mit der Lehrkraft, denn in Anwesenheit der Klassenkamerad*innen soll sie zu ihrer familiären Situation befragt werden. Doch dann müsste sie von der Arbeit ihrer Eltern erzählen, die auf dem Markt mit fermentierten Meeresfrüchten handeln. Und es ist nicht nur der Beruf ihrer Eltern, für den sich Myung-eun schämt. In den Augen von Myung-eun ist ihr Vater faul und vergnügungssüchtig, und ihre Mutter ist geldgierig, ungebildet und hat kein Herz für Menschen in Not. Aus Scham für ihre Familie lügt Myung-eun die Lehrkraft und ihre Klassenkamerad*innen schließlich an.
Hügel der Geheimnisse
Der Film „Hügel der Geheimnisse“ fragt anhand der Geschichte eines elfjährigen Mädchens nach der Bedeutung von Familie. | Foto (Detail): © ohspring film
Die Figur des zarten, selbständigen und klugen Mädchens sprüht im Film nur so vor Lebenskraft. Myung-eun weiß genau, welche Kleidung sie tragen möchte und welches Pausenessen sie mag, sie ist überzeugte Klassensprecherin und Umweltschützerin, und sie ist so strategisch und tatkräftig, dass sie sich sogar ihre Familie wie gewünscht zurechtdichtet. Doch als sie in einem Aufsatzwettbewerb unbedingt den ersten Platz belegen möchte, gerät die Selbstsicherheit des klugen elfjährigen Mädchens ins Wanken. Mit ihrem Text, in dem sie ihre ehrlichen Gedanken über ihre Familie verarbeitet, gewinnt sie schließlich den ersten Preis. Als ihr Text veröffentlicht werden soll, erlebt sie komplexe Gefühle, die sie nur als „unangenehm“ beschreiben kann. Der Film bringt diese Veränderung in Myung-euns Gefühlen und Sichtweisen über ihre Familie detailliert und lebendig zum Ausdruck. Sie sind unbekannte und ungeliebte Wesen, aber man muss doch mit ihnen klarkommen. Auch für dieses elfjährige Mädchen sind ihre Familienmitglieder Fremde – nah und doch so fern.

Ein Streit ohne Ende

The Apartment with Two Women beginnt mit dem Anblick von Yi-jung, die am Waschbecken im Badezimmer ihre Unterwäsche wäscht. Mutter und Tochter tragen zwar dieselbe Unterwäsche, aber sie können sich gegenseitig nicht ausstehen. Su-kyung hat Yi-jung alleine aufgezogen, während sie eine Praxis für Sitzbäder betrieb. Sie bleibt ihren Gefühlen und Begierden treu und ist jähzornig. Ihre Tochter Yi-jung dagegen ist zurückhaltend und träge. Eines Tages fährt die Mutter nach einem eskalierten Streit in einem Supermarkt Yi-jung mit dem Auto an. Yi-jung unterstellt ihrer Mutter böse Absicht und denkt, dass sie sie umbringen wollte. Der emotionale Konflikt des Mutter-Tochter-Paares wird im Film mal mit Wortgefechten, mal mit Handgreiflichkeiten explizit dargestellt.

Anhand der Figur der Su-kyung, die sich selbst treu bleibt und gelegentlich auch egoistisch ist, stellt der Film den mütterlichen Prototypen und damit das Thema Mutterliebe in Frage. Eine kritische Betrachtung des Mythos Mutterliebe, der seit langem dem patriarchalischen System dient, ist zwar nicht ganz neu. Dennoch überzeugt die Regisseurin die Zuschauer*innen in ihrem Film durch eine dynamische und subtile Bearbeitung des Konfliktes zwischen Su-kyung und Yi-jung. Es gibt in der Welt unzählige Mütter und Töchter, die alle zu einer vielfältigen Geschichte beitragen – und manchmal verlaufen diese Beziehungen derart toxisch – oder sogar tödlich –, dass sie das vollständige Erwachsenwerden eines Menschen verhindern.

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