Jan Costin Wagner
Grundlegend menschlich erzählen

Jan Costin Wagner
Jan Costin Wagner | Foto: Heike Bogenberger

Jan Costin Wagner ist für seine Romanreihe rund um den Kommisar Kimmo Joentaa bekannt. Die in Finnland spielenden Geschichten drehen sich um Verbrechen – und lassen sich doch nur schwer mit gängiger Kriminalliteratur vergleichen. Im Interview stellen wir den Autor und sein Werk vor.

Herr Wagner, Ihre Romane rund um den Kommissar Kimmo Joentaa spielen in Finnland. Warum?

Finnland ist meine zweite Heimat.  Ein Ort, der mir am Herzen liegt, so wie mir die Romanfigur Kimmo Joentaa am Herzen liegt. Ich habe Kimmo intuitiv in Finnland verortet, als ich die Idee hatte, einen jungen Mann in Sprache zu bringen, der einen fundamentalen Verlust erleidet und auf seine ganz eigene Art bewältigt.

Gibt es dennoch „deutsche Spuren“ in den Geschichten?

Ich möchte eigentlich weder finnisch noch deutsch erzählen, sondern grundlegend menschlich. Deshalb müssten gleichermaßen deutsche, finnische und sogar koreanische Spuren enthalten sein.
 

„Das Schweigen“ „Das Schweigen“ | © Eichborn Verlag Jan Costin Wagner wurde 1972 geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Geschichte und schrieb seine Abschlussarbeit über die verborgenen Abgründe in der Prosa Adalbert Stifters. Er lebt heute als freier Schriftsteller und Musiker in der Nähe von Frankfurt. Finnland, der Schauplatz der Romane um den jungen Ermittler Kimmo Joentaa, ist seine zweite Heimat.

Wagners Romane wurden in 14 Sprachen übersetzt, auf Koreanisch sind einige der Werke beim Verlag Dulnyouk erschienen. „Das Schweigen“ wurde 2008 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und 2010 von Baran bo Odar verfilmt.
 

In ihren Romanen weiß man oft früh, wer der Täter ist, und nicht selten identifizieren sich die Leser mit dem Täter. Was bewegt Sie dazu, aus „Täterperspektive“ zu schreiben?

Es geht mir letztlich darum, zu begreifen. Zu erkennen, was passiert. Dem Menschen nah zu bleiben, auch wenn er in Schuld verstrickt ist. Ich glaube auch, dass nur auf dieser Basis präventiv gearbeitet werden kann. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Amokläufen, die nur verhindert werden können, wenn schon im Vorfeld Menschen erkennen, was sich abzeichnet.

Ihr Roman „Das Schweigen“ wurde 2010 verfilmt. Gibt es nennenswerte Unterschiede zwischen Buch und Film?

Es gibt Unterschiede, und doch ist der Erzählkern in den Film eingewandert. Ich mag vor allem, dass der Film sich Zeit nimmt für das vielperspektivische Drama, das auch dem Roman zugrunde liegt.

Haben Sie schon einmal koreanische Literatur gelesen? Wie hat sie Ihnen gefallen?

Ich muss gestehen, nein. Ich freue mich darauf, das während meines Besuchs und danach nachzuholen.
 

„Das letzte Schweigen“

(D, 2010. Regie: Baran bo Odar)

Der Film „Das letzte Schweigen“, der 2010 für die ZDF-Sendereihe „Das kleine Fernsehspiel“ produziert wurde, basiert auf Jan Costin Wagners Roman „Das Schweigen.“ Für den Film wurde die Handlung des Buches aus Finnland in eine fiktive deutsche Kleinstadt verlegt, die Personennamen wurden abgeändert. „Das letzte Schweigen“ wurde unter anderem auf dem Busan International Film Festival 2010 gezeigt.
 



Als auf den Tag genau 23 Jahre nach dem Mord an der kleinen Pia ein weiteres Mädchen am selben Tatort erschlagen wird, lähmt Entsetzen die sommerlich heiße Kleinstadtidylle. Pias trauernde Mutter Elena Lange (Katrin Sass) erinnert sich an die damalige grausige Tat ebenso wie Ex-Kommissar Krischan Mittich (Burghart Klaußner), der die Ermittlungen leitete und den Fall nie aufklären konnte. Er bittet seinen jungen Kollegen David Jahn (Sebastian Blomberg) um Hilfe, weil der offiziell zuständige Ermittler Matthias Grimmer (Oliver Stokowski) sich weigert, die Parallelen der Fälle zur Kenntnis zu nehmen. Am heftigsten erschüttert ist jedoch Timo Friedrich (Wotan Wilke Möhring), der den Mord zusammen mit Peer Sommer (Ulrich Thomsen) an Pia begangen und dann erfolgreich verdrängt hat. Bis heute.

Sie setzen sich bei Lesungen auch gerne mal ans Klavier. Gibt Ihnen die Musik etwas, was Sie beim Schreiben nicht finden können?

Schreiben und Musik gehören für mich in gewisser Weise untrennbar zusammen. Auch das Schreiben ist letztlich Melodiefindung. Und die Musik, die ich komponiere, befasst sich mit denselben Gedanken und Emotionen, die auch mein Schreiben prägen.

Sie sind in der deutschen Fußball-Autorennationalmannschaft aktiv. Wer sind die Fußballgötter unter den deutschen Autoren?

Tatsächlich haben wir eine gute Mannschaft, in der ich leider momentan wegen eines Kreuzbandrisses nicht mehr mitspielen kann. Ich fand es sehr schön, dabei zu sein, habe viele nette Menschen kennengelernt. Und Fußball liebe ich sowieso schon seit der Kindheit. Ich war immer ein großer Dribbler, glaube auch, dass ich es manchmal ein wenig übertrieben habe, aber eigentlich bin ich ja ein Fan des finnischen Mittelfeldstrategen Jari Litmanen. Und der war vor allem ein großartiger Passgeber, immer mit dem Blick für seine Mitspieler. Ich bin übrigens auch Fan der finnischen Nationalmannschaft, das ist nicht immer leicht, aber so etwas sucht man sich ja nicht aus, das ist Herzenssache.
 

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