Der Komponist Isang Yun
Ein grenzüberschreitender Nomade

Der Komponist Isang Yun
Der Komponist Isang Yun | © Tongyeong International Music Foundation

Isang Yun (1917–1995) war im Laufe seines Lebens nicht nur Komponist, sondern auch Musiker, Künstler, Sprachrohr der Unterdrückten sowie ein Mensch, der universelle Brüderlichkeit vorlebte. Als Nomade bereiste er die Welt und überschritt dabei immer wieder die Grenzen zwischen verschiedenen Kulturen. Am Sonntag, den 17. September 2017, jährte sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal. Ein Rückblick in Fragmenten auf  die Orte, an denen Isang Yun zwischen Geburt und letzter Ruhe lebte und fühlte.
 

Tongyeong: Schullieder für die Region

1940 als Dozent an der Hwayang-Schule in Tongyeong. Isang Yun ist in der Mitte rechts zu sehen.
1940 als Dozent an der Hwayang-Schule in Tongyeong. Isang Yun ist in der Mitte rechts zu sehen. | © Tongyeong International Music Foundation
Isang Yun wurde 1917 in Sancheong in der Provinz Süd-Gyeongsang geboren und lebte ab 1920 mit seinen Eltern in Tongyeong. Die Stadt blieb sein ganzes Leben lang prototypischer Ausgangspunkt seiner Arbeit, hier finden sich zahlreiche Verbindungen zwischen seinem Leben und seiner Musik. So komponierte er zum Beispiel die offiziellen Schullieder für zahlreiche Grund-, Mittel- und Oberschulen in der Region, in der Hoffnung, dass die Schüler und Schülerinnen durch die Musik die charakteristische koreanische Gefühlswelt erfahren und schätzen lernen würden. Vor dem Hintergrund der Gewalt und Unterdrückung durch die japanische Kolonialherrschaft war dies eine damals durchaus verbreitete und allgemein anerkannte Absicht. Nachdem Isang Yun 1944 wegen des Verdachts auf anti-japanische Aktivitäten zwei Monate in Haft verbracht hatte, unterrichtete er als Musiklehrer an Schulen und Universitäten in der Umgebung von Tongyeong und Busan. Auf diese Weise verfolgte er während der politisch bewegten Zeiten zwischen der Befreiung Koreas am Ende des Zweiten Weltkrieges (1945) und dem Koreakrieg (1950–53) seine Leidenschaft und Begeisterung für die Musik. Seine in dieser Zeit entstandenen Schullieder wurden gesungen an der Tongyeong-Grundschule, der Jinnam-Grundschule (ebenfalls in Tongyeong), der Chungryeol-Grundschule (beide in Dörfern in der Umgebung Tongyeongs), der Yokji-Mittelschule auf der gleichnamigen Insel vor der Küste, der Haedong- und der Daesin-Mittelschule in Busan, der Jinhae-Mittelschule für Jungen in Changwon, der Mittel- und Oberschule für Mädchen in Tongyeong, der allgemeinen Mittel- und Oberschule in Tongyeong, sowie an Oberschulen in Busan und Masan. Auch das offizielle Lied der Korea University, einer der renommiertesten Universitäten des Landes, hat Yun komponiert. Das war allerdings etwas später, 1955, als sich das Zentrum seiner Aktivitäten bereits nach Seoul verlagert hatte.

Seongbuk-dong in Seoul: „Streichquartett I“ und „Klaviertrio“

1954, im Seouler Stadtteil Seongbuk-dong. Hinter Isang Yun seine Frau Sooja Lee.
1954, im Seouler Stadtteil Seongbuk-dong. Hinter Isang Yun seine Frau Sooja Lee. | © Tongyeong International Music Foundation
Als Isang Yun 1953 nach Seoul zog, bezog er Quartier in Seongbuk-dong, einem Viertel im Nordosten der Stadt. An der genauen Adresse, Seongbuk-dong 128-13, erinnert heute nur noch eine kleine Plakette am Rande der Wartebank einer Bushaltestelle an Yuns Wohnort. Während dieser Zeit, in der er an der Seoul National University und der Duksung Women’s University unterrichtete, wurde auch sein Sohn Ugyeong geboren. Außerdem zeichnete die Stadt Seoul seine Stücke „Streichquartett I“ und „Klaviertrio“ am 11. April 1955 mit dem Kulturpreis aus. Isang Yun verbrachte zwar nur drei Jahre seines Lebens in Seoul, doch erfuhr er hier sehr deutlich, dass die prototypartige Funktion, die seine Heimat Tongyeong in seinem Schaffen hatte, sich auch in einer städtischen Umgebung realisieren ließ. Hier, wo noch bis vor kurzem das Zentrum der japanischen Kolonialverwaltung gewesen war, waren die Überreste des Imperialismus unter der Fassade westlich geprägter Zivilisation noch deutlich erkennbar, ebenso wie die Begierden des Kapitals, die das Nachkriegsleben prägen.

Darmstadt: „Musik für sieben Instrumente“

Darmstadt 1958. Ganz links Nam June Paik, neben ihm Isang Yun. Ganz rechts John Cage
Darmstadt 1958. Ganz links Nam June Paik, neben ihm Isang Yun. Ganz rechts John Cage | © Tongyeong International Music Foundation
Im Juni 1956 verließ Isang Yun Korea, um in Paris zu studieren. Doch bereits im folgenden Jahr zog er nach Berlin, wo er 1959 an der West-Berliner Hochschule für Musik (heute Universität der Künste) sein Studium abschloss. In seinem musikalischen Schaffen wurde er dabei von der europäischen Avantgarde der späten 1950er-Jahre beeinflusst, was seine Teilnahme an den internationalen Ferienkursen für neue Musik in Darmstadt, damals das Zentrum der europäischen zeitgenössischen Musik, deutlich belegt. Darmstadt bot Isang Yun neue Möglichkeiten. Er konnte dort nicht nur experimentelle Komponisten wie Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono, Pierre Boulez, Bruno Maderna, John Cage und Nam June Paik kennenlernen. Auf Rat von Dr. Wolfgang Steinecke, einem Mitbegründer der Ferienkurse, bewarb er sich auch selbst mit dem Stück „Musik für sieben Instrumente“ für eine Uraufführung in Darmstadt, die dann 1959 stattfand. Zur gleichen Zeit gewann er den Wettbewerb der Gaudeamus-Stiftung in Bilthoven mit „Fünf Stücke für Klavier“. Bei diesen Anlässen trat Isang Yun als Komponist erstmals auf der internationalen Bühne in Erscheinung.

Berlin: „Exemplum in memoriam Kwangju“

Isang Yuns Haus in Berlin.
Isang Yuns Haus in Berlin. | © Tongyeong International Music Foundation
Nach seinen Erfolgen in Darmstadt und den Niederlanden kam auch Isang Yuns Frau Sooja Lee aus Korea nach Deutschland, zunächst 1961 nach Freiburg. 1963 zogen die beiden dann nach Köln und holten auch ihre Kinder aus Korea nach. 1967 wurde Isang Yun in Berlin von der Korea Central Intelligence Agency, dem südkoreanischen Geheimdienst, entführt und nach Seoul verschleppt. Im Anschluss wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, konnte jedoch mit Hilfe der westdeutschen Regierung seine Freilassung erwirken und am 30. März 1969 wieder nach Berlin zurückkehren. Er ließ sich in West-Berlin nieder und nahm erneut seine musikalische Arbeit auf. Der Möglichkeit beraubt, sein Heimat selbst zu besuchen, versuchte er auf musikalische Art und Weise an der Demokratiebewegung in Korea teilzunehmen - mit Werken, in denen sein Widerstand gegen die Militärregierung klar zum Ausdruck kam. Schockiert von der Nachricht, dass die Militärregierung den zivilen Aufstand in Gwangju mit militärischer Gewalt niedergeschlagen hatte, komponierte er 1980 die Tondichtung „Exemplum in memoriam Kwangju“, die am 8. Mai des folgenden Jahres in Köln vom Rundfunk-Sinfonieorchester des WDR uraufgeführt wurde. An seinem Wohnort im geteilten Berlin, in Gedanken an sein geteiltes Heimatland, war Isang Yun so im Herzen bei den Opfern des Blutbades in Gwangju.

Spandau: „Engel in Flammen mit Epilog“

Das Grab von Isang Yun in Berlin-Spandau.
Das Grab von Isang Yun in Berlin-Spandau. | © Tongyeong International Music Foundation
Isang Yun verstarb am 3. November 1995 in Berlin. Sein Werk „Engel in Flammen mit Epilog“ wurde ein halbes Jahr vorher vom Tokyo Philharmonic Orchestra in der Suntory Hall in Tokyo uraufgeführt. Etwa einen Monat vor seinem Tod wurde in Berlin zudem sein „Quintett für Klarinette und Streichquartett II“ uraufgeführt, das letzte öffentliche Konzert, das er selbst erlebte. Begraben wurde Isang Yun auf dem Friedhof Spandau, etwas außerhalb von Berlin. Selbst kurz vor seinen Tod sprach Isang Yun noch koreanischen Studenten, die in Seoul für die Demokratie ihre Körper angezündet hatten, seinen Trost aus. Die Vorbereitungen für sein Lebensende traf er selbst, und bis zum Schluss beschäftigte er sich mit der mannigfaltigen Beziehung zwischen Klang und Natur und der Frage, was für Ewigkeit bleibt. Die vier chinesischen Zeichen, die als Inschrift auf seinem Grabstein in Spandau stehen, bringen sein Leben und seine Philosophie auf den Punkt: Cheo-Yeom-Sang-Jeong, zu Deutsch „befleckter Ort, ewige Reinheit“. Dieser buddhistische Lehrspruch bezieht sich ursprünglich auf Lotusblumen, die im sumpfigen Wasser am schönsten gedeihen, und bringt zum Ausdruck, dass wahre Reinheit selbst am dunkelsten Ort niemals verloren geht.

Wieder in Tongyeong: Wogende Wellen und der Klang des Windes

Tongyeong Concert Hall
Tongyeong Concert Hall | © Tongyeong International Music Foundation
Am 17. September 2017 war die Atmosphäre in der Tongyeong Concert Hall sehr ruhig. Das Tongyeong International Music Festival, 2002 in Gedenken an Isang Yun gegründet, hatte anlässlich seines 100. Geburtstages die Veranstaltung „Happy Birthday, Isang Yun“ vorbereitet. Musikalische Klänge, die an Isang Yun erinnerten, waren über ein Soundsystem im ganzen Gebäude deutlich zu hören, von der Lobby bis zu den Waschräumen. Der tosende Wind und die wogenden Wellen vor den Fenstern des Konzerthauses begleiteten die Musik ununterbrochen. Ob wohl Isang Yun genau in diesem Moment auf das stürmische Meer seiner Heimatstadt Tongyeong hinausblickte? Wehte über seinem Grab in Berlin-Spandau der gleiche Wind? Hatte Isang Yuns Lebensweg, der in Tongyeong begann und ihn über Seongbuk-dong in Seoul zum internationalen Musikfestival in Darmstadt, nach Berlin und bis zu seinem Grab in Spandau führte, ihn dem Klang des Windes folgend wieder nach Tongyeong zurückgebracht? Für einen Moment war der Auftrag klar: An diesem Ort, im Hier und Heute, beginnt wieder die Suche nach den Spuren, welche der Nomade Isang Yun hinterlassen hat.

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