Future Perfect
Gemeinschaftliches Wohnen in der Megastadt

Die Mitbewohnerinnen des Sharehouse 22 beim Abendessen.
Die Mitbewohnerinnen des Sharehouse 22 beim Abendessen. | Foto: Jun Michael Park

In der südkoreanischen Hauptstadt ist Raum begrenzt und Wohnen teuer.  Das Sozialunternehmen Woozoo bietet jungen Menschen dort bezahlbaren Wohnraum – Gemeinschaftsgefühl inklusive.

Freitagabend in einer Wohnung im Seouler Regierungs- und Finanzviertel Yeouido. Fünf junge Frauen gehen geschäftig ihren Tätigkeiten nach. Die Japanerin Haruka Abe bereitet sich auf ein Date mit ihrem Freund vor. Die anderen kochen das Abendessen und warten auf die Ankunft von Jin-seon Park, einer Büroangestellten. Die 23-jährige Su-gyeong Choi ist Studentin und lebte bis zu ihrem Einzug im Februar 2016 im Studentenwohnheim. „Im Wohnheim ernährte ich mich oft von Fertiggerichten, aber jetzt gehe ich mit den Eonnis richtig einkaufen und wir essen fast jeden Abend zusammen.“ Eonni bedeutet „ältere Schwester“ – ein Zeichen für das enge Verhältnis zwischen den Mitbewohnerinnen.
 
Dass sich in Korea sechs Frauen eine große Wohnung teilen, ist ebenso praktisch wie ungewöhnlich. Hier verbringen viele Menschen ihre jungen Jahre zwischen 20 und 40 in dunklen Kellerwohnungen, schlecht isolierten und nicht selten illegal auf dem Dach errichteten Stuben oder Unterteilungen von Bürogebäuden, die als Zimmer vermietet werden. Die Wohnfläche beträgt oftmals nicht mehr als 13 Quadratmeter. Auch eine noch so romantische Blickweise kann diese desolate Wohnungssituation für junge Menschen nicht schönreden. Das mag einer der Gründe sein, warum so viele junge Koreaner heute ihre Heimat als „Hölle“ beziehungsweise in Anlehnung an das letzte feudale Königreich auf der koreanischen Halbinsel als „Hell Joseon“ bezeichnen.
 
Doch die eingangs genannten sechs Frauen haben dank eines jungen „Social Enterprise“ ein gemütliches Zuhause in Südkoreas Hauptstadt gefunden, obwohl gerade hier die Wohnungspreise Spitzenwerte erreichen. Rund 25 Millionen Menschen leben in Seoul und Umgebung – das ist etwa die Hälfte aller Südkoreaner. Laut der amerikanischen Nachrichtenwebsite „Business Insider“ rangiert Seoul auf dem 15. Platz der teuersten Städte der Welt.

Eine Lösung aus dem Epizentrum der Seouler Wohnungskrise

 Umso interessanter ist es daher, dass ein Unternehmen, das einen Ausweg aus den extremen Wohnkosten in Seoul sucht, sein Büro ausgerechnet in bester Lage in Yeouido eröffnet hat. Yeouido wurde in den 1960-er Jahren stadtplanerisch weiterentwickelt und ist heute Standort der südkoreanischen Nationalversammlung sowie mehrerer großer Rundfunkstationen, Seouls Finanzviertel und der Hochglanzmall IFC Shopping Center. Vielleicht wollen die Gründer von Sharehouse Woozoo ihren Lösungsansatz aber auch bewusst im Epizentrum der Seouler Wohnungskrise platzieren. Das Social Enterprise besteht bereits seit vier Jahren und verfolgt ein einfaches Geschäftsmodell: große Häuser oder Wohnungen mieten, renovieren und an Mieter untervermieten, die gewillt sind, mit anderen in einer Wohneinheit zusammenzuleben. 38 solcher Wohngemeinschaftseinheiten, sharehouses genannt, betreibt Woozoo zurzeit in Seoul.
 
Eine von ihnen ist das Woozoo Sharehouse Nr. 22, das für Su-gyeong Choi und ihre Eonnis zu ihrem Zuhause geworden ist. Ihre Wohnung befindet sich in einem der ersten in Seoul gebauten Apartmentkomplexe. Die Yeouido Model Apartments in Yeouido wurden vor 40 Jahren errichtet und die davor stehenden alten Bäume und ordentlich geparkten Fahrzeuge zeigen sowohl, wieviel Zeit hier verflossen ist, als auch die gute Nachbarschaft, die in der Anlage gepflegt wird.

Bessere Lebensqualität für die Jungen

Die Wohngemeinschaft habe ihr zu einem gesünderen Lebensstil und zu einer besseren Lebensqualität verholfen, erzählt Su-gyeong Choi. Außerdem böten ihr die Gespräche mit den Mitbewohnerinnen, die schon mal bis spät in die Nacht andauern können, ein Gefühl von Solidarität und Stabilität. Die Lebenssituationen der Bewohnerinnen könnten kaum unterschiedlicher sein: eine Büroangestellte, eine Teilzeitarbeiterin, eine Studentin, eine gebürtige Seoulerin, eine Neuzugezogene und sogar eine Ausländerin. Sie alle finden jedoch nur lobende Worte für ihre Wohngemeinschaft: „Hier ist unser Zuhause, wir fühlen uns wie eine Familie.“ Ein zusätzlicher Bonus ist sicherlich die gemeinsame Nutzung der großräumigen Küche und des Wohnzimmers. Für die Miete, die jede von ihnen zahlt, bekäme man normalerweise nur eine winzige Einzimmerwohnung.
 
  • Die Yeouido Model Apartments mit der Woozoo-Wohngemeinschaft Nr. 22. Foto: Jun Michael Park

    Die Yeouido Model Apartments mit der Woozoo-Wohngemeinschaft Nr. 22.

  • Der Eingangsbereich mit Schuhen der Bewohnerinnen. Foto: Jun Michael Park

    Der Eingangsbereich mit Schuhen der Bewohnerinnen.

  • Einige Mitbewohnerinnen teilen sich ein Schlafzimmer. Foto: Jun Michael Park

    Einige Mitbewohnerinnen teilen sich ein Schlafzimmer.

  • Da-hyeon Lee (links) und Su-gyeong Choi im Gespräch. Foto: Jun Michael Park

    Da-hyeon Lee (links) und Su-gyeong Choi im Gespräch.

  • Da-hyeon Lee kocht Süßkartoffeln für sich und ihre Mitbewohnerinnen. Foto: Jun Michael Park

    Da-hyeon Lee kocht Süßkartoffeln für sich und ihre Mitbewohnerinnen.

  • Hye-ji Jeon (links) bäckt Brownies, während ihre Mitbewohnerinnen Da-hyeon Lee und Su-gyeong Lee herumalbern. Foto: Jun Michael Park

    Hye-ji Jeon (links) bäckt Brownies, während ihre Mitbewohnerinnen Da-hyeon Lee und Su-gyeong Lee herumalbern.

  • Im Gespräch vertieft nach dem Abendessen. Foto: Jun Michael Park

    Im Gespräch vertieft nach dem Abendessen.

  • Die Spüle in der Gemeinschaftsküche. Foto: Jun Michael Park

    Die Spüle in der Gemeinschaftsküche.

  • Freitagabend: Su-gyeong Choi, (links) und Haruka Abe beim Schminken. Foto: Jun Michael Park

    Freitagabend: Su-gyeong Choi, (links) und Haruka Abe beim Schminken.

  • Das Team von Sharehouse Woozoo. Foto: Jun Michael Park

    Das Team von Sharehouse Woozoo.

Der Erfolg von Wozoo basiert auf einer sehr pragmatischen Herangehensweise, mit der sie Wohnraum und Gemeinschaftsgefühl bieten. In Südkorea zahlen die Mieter in der Regel beim Einzug eine sehr hohe Kaution. Der Betrag bewegt sich je nach Größe und Lage der Wohnung sowie nach Gutdünken des Vermieters umgerechnet zwischen einigen Tausend bis hin zu mehreren Zehntausend Euro. Es kommt auch nicht selten vor, dass der Vermieter sich weigert, eine Kaution rechtzeitig zurückzuzahlen, obwohl der Mitvertrag abgelaufen ist. Im Gegensatz dazu verlangt Woozoo lediglich eine Kaution von zwei Monatsmieten und fungiert als Schnittstelle zwischen Vermieter und Mieter. Damit ersparen sich die Mieterinnen und Mieter den Gang zum Makler und das anstrengende Verhandeln mit den Vermietern. Der Vertrag mit Woozoo ist unkompliziert und es gibt keine versteckten Gebühren. Auch die Vermieter sind glücklich, denn Woozoo übernimmt Wartungs- und Reparaturarbeiten. Auf diese Weise wird der Wert der Immobilien hoch gehalten. Da das Image von Wohngemeinschaften in Südkorea immer besser wird, informieren sich inzwischen auch mehr und mehr Rentner mit vermietbarem Eigentum über Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit Wozoo.

Sozial – aber dennoch ein Unternehmen

Aber auch in der Woozoo-Welt ist nicht alles perfekt. Es kommt schon mal vor, dass ein Mitbewohner die Regeln nicht befolgt und dadurch die Gemeinschaft kollabiert. In einigen Extremfällen mussten Bewohner sogar ausziehen. Das Leben in der Wohngemeinschaft eignet sich für Leute, die gerne neue Bekanntschaften machen, sich nicht an geringfügigen Differenzen aufhängen und sich einem Gemeinschaftsleben mit gelegentlich strikten Regeln fügen können. Besuch des jeweils anderen Geschlechts sind beispielsweise verboten. Einige Bewerber dachten schon auch mal, sie hätten Narrenfreiheit, weil sie meinten, eine Social Enterprise werde auf Verstöße lax reagieren. Um sicherzustellen, dass die Bewerber für diese Art des Gemeinschaftslebens geeignet sind, werden vor dem Einzug Bewerbungsgespräche geführt. Im Interview betont das Woozoo-Team gern seine unternehmerischen Konzepte und ist stolz auf sein sich selbst tragendes Geschäftsmodell.
 
„In Südkorea ist die Vorstellung, Wohnraum mit Fremden zu teilen und harmonisch mit ihnen zusammenzuleben, noch recht neu. Ich denke aber, das Zusammenleben hilft, sich selbst besser kennenzulernen und zu wachsen. Eines Tages möchte ich gerne Räume erwerben, die die Werte von Woozoo am besten wiedergeben und verkörpern“, sagt Woozoos Vizepräsidentin Ah-yeon Lee.
 
Nach einigen Wirtschaftskrisen und einer andauernden Rezession haben viele in Südkorea einst hochgehaltene Vorstellungen von guter Nachbarschaft und Großzügigkeit an Bedeutung verloren. In einer Zeit, in der junge Menschen statt leeren Worthülsen praktische Lösungen wollen, etabliert sich Wozoo als eine Alternative für die Wohnungsnot in „Hell Joseon“.

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