Reading 1989 Globally
On the interconnectivity between Asia and the Fall of the Berlin Wall

Internationale Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Research Institute of Comparative History and Culture der Hanyang University, 6. - 8. November 2014

Menschen auf der Berliner Mauer im November 1989 © Bundesstiftung Aufarbeitung, Fotobestand Uwe Gerig Menschen auf der Berliner Mauer im November 1989 Bundesstiftung Aufarbeitung, Fotobestand Uwe Gerig
Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer. Die Welt schaute auf die größte Stadt des noch geteilten Deutschlands, das sich bereits ein Jahr später wiedervereinigen sollte. Was für eine Bedeutung hatte dieses Ereignis für den Rest der Welt, der damals noch in Ost- und Westblock geteilt war? Was für Einflüsse außerhalb Deutschlands haben die Wiedervereinigung begünstigt und ermöglicht? Vor allem die Ereignisse in China im Juni 1989 könnten eine entscheidende Rolle gespielt haben. Wissenschaftler aus Asien und Europa werden den Mauerfall und das Jahr 1989 einer neuen Betrachtung unterziehen, und zwar aus der Perspektive Asiens. Ein transnationaler Ansatz soll gewählt werden, um neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Programm


Der Vortrag analysiert kritische globale Momente als nützliches Instrument für die Neuinterpretation der Weltgeschichte vor 1989. Dabei wird zwischen drei Dimensionen unterschieden: Die erste Dimension befasst sich mit kritischen, manchmal sogar revolutionären Wendepunkten, die für einzelne Gebiete und Regionen, aber nicht zwangsläufig für die ganze Welt relevant sind. Die zweite Dimension bezieht sich auf die „Bedeutung“ solcher kritischen Augenblicke für Kulturen, Kontinente und Machtverhältnisse. Die dritte Dimension globaler Momente, die sich mit Gedächtnis auseinandersetzt, wird zunehmend wichtiger. Auffällig ist, dass das Jahr 1989, das mit so vielen „Schlusspunkten“ assoziiert wird, auch in Verbindung mit den Farbrevolutionen oder dem arabischen Frühling steht – und zwar als Neuanfang in der Geschichte der emanzipatorischen Bewegungen.
 
Matthias Middell ist Professor für Geschichte an der Universität Leipzig. Seine Hauptforschungsinteressen umfassen globale Geschichte mit dem Schwerpunkt auf Raumstudien; Kulturaustausch zwischen Frankreich und Deutschland; und die Geschichte der Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören Self-Reflexive Area Studies (2013), und Transnational Challenges to National History Writing.

Der Vortrag erforscht die Vereinnahmung der deutschen Nazi-Vergangenheit während und nach der „4.-Juni-Bewegung“ auf dem Tiananmen Platz 1989 aus der Perspektive des transkulturellen Erinnerns. Während der Protestbewegung wurden zahlreiche „fremde“ Vergangenheiten von den pro-demokratischen Demonstranten manipuliert, um ihren ideologischen Kampf zu rationalisieren und die offizielle Unterdrückung zu diskreditieren. In Postern, Flugblättern, und Rundbriefen wurden deutsche „Geister“ des Nationalsozialismus in Erinnerung gerufen, um damit die Regierung der Volksrepublik China als totalitäres  Diktatorenregime darzustellen. In der Zeit nach dem Mauerfall wurde wiederum auf die deutsche Geschichte rekurriert, um für die offizielle Rehabilitierung der „4.-Juni-Bewegung“ zu plädieren. Zum einen wurde die militärische Unterdrückung der Bewegung mit der Ungerechtigkeit des Nazi-Regimes verglichen, zum anderen wurde die chinesische Regierung dazu aufgefordert, sich an der deutschen Vergangenheitsbewältigung ein Beispiel zu nehmen. Sowohl im Jahr 1989 als auch danach, können wir das Erinnern durch den transkulturell selektiven Einsatz der deutschen Vergangenheit im chinesischen Kontext von Tiananmen betrachten. 
 
Tsung-Yi Pan ist Spezialist im Bereich Erinnerungsforschung. Er interessiert sich besonders für das Erforschen der materiellen und räumlichen Grundlagen für die Konstruktion des offiziellen chinesischen Gedächtnisses und der nationalen Identität. Derzeit leitet er ein nationales Projekt, welches sich mit der Konstruktionen von nationalen Gedenkstätten in Hauptstädten befasst, beispielsweise das Gedenkviertel in Taipei, das Holocaust-Mahnmal in Berlin, der Rote Platz in Moskau, das Lincoln-Memorial in Washington D.C., und dem Gwanghwamun Platz in Seoul.

Am 7. Januar 1989 starb Hirohito, der Showa-Kaiser. Nach seiner Inthronisierung 1926 herrschte er zwanzig Jahre lang über Japan mit unbegrenzter Macht. Auch nach der Niederlage Japans in 1945 blieb Hirohito weitere vierundvierzig Jahre auf dem Thron, als „Symbol“ der Demokratie und des Friedens. Wahrscheinlich ist es reiner Zufall, dass Hirohito im Jahr des Berliner Mauerfalls starb. Dennoch erhalten beide Ereignisse einen besonderen symbolischen Wert, wenn man bedenkt, dass es die Weltordnung des Kalten Krieges war, die Hirohitos fortlaufende Herrschaft ermöglicht hat. Für die Gräueltaten des Krieges wurde er nie verantwortlich gemacht. Der Tod des Showa-Kaisers wurde zum Wendepunkt für die Bewältigung der düsteren Nachkriegsgeschichte, die mit Niederlage und Besetzung anbrach.  Japan begann erst zu diesem Zeitpunkt mit der Konstruktion einer neuen nationalen Identität. Diese Präsentation versucht, Licht auf die neuen Entwicklungen und Konflikte hinsichtlich der Rekonstruktion der nationalen Identität Japans zu werfen. Die Bedeutung des Showa-Gedenktags spielt hierbei eine besondere Rolle.
 
Younghae Han ist Professorin für Japanwissenschaften an der Graduate School of International Studies der Seoul National University. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Zivilgesellschaft, kollektives Gedächtnis, Diaspora, und Identität. Sie ist Autorin zahlreicher Werke, darunter Tokyo Metropolice: civil society, disparity, ethnicity (Herausgeberin und Co-Autorin, 2012), Multicultural Japan and Identity Politics (Co-Autorin, 2010), Japanese Community and Grassroot Social Movement (2004), Understanding Contemporary Japanese Society (2001).

Das Ende des Kalten Krieges bot gleich zwei gute Gelegenheit für Südkorea: die Märkte in den ehemaligen kommunistischen Raum zu erweitern und die Beziehung zu den traditionellen Feinden, Nordkorea und China, zu verbessern. Das Handelsvolumen stieg infolgedessen dramatisch an. Neue Beziehung zu Nordkorea und China wurde aufgebaut. Zeitgleich zeichneten sich starke konservative Ideen des Etatismus ab. Terror, Agitation und politische Propaganda gingen nach 1989 von konservativen Gruppierungen entfacht. Dieses Papier untersucht die Auslöser dieses Phänomens und Entwicklungen in der koreanischen Politik und Wissenschaft seit 1989.
 
Tae Gyun Park ist Professor an der Graduate School of International Studies der Seoul National University. Er ist ein ehemaliger Gaststipendiat am Harvard-Yenching Institut. Seine zuletzt erschienene Veröffentlichung trägt den Titel An Ally and Empire, US Korea Relationship between 1945 and 1980 (2013).

Das „foku“ (Volkslied als Genre des J-Pops) der japanischen Nachkriegszeit, „Kinder die keinen Krieg kennen“, wurde bei der Expo '70 in Osaka uraufgeführt. Es wurde als Anti-Kriegslied in Zusammenhang mit der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung gesungen. Dieses Lied deutet allerdings nicht nur auf die Sehnsucht der kriegsunerfahrenen Generation nach Weltfrieden, sondern auch auf den Generationskonflikt zwischen den „Kindern“ und den „Erwachsenen, die Krieg kennen“. 1995 war der wichtigste Wendepunkt für die strukturellen Veränderungen Japans: Es war das Jahr des Erdbebens von Kobe und dem Giftgasanschlag der Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn. Fünfundzwanzig Jahre nach der Expo’70 waren die inzwischen erwachsenen „Kinder, die keinen Krieg kennen“ zunehmend Teil der politischen Rechte. Sie forderten die Rehabilitation der Ehre ihrer Großväter für ihre Kriegsdienste. An diesem Beispiel wird die Bedeutung dieses drastischen Wandels in der Wahrnehmung des Krieges der jüngeren Generation untersucht.
 
Hideto Tsuboi, Dr. (1959-) ist ein japanischer Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er ist Professor am International Research Center for Japanese Studies in Kyoto. Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem Fest of Voices: Modern Japanese Poetry and War (University of Nagoya Press, 1997), Modernity of the Sensibilities: Voice, Body and Representation (University of Nagoya Press, 2006), und Sexuality Speaks: Sex/Gender and Body in the Literature in Twentieth-Century Japan (University of Nagoya Press, 2012).

Trotz der globalen Natur der sogenannten „dritten Welle“ der Demokratisierung des späten 20. Jahrhunderts ist unser Wissen über die überregionalen Verbindungen dieser Entwicklungen noch begrenzt. Obwohl an den Prozessen in den verschiedenen regionalen Kontexten bereits viel gearbeitet, und vergleichbare Arbeit zu post-autoritären Übergängen und Gedächtnissen geleistet wurde, gibt es noch keine nachhaltigen Forschungsansätze, die die „Verwicklungen“ dieser Veränderungen im globalen Kontext des späten Kalten Krieges und dessen Nachspiel untersuchen. Dieses Präsentation erforscht den Fall Osteuropas: Auf der Basis sowohl meiner eigenen Forschungsarbeit in Ungarn als auch anderen Beispielen aus der Region, werden zusätzliche Einflussbereiche untersucht: In welcher Beziehung standen die vielen Akteure -- Politiker, Wirtschaftsexperten, und Dissidenten -- zu den Umbrüchen, die auf globaler Ebene stattfanden? Inwiefern haben die Erfahrungen anderer Gebiete, die solche wesentlichen Übergänge durchlebten, das Verständnis der osteuropäischen Akteure für Veränderungen in ihren eigenen Gesellschaften geprägt? Welchen Einfluss hatten diese globalen Erfahrungen auf die osteuropäischen Transformationsprozesse?
 
James Mark ist Professor für Geschichte an der University of Exeter, Großbritannien. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören The Unfinished Revolution, Making Sense of the Communist Past in Central-Eastern Europe (Yale, 2010), Europe’s 1968, Voices of Revolt (OUP, 2013), Che in Budapest, und Global Revolution in the Eastern Bloc (in Vorbereitung).

Als Studenten den Tiananmen Platz im Mai 1989 besetzen, wurde das Ereignis von westlichen Medien als Demokratiebewegung und Zeichen für den kommenden Zusammenbruch des Kommunismus in China aufgefasst. Die KPCh (Kommunistische Partei Chinas) ist jedoch heute noch immer an der Macht. 25 Jahre nach dem sogenannten „4.-Juni-Vorfall“ vergleicht diese Arbeit die Studentenbewegung von 1989 mit den sozialen Bewegungen in 1957 und 1966. Alle drei Bewegungen brachen aus vor dem Hintergrund einer Spaltung in der zentralen Führerschaft der KPCh und einer Krise des Staatsozialismus in Osteuropa. Basierend auf Diskussionen über soziale Bewegungen werden Protestmuster in der Volksrepublik China von den 1950ern bis zu den 1980ern herausgearbeitet. Darüber hinaus wird gezeigt, warum Konflikte zwischen Staat und Gesellschaft in Gewalt mündeten. Es ist unbestritten, dass Ereignisse in Osteuropa wichtige Auswirkungen auf China hatten. Dennoch scheint der Charakter der Proteste und der kommunistischen Regierung anders zu sein. Letztlich wird erklärt, inwiefern die KPCh die 1989 Krise überstanden hat.
 
Felix Wemheuer ist Professor für Moderne China-Studien an der Universität zu Köln. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher über die Mao-Ära und die Hungersnot des Großen Sprungs nach vorn geschrieben. 2014 wurde seine Monographie „Famine Politics in Maoist China and the Soviet Union“ von Yale University Press veröffentlicht.

Als einer der drei geteilten Staaten, die aus dem Kalten Krieg geboren wurden, hat sich der Fall der Berliner Mauer auf paradoxe Art und Weise auf Taiwan ausgewirkt: Die deutsche Wiedervereinigung entfachte hitzige Diskussionen über die Entmilitarisierung der Beziehung Taiwans zur Volksrepublik China; dennoch bezeugt das darauffolgende Jahrzehnt eine wachsende Separatismus-Strömung: Die Unabhängigkeit Taiwans war als Lösung für das Problem der „geteilten Staatlichkeit“ vorgesehen. Darüber hinaus hatte der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch des Ostblocks die Demoralisierung der politischen Linken zur Folge. In Taiwan fand sich ein Teil der politischen Linke sogar mit dem Schicksal der Perspektive einer Wiedervereinigung mit China ab. Dies stellte eine politisch unbeliebte Entscheidung dar, die zur Delegitimierung linker Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeittführte. Diese Arbeit verwendet öffentliche Akten, Nachrichtenarchive, und linkspolitische Publikationen, um die widersprüchlichen Unterströmungen zwischen taiwanesischem Nationalismus und Klassenpolitik zu entwirren.
 
Hwa-Jen Liu ist Professorin für Soziologie an der Nationaluniversität Taiwan. Sie promovierte an der University of California, Berkeley und hat im Anschluss ein Forschungsstipendium am Fairbank Center der Harvard University absolviert. Ihre Forschungsinteressen umfassen soziale Bewegungen, Spätindustrialisierung, vergleichende Geschichtswissenschaft und Sozialtheorien.

Das Jahr 1989 bedeutete für die Nachkriegszeit eine wesentliche Abwendung vom System des Kalten Krieges: Befreit vom Joch der manichäischen Politik des Kalten Krieges, warf das post-1989 Zeitalter neues Licht auf die Realitätswahrnehmungen der Vergangenheit durch eine transnationale, transregionale, und transkontinentale Zukunftsvision. Dies erklärt auch warum der Historikerstreit in der post-1989 globalen Politik pilzartig aufschoss. Massendiktatur zählt zu den Historikerstreiten, die von der post-1989er Geschichts-Wahrnehmung provoziert wurden. Frei vom manichäischen Verständnis von Diktatur, Kolonialismus, Genozid und Kollektivschuld, drängte Massendiktatur auf eine ikonoklastische Geschichtsvorstellung des 20. Jahrhunderts und löste damit 1999 einen scharfen Historikerstreit in Südkorea aus. Als Initiator der Massendiktaturkontroverse strebe ich eine Egogeschichte bzw. globale Geschichte der Geschichtsschreibung an, indem ich Massendiktaturen im Kontext der richtungsweisenden Veränderungen in intellektuellen Kreisen seit 1989 untersuche. Die Spuren der Massendiktaturdebatte in Südkorea und ihr transnationalerNachhallillustrieren die verworrene Geschichte des Jahres 1989, und zwar sowohl im Hinblick auf die Dimensionen historischer Vorstellungskraft als auch in Bezug auf die globale Geschichte des intellektuellen historischen Diskurses.
 
Jie-Hyun Lim ist Professor für Geschichte an der Hanyang University, Südkorea. Er leitet das Research Institute of Comparative History and Culture (RICH) der Hanyang University. Zu seinen Veröffentlichungen gehören Imperial Arrogance and Colonial Prejudice Dialog mit Sakai Naoki (2009) und Antagonistic Complicity (2005). Er ist ein Herausgeber von Mass Dictatorship in the Twentieth Century series (Palgrave).

Audiomitschnitte

Matthias Middell (Universität Leipzig): „1989 as a global moment?“
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Tsung-Yi Pan (National Dong Hwa University, Taiwan): „Recalling the Native and Alien “Ghosts” around Tiananmen in 1989: A Transnational Perspective of Memory Making“
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Hideto Tsuboi (International Research Center for Japanese Studies, Japan): „1995 as Turning Point: Debates over Historical Perceptions in Post Cold-War Japan“
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Hwa-Jen Liu (National Taiwan University, Taiwan): „As the Wall Fell, Are We Still Separated by the Sea? Taiwanese Identity and Class Politics in the Post-1989 Era“
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Jie-Hyun Lim (Hanyang University, Südkorea): „Mass Dictatorship in Post-1989 Historical Imagination“
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