Jugendwort des Jahres
I bims. Teilzeittarzan, Merkules! Ja, wirklich!

I bims. Teilzeittarzan, Merkules! Ja, wirklich!
© Valentin Fanel Badiu

„Hallo, Ich bin’s!“ Haben auch Sie diese Phrase fleißig in der Schule gelernt? Dann vergessen Sie sie gleich wieder! Wenn Sie jemandem sagen möchten, dass Sie es sind, versuchen Sie es mit „I bims“. Genau dieser Ausdruck hat nämlich im Jahr 2017 in Deutschland die prestigeträchtige Wahl zum Jugendwort des Jahres gewonnen. Warum? Weil er gerade wirklich überall zu hören ist. Zumindest nach dem Urteil der Jury, die sich aus Youtubern, Bloggern und Sprachwissenschaftlern zusammensetzt, und einen eindeutigen Sieger gekürt hat.
 

Deren Arbeit war dabei gar nicht so einfach. Für den ersten Platz standen 30 Wortneuschöpfungen zur Wahl, die in einer Online-Umfrage benannt wurden (beinahe eine Million Menschen haben abgestimmt!). Darunter waren Favoriten wie „geht fit“, „napflixen“ oder „looten“. Unter den ersten Zehn wimmelte es nur so von Anglizismen. Wissen Sie zum Beispiel, was ein „selfiecide“ ist? Eine Verbindung von „selfie“ und „suicide“ – also ein unangenehmer Tod, in den Sie sich stürzen können, wenn Sie nicht vorsichtig genug beim Fotografieren sind. Oder „noicemail“? Eine aufgeregte Nachricht, die Ihnen jemand schickt. So etwas wie ein Heuler bei Harry Potter. Und wissen Sie, wer bereits „tinderjährig“ ist? Richtig – derjenige, der alt genug ist, um die Dating-App Tinder zu nutzen.

Anglizismen sind etwas für die Generation, die viel Zeit im Internet und mit dem Smartphone verbringt. Die diesjährige Wahl hat aber erneut gezeigt, wie gut die Jugend es versteht, mit ihrer eigenen Sprache zu spielen. Das Deutsche, bei dem es reicht zwei Wörter zusammenzufügen, um ein neues Wort zu kreieren, bietet sich dafür geradezu an. Wenn Sie manchmal ein wenig gekünstelt wirken, kann es Ihnen passieren, dass die anderen Sie „Teilzeittarzan“ nennen. Und wenn Sie der Freund oder die Freundin verlässt, sind Sie „unlügbar schatzlos“.
 

Ich bims. © Langenscheidt
Vielfältige Möglichkeiten eröffnet aber nicht nur die Zusammensetzung von Wörtern. Manchmal reicht es, alten Begriffen eine neue Bedeutung zu geben. „Fermentieren“ benutzt man neuerdings nicht nur für das Konservieren von Obst und Gemüse, sondern auch fürs gemütliche Faulenzen. Und auch in Deutschland können Sie heute irgendwo oder bei irgendjemandem „gären“ oder „ausgären“. Passen Sie nur auf, dass Sie sich nicht zu weit von den Orten entfernen, wo Sie sich normalerweise aufhalten. Denn dann würden Sie dort kurzerhand „fernschimmeln“.

Die Wahl zum Jugendwort des Jahres wurde 2017 bereits zum zehnten Mal vom Langenscheidt-Verlag, der durch seine auffällig gelben Wörterbücher bekannt ist, veranstaltet. Ebenso wie in den vergangenen Jahrgängen hat sich gezeigt, dass das Jurygremium gern andere Wörter auswählt, als sie der Öffentlichkeit gefallen. Der beliebteste Ausdruck „geht fit“ ist im 2017 auch deshalb nicht auf den ersten Platz gekommen, weil er angeblich nicht überall gebräuchlich ist. David Berger, Jurymitglied und Jurastudent, sagt, dass dieser vor allem im Ruhrgebiet verbreitet sei, ihn aber beispielsweise in Berlin niemand kenne. „Die Jugendsprache ist oftmals sehr stark regional determiniert, ein bisschen wie ein Dialekt“, sagte Berger der Tageszeitung Münchner Merkur. Der Sieger „I bims“ taucht laut der Jury im Gegensatz dazu momentan oft und überall auf, geschrieben und gesprochen.

Die Jury war auch 2016 der öffentlichen Umfrage nicht gefolgt, als ihr „isso“ nicht gut genug war und sie „fly sein“ den Vorrang gab, ein Ausdruck für das Glück Heranwachsender. Vielleicht wollte sie auch ein wenig positiver sein als ein Jahr zuvor, als das Wort „smombie“ gewonnen hatte, das diejenigen bezeichnet, die durch ihr permanentes Starren auf das Smartphone ohne Interesse an ihrer Umgebung wie lebendige Tote wandeln.

Aber seien wir nicht zu streng mit der Jury, manchmal bekommt sie es auch mit anderen Problemen zu tun. Die Jugend nimmt kein Blatt vor den Mund und schafft manchmal Neuschöpfungen, die mindestens an der Grenze sind. Im Jahr 2009 war dies bei dem Wort „hartzen“ so, abgeleitet von der Sozialhilfe für Langzeitarbeitslose Hartz IV. Es bedeutet nicht harzen, sondern faulenzen und auf Staatskosten zu leben. Auch hat der erste durch Langenscheidt ausgezeichnete Begriff „Gammelfleischparty“ nicht jedem gefallen – er bezeichnet Partys für Menschen über 30. Die Verbindung „Alpha-Kevin“ für den größten Trottel aller Zeiten ist gar nicht erst durchgekommen. Sie wurde vor zwei Jahren sogar als diskriminierend aus dem Wettbewerb ausgeschlossen – auch wenn sie zu den populärsten gehörte.       

Ein Beweis, dass die Jugendlichen in Wirklichkeit keine „smombies“ sind und die Welt um sich herum wahrnehmen, sind neue Wörter, die auf die aktuelle politische Lage reagieren. 2015 war unter den Kandidaten das sehr populäre Wort „merkeln“. Im 2017 aber war die deutsche Kanzlerin unmerklich besser weggekommen. Unter die ersten Zehn hat sich die Bezeichnung „Merkules“ gekämpft, eine Verbindung des Namens mit dem berühmten Helden, der scheinbar unlösbare Aufgaben erfüllen musste.

Der Wettbewerb um das Jugendwort des Jahres ist in Deutschland auffallend beliebt. Gewöhnlich berichten große Tages- und Wochenzeitungen darüber, auch Radio- und Fernsehsender nehmen den Wettbewerb wahr. Der ganze Trubel darum kommt aber selbstverständlich nicht ohne Kritik aus. Langenscheidt wird vorgeworfen, dass es in erster Linie um eine Marketingaktion geht und oft zeigt sich dies auch bei der Jury. Diese nimmt eher eine beliebige Auswahl vor, als dass sie Wörter auswählen würde, die die Jugend oft und auf Dauer verwendet.

Damit sollte es im 2017 kein Problem geben. „Juhu, endlich ein Jugendwort, das ich kenne!“, twitterte einer der Nutzer unter dem Hashtag #jugendwort2017. Gegen „I bims“ tauchen aber andere Vorbehalte auf. „Sind das nicht eigentlich zwei Wörter?“, fragen viele Leute nicht nur auf Twitter. Macht das etwas? Schwer zu sagen, es kommt wohl darauf an, für wen. Kurz gesagt ist niemand perfekt, nicht einmal das Jugendwort.

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