Internationale Jugendbegegnungen „Es passiert immer wieder Unvorhergesehenes“

Binationales Radioprojekt mit deutschen und indischen Jugendlichen in Possenhofen
Binationales Radioprojekt mit deutschen und indischen Jugendlichen in Possenhofen | Foto (Ausschnitt): © Tobias Trutz

Für junge Menschen sind internationale Jugendbegegnungen unvergessliche Erlebnisse. Sie zu organisieren, erfordert hohen Einsatz. Was müssen Organisatorinnen und Organisatoren beachten? Ein Interview mit Clara Schaksmeier, Projektkoordinatorin Jugendaustausch des Goethe-Instituts.

Frau Schaksmeier, welche Jugendbegegnungen koordinieren Sie?
 
Ich organisiere außerschulische Jugendbegegnungen, die zu einem bestimmten Thema stattfinden. Innerhalb der Gruppen kennen sich die Teilnehmenden nicht. 2016 habe ich unter anderem einen Austausch zwischen deutschen und vietnamesischen Jugendlichen zum Thema „Umwelt und Nachhaltigkeit“ organisiert und ein Radioprojekt mit medienaffinen indischen und deutschen Jugendlichen.
 
Wer schlägt die Themen vor?
 
Das ist unterschiedlich: die Jugendlichen selbst, eine Lehrkraft oder die organisierende Person. Es ist wichtig, Querschnittthemen zu finden, die Jugendliche aus dem Ausland und aus Deutschland interessieren, wie etwa Umwelt oder Theater.

Können Sie am Beispiel des Radioprojekts erläutern, wie eine solche Jugendbegegnung konkret abläuft?
 
Clara Schaksmeier Foto (Ausschnitt): © Privat Nachdem wir das Ziel, die Zielgruppe und das Thema der Jugendbegegnung mit dem Goethe-Institut Neu Delhi abgestimmt hatten, haben wir interessierte Jugendliche aus Deutschland und Indien gebeten, sich mit einem Motivationsschreiben zu bewerben. So wollten wir sicherstellen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur an der anderen Kultur, sondern auch am Medium Radio interessiert sind. Wir haben insgesamt 22 deutsche und indische Jugendliche für eine Woche an den Starnberger See in Bayern eingeladen. Während wir den Seminarplan konkretisierten, haben wir parallel die Visa der indischen Jugendlichen beantragt, die Anreise der Teilnehmenden geplant und die Flüge, Züge und Zimmer gebucht. Am ersten Abend lernten sich die Teilnehmenden kennen und sprachen auch über interkulturelle Aspekte, etwa die unterschiedliche Interpretation bestimmter Gesten und Verhaltensweisen. In den folgenden Tagen führte ein Referent theoretisch in die Grundlagen der Produktion von Radiobeiträgen ein. Danach erarbeiteten die Jugendlichen eigene Themen, interviewten Passanten und schnitten ihre Beiträge. Nach ihrer Abreise haben wir Rechnungen beglichen, Berichte geschrieben, Evaluationen ausgewertet und das Seminar inhaltlich nachbereitet.
 
Wie haben Sie diese Begegnung vorbereitet, was waren Ihre Aufgaben als Projektkoordinatorin?
 
Neben der inhaltlichen Planung war ich an der Auswahl des Referenten beteiligt: Neben der Fachkompetenz ist es wichtig, dass er – oder sie – in der Lage ist, auf das Sprachniveau der ausländischen Jugendlichen einzugehen. Außerdem war ich für Auswahl und Koordination der Betreuerinnen und Betreuer zuständig. Sie sind die Schlüsselakteure in einer Jugendbegegnung und es ist sehr wichtig, dass man sich als Koordinator auf sie verlassen kann. Alle Betreuerteams in den Projekten waren super. Vor und während der Begegnung war ich Ansprechpartnerin für ihre Fragen und Anliegen. Ein großer Teil der Vorbereitung bestand außerdem darin, die Unterkünfte, die An- und Abreise, Verpflegung und anderes zu planen und zu buchen.
 

  • Sechs deutsche und 16 indische Jugendliche begegnen sich in der Jugendherberge Possenhofen am Starnberger See bei einem Radioworkshop. Foto (Ausschnitt): © Tobias Trutz
    Sechs deutsche und 16 indische Jugendliche begegnen sich in der Jugendherberge Possenhofen am Starnberger See bei einem Radioworkshop.
  • Sich kennenlernen und austauschen beim Radioprojekt, das von der Zentrale des Goethe-Instituts in Kooperation mit dem Max-Mueller-Bhavan in Delhi durchgeführt wurde. Foto (Ausschnitt): © Tobias Trutz
    Sich kennenlernen und austauschen beim Radioprojekt, das von der Zentrale des Goethe-Instituts in Kooperation mit dem Max-Mueller-Bhavan in Delhi durchgeführt wurde.
  • Gespräche und Diskussionen zwischen beiden Nationalitäten Foto (Ausschnitt): © Tobias Trutz
    Gespräche und Diskussionen zwischen beiden Nationalitäten
  • Die Aufgabe für Andreas Meske, den Leiter des Workshops, ist nicht ohne, ... Foto (Ausschnitt): © Tobias Trutz
    Die Aufgabe für Andreas Meske, den Leiter des Workshops, ist nicht ohne, ...
  • ... doch das Projekt stößt schnell auf Begeisterung bei den Teilnehmenden. Foto (Ausschnitt): © Tobias Trutz
    ... doch das Projekt stößt schnell auf Begeisterung bei den Teilnehmenden.
  • In kleinen binationalen Reporterteams erstellen die Jugendlichen eigene Beiträge. Foto (Ausschnitt): © Tobias Trutz
    In kleinen binationalen Reporterteams erstellen die Jugendlichen eigene Beiträge.
  • Offensichtlich gelingt dem Projekt, was man sich von interkulturellen Begegnungen erhofft: Völkerverständigung über Kontinente und Kulturen hinweg Foto (Ausschnitt): © Tobias Trutz
    Offensichtlich gelingt dem Projekt, was man sich von interkulturellen Begegnungen erhofft: Völkerverständigung über Kontinente und Kulturen hinweg

Worauf sollten Lehrkräfte achten, die eine Jugendbegegnung organisieren möchten?
 
Vor allem der Faktor Zeit darf nicht unterschätzt werden. Die Lehrkräfte sollten rechtzeitig mit der Organisation beginnen. Es ist ein langer Prozess – von der Ideenfindung über die Auswahl der Partner, die Finanzierung, die Reiseorganisation bis hin zur eigentlichen Begegnung und der anschließenden Nachbereitung. Außerdem sollten sie mit den Partnern im Ausland in sehr engem Kontakt stehen: Das gemeinsame Engagement ist für mich die Basis für einen gelungenen Jugendaustausch.
 
Vor welchen Herausforderungen stehen Organisatorinnen und Organisatoren während der Begegnung selbst?
 
Es passiert immer wieder Unvorhergesehenes: Die Koffer kommen nicht an, jemand wird krank oder eine Referentin sagt kurzfristig ab. Die organisierende Person muss also gut im Krisenmanagement sein. Außerdem kann es vorkommen, dass es während der Begegnung notwendig wird, einzelne interkulturelle Aspekte zu besprechen. Es ist zwar Teil der Vorbereitung, die Jugendlichen für die andere Kultur zu sensibilisieren. Dennoch sollten die Organisatorinnen und Organisatoren auch auf kulturelle Missverständnisse vor Ort zeitnah und ausführlich reagieren.

Ein zentraler Aspekt ist die Finanzierung. Welche Möglichkeiten gibt es?

Es existieren spezielle Förderungsmaßnahmen für Austauschprogramme mit Frankreich, Polen, Tschechien, Israel und der Russischen Föderation. Für die finanzielle Unterstützung von schulischen und außerschulischen Begegnungen mit Teilnehmenden aus diesen Ländern können die entsprechenden internationalen Jugendwerke oder Koordinierungsstellen kontaktiert werden. 

Abgesehen von diesen speziellen Förderprogrammen muss man allerdings unterscheiden, ob die Begegnung schulisch oder außerschulisch stattfinden soll. Für außerschulische Austauschprogramme können sich Interessierte auch an das für die internationale Jugendarbeit zuständige Ministerium des jeweiligen Bundeslandes wenden, vorausgesetzt die Ziele der Jugendbegegnung sind für das entsprechende Bundesland relevant. Die Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland (IJAB) führt zudem Projekte zu jugendpolitischen Themen mit internationalen Partnern durch und vernetzt hierfür Akteure im In- und Ausland. Sie gibt auch Tipps für die Förderung von Jugendbegegnungen. Deutsche Lehrkräfte können wegen der finanziellen Unterstützung eines internationalen Austauschs von Schulklassen den Pädagogischen Austauschdienst (PAD) anfragen. 
        
Welche Finanzierungsmöglichkeiten haben ausländische Lehrkräfte?
 
Für ausländische Lehrkräfte, die eine Begegnung mit deutschen Jugendlichen organisieren wollen, gibt es ebenfalls Fördermöglichkeiten des Pädagogischen Austauschdienstes (PAD). Den Antrag muss jedoch die deutsche Partnerschule stellen. Der Dachverband AJA - Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen kann weitere umfassende Informationen rund um den Jugendaustausch geben und auf Ansprechpartner vor Ort verweisen. Natürlich können sich Lehrkräfte auch in Eigeninitiative an Unternehmen wenden oder Gelder für eine Jugendbegegnung sammeln, etwa durch Fundraising oder indem sie einen Spendenmarathon oder eine Tombola veranstalten. Egal wie man letztendlich eine Jugendbegegnung finanziert – zu sehen, dass durch sie internationale Freundschaften entstehen und sich neue Perspektiven eröffnen, ist jeden Aufwand wert.

Clara Schaksmeier (Jahrgang 1989) ist seit September 2016 für den Jugendaustausch in der Zentrale des Goethe-Instituts tätig. Sie hat Englisch und Wirtschaftswissenschaften auf Lehramt studiert und war mit dem Programm SCHULWÄRTS! drei Monate als Praktikantin in Vietnam.

Auf Seiten der Zentrale des Goethe-Instituts sind Sebastian Vötter, Jennifer Waag und Clara Schaksmeier für die Durchführung des Projektes verantwortlich. Am Goethe-Institut New Delhi hat Olav Schröer das Projekt koordiniert.