Wer lernt Deutsch? Deutsch in Zeiten der Globalisierung Zwischen Rückgang, Anstieg und Neuorientierung

Wer lernt Deutsch? Deutsch in Zeiten der Globalisierung
Wer lernt Deutsch? Deutsch in Zeiten der Globalisierung | Illustration: Melih Bilgil

Der politische, soziale und ökonomische Wandel, ausgelöst durch Globalisierungsprozesse, hat nachhaltigen Einfluss auf die Gründe, Ziele und Interessen Fremdsprachen zu lernen. Wer lernt heute Deutsch? Und warum?

Abstract

Große soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umbrüche beeinflussen auch das Deutschlernen weltweit. Traditionelle Lernergruppen werden kleiner oder verschwinden, neue Gruppen mit neuen Bedürfnissen, Interessen und Zielen entstehen. Die Vermittlung des Deutschen als Fremdsprache (DaF) oder Deutsch als Zweitsprache (DaZ) steht dem entsprechend vor großen Herausforderungen. Entscheidend für den Erfolg wird sein, flexible und passfähige Angebote für sehr unterschiedliche Lernergruppen und Individuen zu entwickeln.

Die Klage ist bekannt: Die deutsche Sprache verliert Lerner und in manchen Domänen auch an Bedeutung. Englisch dominiert als „Lingua franca“ und als Sprache der Wissenschaft.

Ein Blick auf die Lernerzahlen bestätigt dies. In einer der ersten systematischen Erhebungen zum Deutschlernen durch die Ständige Arbeitsgruppe Deutsch als Fremdsprache (heute „Netzwerk Deutsch“) wurden im Jahr 2000 noch 20,1 Millionen Deutschlernende gezählt. Zehn Jahre später waren es nur noch 14 Millionen, ein Großteil davon (zwölf Millionen) an Schulen.

Vielerorts ist aber auch der Grad der Sprachbeherrschung gesunken. Die Gründe dafür liegen im politischen und wirtschaftlichen Wandel, in der Sprachen- und Schulpolitik vieler Länder, aber auch Migration und demographische Faktoren spielen eine große Rolle.

Politischer Wandel: Einige Beispiele

Für den Zusammenhang zwischen den genannten Entwicklungen und dem Interesse (oder Desinteresse) an Deutsch als Fremdsprache lassen sich zahlreiche Beispiele finden. Nur einige können hier genannt werden. So erlebte DaF in Ost- und Mittelosteuropa nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ 1989 einen enormen Aufschwung. Die Möglichkeit, aufgrund der Sprachkenntnisse eine Karriere in der Wirtschaft des eigenen Landes zu starten sowie ein intensiver wissenschaftlicher Austausch machten Deutsch attraktiv. Deutsche Mittlerorganisationen und Stiftungen förderten Lehrkräfte; in vielen Schulen wurde Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache sehr erfolgreich unterrichtet. Doch dann führten sinkende Geburtenraten, die Reduktion der Sprachenvielfalt in den Schulcurricula sowie veränderte Migrationsprozesse zu einem Rückgang.

In Mittelasien und im Kaukasus verschob sich im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion mit der Restitution der Nationalsprachen auch das Fremdsprachengefüge. Kasachisch oder Usbekisch lösten beispielsweise Russisch als Amts-, Schul- oder Bildungssprachen ab, welches in diesen vielsprachigen Gesellschaften nunmehr als Mittlersprache fungierte. Englisch gewann als Wissenschaftssprache und „Lingua franca“ in der Kommunikation mit wirtschaftlichen und politischen Partnern rasch an Bedeutung und rückte in Schule, Hochschule und Gesellschaft zum Teil an die Stelle von Deutsch.

In Ostasien steigerte der wirtschaftliche und politische Umbruch in Ländern wie China, Vietnam, Malaysia, Singapur, Thailand, Indonesien oder den Philippinen seit den 1990er Jahren auch das Interesse an DaF. Deutschland ist hier Partner in Wirtschaft und Handel, vor allem aber auch bei der Wissenschaftsentwicklung.

Andere Gründe finden sich in Ländern Lateinamerikas: Die politische und wirtschaftliche Emanzipation von den USA führte hier vielerorts zu einer Öffnung nach Europa. Mit dem Bildungsprogramm „Ciência sem fronteiras“ („Wissenschaft ohne Grenzen“) kamen beispielsweise in wenigen Jahren allein aus Brasilien mehrere Tausend Studierende nach Deutschland, die nun auch Deutsch lernen.

Schließlich werden Anlässe und Ziele Deutsch zu lernen auch durch Förderprogramme der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik in Gang gesetzt. 2011 startete das Goethe-Institut in Indien das Projekt „Deutsch an 1.000 Schulen“. Drei Jahre später lernen bereits 60.000 Schüler an 500 Schulen Deutsch. Schon 2008 wurde vom Auswärtigen Amt die Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH), gestartet. Sie vernetzt ca. 1.700 Schulen mit Deutschland. Absolventen können über Stipendien einen nahtlosen Übergang zum Studium in Deutschland finden, Ortslehrkräfte werden ausgebildet, Lehrkräfte werden entsandt und Lehrmaterialien entwickelt.

DEUTSCH IM INLAND – MIGRATION

Deutschland ist seit den 1960er Jahren ein Einwanderungsland. Inzwischen hat jeder Fünfte Migrationserfahrungen; bei den unter Zehnjährigen ist es jeder Dritte. Die politische, rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung dieser Entwicklung kam spät und ist noch nicht abgeschlossen. Deutschkenntnisse von Einwanderern und ausländischen Mitbürgern werden seit etwa zehn Jahren systematisch und mit beachtlichen Ressourcen gefördert. Kurse in Deutsch als Zweitsprache werden von der sprachlichen Früherziehung bis zur Einbürgerung angeboten und sind weitgehend selbstverständlich geworden. Die Anfang 2005 eingeführten Integrationskurse sind stark nachgefragt. Seit 2005 wurden laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 75.953 Integrationskurse begonnen, allein 2013 waren es 8.851 Kurse (vgl. BAMF: Schlüsselzahlen Integrationskurse). Parallel dazu wird allerdings kurzschlüssig Integration mit Kompetenz in der deutschen Sprache gleichgesetzt. Prozessen gesellschaftlicher Teilhabe und Chancenverwirklichung wird hingegen wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Menschen, die mit der deutschen Sprache im Kontext von Migration in Berührung kommen, haben sehr unterschiedliche Hintergründe und Motive. Infolge der Finanzkrise lässt sich eine wachsende binneneuropäische Migration meist junger Fachkräfte beobachten, die zu hoher Nachfrage nach Deutschkursen in den Herkunftsländern und in Deutschland führen. Zugleich steigt die Zahl von Flüchtlingen, die aufgrund von politisch-religiöser Verfolgung und Krieg nach Deutschland kommen (vgl. BAMF: Das Bundesamt in Zahlen 2013). Darunter sind auch unbegleitet einreisende Kinder und Jugendliche, die oft ohne Deutschkenntnisse an die Schulen kommen. Von Familienangehörigen, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland zuziehen wollen, werden wenigstens elementare Sprachkenntnisse verlangt.

DEUTSCH FÜR WISSENSCHAFT UND STUDIUM

2014 studierten erstmals mehr als 300.000 ausländische Studierende an Hochschulen in Deutschland. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung von 2013 sind rund 350.000 ausländische Studierende als Ziel formuliert. Dazuhin wächst die Mobilität unter europäischen Studentinnen und Studenten; Deutschland gehört zu den wichtigsten Studienländern. Durch das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport „ERASMUS+“ wird sich in den nächsten Jahren auch die Zahl der Deutschlernenden noch erhöhen.

Studiengänge – und mit ihnen die deutsche Sprache – werden jedoch auch „exportiert“. Unter dem Sammelbegriff „Transnationale Bildung“ lassen sich vielfältige Projekte fassen, bei denen Lehre und Forschung gemeinsam mit Partnerhochschulen in anderen Ländern etabliert werden: German-Jordanian University (Amman), German University Cairo, Deutsch-Kasachische Universität (Almaty), Chinesisch-Deutsche Hochschule (Shanghai), wären als Projekte zu nennen. Solche Universitätsgründungen nutzen zwar meist Englisch als Studiersprache, bringen jedoch einen Zuwachs an Deutsch in Regionen, in der es zuvor kaum eine Bedeutung hatte. Eine Sonderrolle nimmt die 2010 gegründete und derzeit im Aufbau begriffene Türkisch-Deutsche Universität (Istanbul) ein, an der die Unterrichtssprache ganz überwiegend Deutsch sein soll. Deutsch wird für ganz unterschiedliche Zwecke in unterschiedlichem Umfang benötigt: Studium, Wissenschaft, Praktika, Beruf. Während anderswo die Lehrerausbildung zurückgeht, wird sie im Umfeld solcher Projekte neu aufgebaut (Amman und Kairo). So können Strukturen für das Deutschlernen nachhaltig etabliert werden.

FAZIT

Nach wie vor ist die Schule der Ort mit den meisten Deutschlernenden. Beeinflusst wird ihre Zahl durch politische Entscheidungen etwa über die Rangfolge von Fremdsprachen oder die Zahl der schulisch angebotenen Fremdsprachen überhaupt. Wo Deutsch als zweite oder dritte Fremdsprache angeboten wird, bleiben Lernerzahlen hoch, werden Lehrkräfte an Hochschulen ausgebildet, existieren an den Hochschulen germanistische Fachbereiche.

Auf dem Feld der Erwachsenenbildung und der außerschulischen Deutschvermittlung hat sich in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten enorm viel verändert: Hier entstand – und entsteht immer noch – eine stark diversifizierte Nachfrage nach Deutsch durch neue Gruppen mit neuen Bedürfnissen, Interessen und Zielen.

Um die damit verbundenen Chancen zu nutzen, müssen tradierte Konzepte und Sprachangebote auf den Prüfstand gestellt und neue Konzepte entwickelt werden, die passfähig für sehr unterschiedliche Lernergruppen und Individuen mit ihren spezifischen Interessen und Zielen sind. Ohnehin entstehen neue Lernorte: Schulen in Ländern, die bislang keinen Deutschunterricht kannten, Sprachlernzentren außerhalb der Metropolen, neue Hochschulen meist in Schwellenländern, aber auch virtuelle Lernorte im Internet.

Der generelle Trend von DaF und DaZ geht dabei hin zu funktionalen Lernangeboten und Lehrmethoden mit dem praktischen Ziel, in einer globalisierten Welt auf Deutsch kommunizieren zu können.
 

Literatur

Deutscher Akademischer Austauschdienst und Hochschulrektorenkonferenz (Hg.): Entwicklung von Sprachenkonzepten. Ein Praxisleitfaden für deutsche Hochschulprojekte im Ausland. Bonn 2014.

Fandrych, Christian; Hufeisen, Britta: Die Situation von Deutsch außerhalb des deutschsprachigen Raums. In: Krumm, Hans-Jürgen; Fandrych, Christian; Hufeisen, Britta; Riemer, Claudia (Hrsg.): Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Ein internationales Handbuch, Bd. 1, Berlin/New York: de Gruyter 2010, 34-43.

Netzwerk Deutsch: Statistische Erhebungen 2010. Die deutsche Sprache in der Welt. Berlin/Bonn/Köln/München 2010.

Plutzar, Verena: Zuwanderung und Sprachenpolitik der deutschsprachigen Ländern. In: Krumm, Hans-Jürgen / Fandrych, Christian / Hufeisen, Britta / Riemer, Claudia (Hrsg.): Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Ein internationales Handbuch, Bd. 1, Berlin/New York: de Gruyter 2010, 107-123.