Anne Winkler, Bischkek

​Anne Winkler, Bischkek

Kirgisistan ist das Land der in Jurten lebenden Nomaden, grasenden Pferdeherden auf sanften Hügeln, der schneebedeckten Siebentausender am Horizont und der glitzernden Bergseen - das Klischee ist der Sprungturm, von der aus wir uns ins Abenteuer einer Reise stürzen. Er ist kein Hindernis, um zur Wahrheit vorzudringen, sondern die Brücke dorthin. So waren diese Bilder im Kopf zum Beginn meiner Zeit hier wichtig, um eingetauscht zu werden gegen die weitaus vielschichtigere Realität: Kirgisistan ist dieses oben beschriebene Land - und noch so viel mehr.

Mein Name ist Anne Winkler und in den letzten Jahren habe ich Germanistik und Philosophie im idyllischen Tübingen studiert. Durch ein Praktikum am Goethe-Institut in Moskau bin ich das erste Mal mit dem Sprachassistentenprogramm in Berührung gekommen – und habe mich dazu entschlossen, mich nach meinem Studium dafür zu bewerben. Über Kirgisistan wusste ich bei meiner Bewerbung für die Sprachassistenz allerdings noch nicht allzu viel - was in Verbindung mit den wenigen damit assoziierten Bildern im Kopf der Grund war, hierherzukommen: Es war für mich ein weißer Fleck Erde, der Farbe bekommen sollte.

Und bunt ist der Fleck geworden: Denke ich an Kirgisistan, so denke ich an weiße Bergspitzen, auf die man von Zeit zu Zeit durch den Dunst der Hauptstadt, zwischen den Wohnblockbauten hindurch, einen Blick erhaschen kann. Ich denke an Sowjetbauten, Leninstatuen und Dschingis Aitmatov, an das verschlungene Sprachgewirr aus Russisch und Kirgisisch, an bis zum Rand gefüllte Maschrutkas, schicke Filzhüte und brummende Basare.

Die Sprachassistenz ermöglicht es mir, dieses faszinierende Land, dessen Menschen und Kultur kennenzulernen. Und gleichzeitig bin ich hier, um mehr Farbe in das Bild zu pinseln, das Menschen hier von Deutschland haben: Ein neuer Farbton kommt im Deutschunterricht am SLZ hinzu, wenn ich erwähne, dass der Konjunktiv in der gesprochenen Sprache selten auftaucht, oder wenn ich vom Kiezdeutschen erzähle. Ein neuer Querstrich kommt bei Gesprächskreisen hinzu, wenn ich mithilfe von Liedern auf PEGIDA zu sprechen komme oder auf Diskurspartikel aufmerksam mache. Und ein paar Wellenlinien tauchen auf beim Filmklub, wenn wir Berlin als Stadt des Techno kennenlernen oder Margarete Steiff als Gründerin der Fabrik für Teddybären. Ein paar Tupfer erscheinen bei Projekten: Wenn wir gemeinsam einen Laternenumzug veranstalten oder Adventskalender basteln. Das Bild wird bunter, bewegt sich näher heran an das, was dort Alltag ist.

Und das ist es, was mich dazu bewegt hat, nun hier im SLZ zu sein als Sprachassistentin: Es ist spannend zu unterrichten, sich jedes Mal aufs Neue zu überlegen, wie man Themen möglichst verständlich, möglichst interessant und ansprechend vermittelt. Und es ist ebenso spannend, Filme und Literatur zu Hilfe zu nehmen, um in kleineren oder größeren Projekten zu zeigen, was einer Sprache, einer Kultur, einer Region eigen ist. Es ist wunderbar, etwas Neues zu lernen über eine unbekannte Welt, sich dieser anzunähern und all ihre Aspekte zu sehen – für die Deutschinteressierten als auch für mich. Und ich freue mich sehr darauf, die nächsten Momente damit zu verbringen, gemeinsam mit interessierten Menschen an einem Bild weiterzupinseln.