Lucas Netter, Kostanai
in Kasachstan und Kirgistan

Lucas Netter, Kostanai

Weiße Flecken wollen erkundet werden

Die längste Zeit meines Lebens war Zentralasien nur ein weißer Fleck auf meiner inneren Landkarte. Ich wusste zwar, dass „irgendwo hinter Russland“ noch diese fremd und exotisch  anmutenden „Stans“ existieren und konnte auch die eine oder andere Hauptstadt benennen; über die Geschichte und Kultur Kasachstans, Usbekistans, Turkmenistans, Tadschikistans und Kirgisistans war mir jedoch wenig bis gar nichts bekannt.

Erst im Rahmen meines Studiums der Politikwissenschaften an der Universität Trier und später an der Freien Universität Berlin beschäftigte ich eingehender mit den Gesellschaften des postsowjetischen Raums – und entdeckte eine rätselhafte Faszination für die ehemaligen Unionsrepubliken zwischen dem Kaspischen Meer und China. Ich fragte mich, wie die Menschen dort wohl leben, was sie arbeiten, wie ihr Alltag aussieht, was sie denken und fühlen und was sie von der Zukunft erwarten.

Der Reiz des Unbekannten zog mich schon immer fort – und meistens in „den Osten“, ins Baltikum, nach Belarus, Moldawien und Russland sowie in die Ukraine. Zentralasien blieb mir allerdings immer verborgen und ich konnte nur von den romantisierten und klischeebelasteten Vorstellungen in meinem Kopf zehren. Einen indirekten Zugang zu der Region fand ich lediglich über Freunde und Bekannte, die als Spätaussiedler einen Teil ihres Lebens zumeist in Kasachstan verbracht haben und mir aus ihren Erinnerungen über das Leben vor Ort berichten konnten. Je mehr ich über diese ferne Weltgegend erfuhr, desto mehr wollte ich mir selbst ein Bild machen und beschloss daher, „Nägel mit Köpfen zu machen“ und meinen Lebensmittelpunkt temporär in die Weite des eurasischen Kontinents zu verlegen.

Seit Mitte September 2018 arbeite ich nun als Sprachassistent in Kasachstan, genauer gesagt in der stark russisch geprägten Stadt Kostanai im Norden des Landes. Fern der Heimat erweitere ich hier mittels der unzähligen Erlebnisse und Eindrücke jeden Tag meinen Horizont – und biete den hiesigen Menschen gleichzeitig einen authentischen Einblick in die deutsche Sprache und Kultur.

Die tägliche Arbeit mit den hochmotivierten Deutschlernenden ist eine unglaublich bereichernde Erfahrung und eröffnet mir neue Perspektiven auf bekannt geglaubte Sachverhalte. Nicht zuletzt möchte ich mit meinem Wirken als Sprachassistent auch einen positiven Beitrag zur deutsch-kasachischen Völkerverständigung leisten und den Menschen hier etwas von meinen positiven Erlebnissen zurückgeben. Im besten Fall befinden sich auf unseren inneren Landkarten am Ende ein paar weniger weiße Flecken.