Yasmine Hamdan "Das Ägyptische kann wirklich sehr witzig sein“

Yasmine Hamdan auf Tour
Yasmine Hamdan auf Tour | Goethe-Institut Kairo/Christopher Resch

Die Libanesin Yasmine Hamdan ist eine der bekanntesten modernen Sängerinnen der arabischen Welt. Christopher Resch hat mit ihr über die Bedeutung von Sprache und Identität gesprochen.

„Ihr Name ist Yasmine, und sie wird bald berühmt sein.“ Das sagt der Hauptdarsteller in Jim Jarmuschs aktuellem Film „Only Lovers Left Alive“ über Yasmine Hamdan. „Bald“ berühmt kann man wohl streichen: Die New York Times feierte Hamdan als „Moderne Stimme der arabischen Musik“, viele Konzerte auf ihrer aktuellen Tour sind ausverkauft. Schon 2009 hat sie mit dem Madonna-Produzenten Mirwais zusammengearbeitet. Dass sie die jüngere Generation in vielen arabischen Ländern kennt, hat jedoch einen anderen Grund: Mit ihrer Band Soapkills wurde Yasmine Hamdan im Libanon zu einer Ikone des Undergrounds. Sie machte radikal neue Musik, kombinierte elektronische Klänge mit adaptierten arabischen Texten. Dieses Spiel mit den Traditionen brachte ihr anfangs starken Gegenwind ein. Doch auch die Kritiker schätzen ihr tiefes Eintauchen in das alte Liedgut – und ihre Fähigkeit, den perfekten arabischen Dialekt für die Stimmung ihrer Songs zu finden.

Diesen Kunstkniff können die meisten Ihrer Zuhörer im Westen jedoch nicht genießen. Was bedeutet Sprache für Sie?

Ich glaube nicht, dass Sprache ein Checkpoint ist, den man passieren muss. Sprache und Musik sind universell. Wir alle haben uns früher in amerikanische Songs verliebt, obwohl wir überhaupt nichts verstanden haben. Wenn man das Gefühl mitbekommt, wenn es dich berührt, dich träumen lässt, dann reicht das vollkommen aus. Ich glaube auch, dass Sprache mehr ist als nur Wörter. Man artikuliert sich durch Sprache, aber auch durch Musik, durch Handlungen. Das ist es, was Sprache für mich bedeutet.

Sie sprechen mehrere arabische Dialekte. In welchem kann man am besten über Liebe singen?

Der Dialekt der Beduinen hat etwas sehr Schüchternes, Reserviertes, Erotisches, weil die Wörter auf eine sehr symbolische Weise benutzt werden. Man kann über etwas sehr Sinnliches sehr zurückgenommen sprechen. Ich mag dieses Paradox, dadurch wird alles etwas mysteriöser, geheimnisvoller.

Auf Ägyptisch lässt sich vermutlich auf eine sehr schöne Art fluchen?

Das Ägyptische kann wirklich sehr witzig sein, damit kann man alles machen. Auch mit dem Palästinensischen. Der libanesische Dialekt ist eher locker, und das klassische Arabisch ist dramatisch, offiziell, schwer. Der kuwaitische Dialekt gibt mir viele Möglichkeiten, da ist Rhythmus und Takt in den Wörtern.

Wie kommen Sie auf den richtigen Dialekt für ein Lied?

Das ist sehr intuitiv, manchmal beginne ich einen Song mit einem einzigen Wort, und wenn es sich gut anfühlt, weiß ich: Das ist der richtige. Es kommt darauf an, was ich mit meinen Liedern sagen will, und es macht die Melodie viel lebendiger.

Wegen des libanesischen Bürgerkriegs wuchs Yasmine Hamdan in Kuwait, Griechenland und Abu Dhabi auf. Auch die jeweiligen lokalen Musiktraditionen haben sie geprägt. Bis heute lässt sie sich von den großen arabischen Sängerinnen wie Aisha Al Marta, Nagat El Saghira, Asmahan, Shadia oder Mounira El Mahdeya inspirieren. Sie nimmt diese Traditionen auseinander, verknüpft sie neu, verwebt die alten Lieder und alles, was ungesagt bei ihnen mitschwingt, mit neuen Klängen. Manchmal elektronisch wie zu Soapkills-Zeiten, in den letzten Jahren eher akustisch. Yasmine Hamdan reißt die Grenzen nicht ein, sie überspringt sie so spielerisch und gleichzeitig so ernst, wie es sich wohl nur aus ihrer persönlichen Biografie erklären lässt. Denn Grenzen haben für sie kaum etwas bedeutet.

Nach dem Bürgerkrieg im Libanon sind Sie in den Neunzigern wieder nach Beirut zurückgekehrt. Hätte sich Ihre Musik, hätte sich Soapkills auch in einer anderen Stadt entwickeln können?

Das ist eine interessante Idee. Beirut hat mich sehr inspiriert, überall war Hoffnung, aber gleichzeitig eine große Unruhe und Wut. Beirut war für mich voller Geister und offener Fragen. Deswegen war ich ein sehr wütender Teenager. Ich habe mich auch nicht zugehörig gefühlt, was eine Art Verzweiflung ausgelöst hat, aber zugleich auch ein Gefühl der Besonderheit, weil ich mich frei gefühlt habe. Weil es damals keine alternative Musik gab, konnten wir alle möglichen Dinge ausprobieren und improvisieren. Das war anstrengend, aber für mich auch eine Möglichkeit, Antworten auf die ungelösten Fragen zu finden.

Wie haben Sie sich gefühlt, als selbst Ihre Freunde Ihnen vorwarfen, Sie seien viel zu idealistisch und naiv?

Ich war wütend, die Leute hatten keine Vision, keine Träume, keinen Mut. Ich komme aus einem großartigen, aber konservativen Land. Viele sagten, unsere Musik sei nicht arabisch oder authentisch oder so. Vermutlich waren wir frühreif, vor unserer Zeit, indem wir mit unserer Musik eine andere Perspektive anboten.

Sie wohnen mittlerweile in Paris, haben aber noch Freunde und Familie in Beirut. Könnten Sie wieder in Beirut leben?

Nein, die Stadt ist zu klein für mich. Ich bin gerne dort, aber ich könnte nicht für längere Zeit dort leben. Ich fühle mich in Beirut nicht zuhause – aber im Grunde fühle ich mich nirgendwo zuhause.

In Kairo ist Yasmine Hamdan gern zu Besuch. 2014 trat sie beim Downtown Contemporary Art Festival auf und hat das Konzert in schöner Erinnerung. Die Energie, die gute Laune, die Wärme der Menschen und ihre Lust zu tanzen seien förmlich spürbar gewesen. „Ich meine, jedes Publikum ist unterschiedlich. Aber die Leute in Kairo waren das beste Publikum der Welt.“