Eyad Houssami Theatertreffen 2017: Kurze Eindrücke

The sardonic Edith Voges Nana Tchuinang and David Guy Kono hold court in <i>Fin de Mission</i> by and with Othni Laboratoire de Théâtre de Yaoundé of Cameroon and Kainkollktiv of Germany
The sardonic Edith Voges Nana Tchuinang and David Guy Kono hold court in Fin de Mission by and with Othni Laboratoire de Théâtre de Yaoundé of Cameroon and Kainkollktiv of Germany | Photograph by Stephan Glagla

Es kamen Beschwerden von den Nachbarn der Berliner Festspiele. Wenn man sich abends nach einer Veranstaltung des Theatertreffens zu lange vor dem Theater aufhielt, konnte es leicht vorkommen, dass ein Trio adretter Ordnungsbeamter mit Headset ankam. Dann wurde man gebeten, das Gespräch drinnen fortzusetzen, hinter einer zweistöckigen Glasfassade, vielleicht hinten im privateren Teil des Gartens, etwas näher an den Barkeepern und der Kasse, weit weg von dem offenen Labyrinth aus Sperrholz-Bänken, auf denen sich zwei Wochen lang zahlreiche Zuschauer vor den Vorstellungen getroffen hatten.

Kaum vorstellbar, dass hier der Schauspieler Ahmad Akidi von der interaktiven Performance-Installation FutureLeaks  während des Höhepunkts des großen Festivals einige Tage lang seine Stimme über ein Megafon vernehmen ließ. Er versuchte auf diese Weise, Abendpublikum und Neugierige, die in der Nähe der Bänke zur Reparatur der Zukunft standen, in einen GEjODOME im Garten zu locken.
 
Dieses Ensemblestück, ein von Anna de Carlo geleitetes Mondiale Projekt der Berliner Feststpiele und der Kunsthochschule, bestand aus einer Reihe von selbstreflexiven Monologen, deren Themen und Schlagzeilen in die Zukunft „durchsickerten“. Aus Uni-Studenten und Bewohnern des AWO-Refugiums am Kaiserdamm gebildet, lädt FutureLeaks die Zuschauer dazu ein, sich 25 Minuten zu nehmen, um sich auf eine bürokratische Prozedur einzulassen – einschließlich Fingerabdrücken, zweideutigen Befragungen, Vorstellungsgesprächen, Unterzeichnungen und rätselhaften entscheidungsbildenden Verfahren. Das Ganze gipfelt in einem warmherzigen, ernstgemeinten Vorschlag an jeden Besucher, selbst einen Vertrag zu unterzeichnen, der einen Fünf-Punkte-Plan zur Reparatur der Zukunft beinhaltet. Wir können der Bürokratie einen neuen Zweck geben, suggeriert FutureLeaks mit einem idealistischen, charmanten Schmunzeln.

Viewed through the glass facade of the Bornemann Bar, the GEjODOME of <i>FutureLeaks</i> glows in the front garden of the Berliner Festspiele Viewed through the glass facade of the Bornemann Bar, the GEjODOME of FutureLeaks glows in the front garden of the Berliner Festspiele | Photograph by Eike Walkenhorst Mit Ausnahme der Leute, die an Trauben knabbern und von FutureLeaks eingeschenkten gratis Kaffee trinken, haben viele Besucher des Theatertreffens dieses Zelt noch nicht einmal bemerkt. Es gab keine Tickets, und das über Megaphone verstärkte Gemisch aus Sprachen – Deutsch, Arabisch, Englisch – ließ die Berliner Kulturkonsumenten wahrscheinlich annehmen, es handle sich um ein weiteres Vorzeige-Kunstprojekt für Flüchtlinge. Nur durch eine Beilage zum Festival-Programmheft am Rande wurden die einheimischen Studenten, aufstrebenden Künstler und wenigen routinierten Einheimischen mit dem Hauptprogramm auf Vor- und Hauptbühne verbunden, auf die sich das Programmheft konzentrierte.
 
In seiner 55. Auflage angekommen und mit einem jährlichen Budget von mehr als zwei Millionen Euro, umfasst das jährliche Theatertreffen rund zehn große Shows, die von einer ebenso strengen wie berühmten unabhängigen Jury ausgewählt wurden. Ihre sieben Mitglieder, alles Kunstkritiker, besuchen zur Auswahl jeweils 60 bis 110 Shows pro Jahr in den diversen Regionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Der Fokus liegt auf deutschsprachigen, von den hervorragenden staatlichen Theatern produzierten Vorstellungen.
 
Auf dem Programm dieses Jahres, das rund um die Uhr Vorstellungen, Lesungen, Gesprächsrunden, Konferenzen, Konzerte und Networking Events anbot, stand auch Five Easy Pieces unter der Regie von Milo Rau mit Peter Seynaeve und … allem anderen. Diese Glanzleistung, die von einem Team aus Kindern und Seynaeve aufgeführt wurde, beschwört die Geister der größten Schrecken eines Landes herauf, indem sie die Gewalttätigkeit des Kindesmörders Marc Dutroux mit den Grausamkeiten des belgischen Kolonialismus in der heutigen Demokratischen Republik Kongo verbindet. Gleichsam eine kollektive Akupunktur, rangiert es auf sensible Weise zwischen Katharsis und klinischer Meta-Theatralik, während es die Ähnlichkeiten darin untersucht, wie ein weißhäutiger, männlicher Direktor Kinder auf der Bühne ausbeutet und wie ein Entführer und Kindesmörder diese zur Unterwürfigkeit zwingt.
 
Aber während Pieces uns alle als Zeugen  eines Reenactments in der endlosen Dutroux Geschichte zu Komplizen macht, zaudert es in seiner reduktiven Herangehensweise an die Themen Kolonialgeschichte und Rasse: Zum Beispiel ist es, wie ein Freund bemerkte, nur der junge dunkelhäutige Performer, der über Wissen über den kongolesischen Unabhängigkeitsführer Patrice Lumumba (1925-1961) verfügt, für dessen Tod die belgische Regierung 2002 eine offizielle Entschuldigung aussprach. Den Abschluss der Vorstellung bildet „Stay“ von Rihanna.
 
Finsternis und das unausgesprochene Erbe des Kolonialismus standen im Mittelpunkt bei Fin de mission (Mission Complete) von und mit Othni Laboratoire de Théâtre de Yaoundé aus Kamerun und Kainkollektiv aus Deutschland. Diese Tanztheatervorstellung, die wie FutureLeaks in dem noch nie dagewesenen Festival-im-Festival Shifting Perspectives unter der Leitung von Daniel Richter stattfand, ist aufrührerisch und überbordend. Es nimmt einen – mit seinen Choreographien, Musiken und Songs – mit auf eine archäologische Reise in die Geschichte des Sklavenhandels und speziell eines verlassenen Wachturms, der einst von Deutschland auf der Insel Manoka gebaut wurde, dann in die Hand der Franzosen überging und schließlich, unter der Herrschaft von Kamerun, zu einem Gefängnis wurde.
 
Fin de mission war ein Glanzstück des frischgebackenen International Co-Production Fund des Goethe-Instituts, dessen Generalsekretär Johannes Ebert beim Theatertreffen den Vorsitz des Goethe-Empfangs innehatte. Es müssen mehr als hundert internationale Gäste aus aller Welt dagewesen sein, von denen die meisten eingeladen waren. Obwohl Ebert kurz erwähnte, dass ein paar Vorstellungen des Theatertreffens in China reproduziert wurden, war es nicht klar, dass eine fünfjährige Partnerschaftsvereinbarung mi Wu Promotion das Theatertreffen bis 2020 jährlich in China unterstützen wird.
 
In der Tat baut das Theatertreffen seit Langem weltweite Netzwerke auf; zum Beispiel ist das1965 ins Leben gerufene International Forum ein zweiwöchiges Stipendiatenprogramm von 36 Theatermachern aus aller Welt für die so genannte „neue Generation“. Mit dem Co-Production Fund, dem diesjährigen Neuzugang Shifting Perspectives (mit insgesamt vier interdisziplinären Projekten aus eben diesem Fonds) und der Wu Promotion Vereinbarung helfen das Theatertreffen und das Goethe Institut dem seit Jahrzehnten stattfindenden Theateraustausch, neue Gelegenheiten für internationalen Austausch zu fördern, mit dem nunmehr etablierten Festival als einem der Zugänge zum boomenden Markt der Proszenium-Schauspielkunst in China.

A weary couple daydreams about urban strife in the psychedelic Garden of Eden of Ersan Mondtag’s <i>Die Vernichtung</i> (The Exterminators) by Olga Bach A weary couple daydreams about urban strife in the psychedelic Garden of Eden of Ersan Mondtag’s Die Vernichtung (The Exterminators) by Olga Bach | Photograph by Birgit Hupfeld Trotz der großen Vielseitigkeit, die sich durch das gesamte Festivalprogramm zieht, blieben die Hauptproduktionen eher konservativ, überheblich und hauptsächlich auf Form bedacht. Diese Obsession erreichte in Ersan Mondtag’s psychedelischem, ermüdendem Die Vernichtung (The Exterminators) von Olga Bach ihren Höhepunkt. Auf der Hauptbühne aufgeführt, dröhnte der Bass noch lange nach Ende der Vorstellung an einem letzten Abende des Festivals weiter. Die Vorbühne erzitterte und etwa ein Dutzend ältere und andere Zuschauer liefen los, um sich vor den ohrenbetäubenden, übelkeiterregenden dumpfen Schlägen auf der Hauptbühne in Sicherheit zu bringen. Als der Bass in einen ruhigen Schlusssatz überging, legte ein Schauspieler sein Ganzkörpertrikot und seine Maske ab, wobei er in einem Garten-Eden-Ambiente ungeschickte Scherze von sich gab, und planschte in einem niedrigen Pool herum. Er wusch sein Gesicht ab und wachte letztendlich auf, als die Lichter ausgingen. Nach dem tosenden Applaus gingen die Zuschauer wie betäubt hinaus in den Vorgarten, in die Stille der Nacht, während die Ordnungsbeamten mit Headset die Eingänge des Hauses bewachten.