EMILY NASRALLAH ERHÄLT DIE GOETHE-MEDAILLE

Interview: Emily Nasrallah
Interview: Emily Nasrallah | © Carol Mansour

Die Goethe-Medaille 2017 geht an die libanesische Schriftstellerin Emily Nasrallah, die indische Verlegerin Urvashi Butalia und die russische Bürgerrechtlerin Irina Scherbakowa. Das Goethe-Institut verleiht das offizielle Ehrenzeichen der Bundesrepublik Deutschland jährlich an Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, übergibt die Auszeichnung am 28. August im Residenzschloss Weimar. Die Laudationes halten die ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Marianne Birthler, die Journalistin Emily Dische-Becker und die Soziologin Christa Wichterich.

Die Verleihung der Goethe-Medaille 2017 steht unter dem Motto „Sprache ist der Schlüssel“. Mit den Preisträgerinnen Urvashi Butalia, Emily Nasrallah und Irina Scherbakowa werden drei Persönlichkeiten geehrt, die mutig Stellung beziehen zu Tabuthemen in ihren Gesellschaften – von Gewalt gegen Frauen bis zur Erinnerungspolitik. Urvashi Butalia engagiert sich seit über vierzig Jahren dafür, marginalisierten Gesellschaftsgruppen in Indien eine Stimme zu geben. Als feministische Verlegerin setzt sie sich für einen Wandel der indischen Gesetzgebung zu Vergewaltigung und Mitgift ein und ist eine international geschätzte Essayistin. Emily Nasrallah gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der arabischen Welt. In ihren Texten für Erwachsene und Kinder hat sie eine poetische Sprache gefunden, um den Alltag im vom Bürgerkrieg gezeichneten Libanon zu beschreiben. Irina Scherbakowa setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, über die Repressionspolitik der ehemaligen Sowjetunion aufzuklären. Sie war 1988 Gründungsmitglied der ersten sowjetischen Nichtregierungsorganisation: „Memorial" kämpft bis heute für den Schutz der Menschenrechte in Russland und steht dort seit 2015 auf der Liste der „ausländischen Agenten“. Als gefragte Gesprächspartnerin zu den deutsch-russischen Beziehungen wirkt sie maßgeblich mit an der Verständigung zwischen beiden Ländern.


Emily Nasrallah
Emily Nasrallah gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der arabischen Welt. Sie wurde 1931 geboren und wuchs in einer christlichen Familie in einem Dorf im Südlibanon auf. Nach ihrem Studium der Erziehungswissenschaften in Beirut arbeitete sie zunächst als Lehrerin, dann als Journalistin und freie Schriftstellerin. 1962 debütierte sie mit dem Roman „Touyour Ayloul“ („Septembervögel“), der mit drei arabischen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Neben Romanen, Essays und Erzählbänden für Erwachsene veröffentlichte Emily Nasrallah auch sieben Kinderbücher. Im Zentrum ihrer Texte stehen das Dorfleben im Libanon, Emanzipationsbestrebungen der Frauen, Identitätsfragen im libanesischen Bürgerkrieg und die Migration. Als im Libanon ab 1975 für mehr als fünfzehn Jahre Bürgerkrieg herrschte, wurden ihre Romane und Erzählungen zu Hilferufen aus einer zerfallenden Gesellschaft. In ihrem bekanntesten Kinderbuch „Yawmiyyat Hirr“(„Kater Ziku lebt gefährlich“, 1998) schildert sie den Kriegsalltag im umkämpften Beirut aus dem distanzierten Blickwinkel eines Katers. Obwohl ihre Besitztümer mehrmals vollständig Bombenangriffen zum Opfer fielen, weigerte sich Emily Nasrallah, selbst ins Exil zu gehen. Ihr Roman „Septembervögel“ gilt heute als Klassiker der arabischen Literatur und gehört im Libanon zur Schullektüre.
 
Die Laudationes auf die Preisträger der Goethe-Medaille 2017 halten Marianne Birthler (Irina Scherbakowa), ehemalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, die Journalistin Emily Dische-Becker (Emily Nasrallah) und die Soziologin Christa Wichterich (Urvashi Butalia). Gemeinsam mit dem Kunstfest Weimar veranstaltet das Goethe-Institut am Tag vor der Verleihung eine Matinee mit den drei Preisträgerinnen: Am Sonntag, 27. August 2017, sprechen Urvashi Butalia, Emily Nasrallah und Irina Scherbakowa mit der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, Vizepräsidentin des Goethe-Instituts. Im Rahmen des Kunstfests Weimar diskutieren am Abend des 27. August 2017 Irina Scherbakowa und der Osteuropa-Experte Karl Schlögel über die deutsch-russischen Beziehungen.