Erfahrungsbericht
Eindrücke von Internationalen Forum Berliner Theatertreffen

Internationalen Forum Berliner Theatertreffen 2019
Internationalen Forum Berliner Theatertreffen 2019 | © Raghda Mouawad

Das Internationale Forum ist ein zweiwöchiges Stipendienprogramm des Theatertreffens der Berliner Festspiele, mit dem Künstlerinnen und Künstler des Theaters aus allen Teilen der Welt gefördert werden. Als kreatives Experimentierfeld und utopischer Denkraum stiftet es einen performativen und diskursiven Austausch im internationalen Kontext und ist darum bemüht, hybride Räume zu öffnen, in denen sich Grenzen zwischen darstellender und bildender Kunst sowie der Wissenschaft verflüssigen. Die Beschäftigung mit Formen internationaler Kollaboration ist prägend für die Zusammenkunft der Stipendiatinnen und Stipendiaten.

Raghda Mouawad ist eine libanesische Schauspielerin, die ausgewählt wurde, am Internationalen Forum beim Berliner Theatertreffen 2019 teilzunehmen.
Sie war bereits Teil vieler Theaterproduktionen und Performances, inszeniert von libanesischen, arabischen und internationalen Teams. Neben ihrer künstlerischen Arbeit unterrichtet Raghda seit 2009 Theater für Jugendliche im Libanon. Vor Kurzem startete sie zudem ein professionelles alternatives Theatertraining (YPAT) mit regionalen und internationalen Trainer*innen und Theatermacher*innen im Libanon.


„Vor zehn Monaten bewarb ich mich als eine von 35 Stipendiat*innen des Internationalen Forums des Theatertreffens, eines Theaterfestivals, das jedes Jahr im Mai in Berlin stattfindet. Ich wurde ausgewählt und bin dafür sehr dankbar.

Es war ein beeindruckendes Abenteuer,  intellektuell und sozial äußerst anregend. Die Begegnung mit den Menschen, die persönlichen Beziehungen und Freundschaften, die in jenen 17 Tagen entstanden, der Gedanken- und Meinungsaustausch machen das Internationale Forum so besonders und einzigartig. Das täglich gemeinsam mit den anderen eingenommene Frühstück, der gemeinsame Gang zu den Uferstudios, das Theater, das Hotel, die Auswahl zwischen drei verschiedenen Workshops großer deutscher Künstler*innen, das Miterleben des jeweiligen Ergebnisses nach ihrem Abschluss, die Gespräche und Aktivitäten während der Pausen, die Diskussionen nach jeder Aufführung, das gemeinsame Kochen, die Partys, das Lachen. Dies alles brachte Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, mit verschiedenen Lebensweisen und Glaubensrichtungen, Berufen und Praktiken zusammen, in einer sicheren Umgebung. Das ist einzigartig und kostbar!

01- Berliner Theatertreffen 2019 © Raghda Mouawad In etwas mehr als zwei Wochen „bemerkenswerte Inszenierungen des deutschsprachigen Raums“ zu sehen – Dionysos Stadt und Das Große Heft waren wahrhaft herausragende Aufführungen! –, mit den Regisseur*innen dieser Aufführungen zu sprechen, mit der Leiterin des Festivals oder anderen Künstler*innen der deutschen Kunstszene, ihre Arbeit, Politik, Ästhetik, ihre Zweifel, Sorgen und Strategien anzusprechen, war ein unvergesslich reiches Erlebnis. Eine dieser seltenen Erfahrungen, die man sich im Leben wünscht. Doch der Austausch mit den anderen Stipendiat*innen erscheint mir als die eigentliche Essenz dieses Forums.

Vom ersten Tag an war ich beeindruckt von den Hintergründen und der künstlerischen Vielfalt der einzelnen Teilnehmer*innen. Zu unserer Gruppe gehörten Darsteller*innen, Regisseur*innen, Kostüm- und Bühnenbildner*innen, Stückeschreiber*innen, Dramaturg*innen, Puppenspieler*innen, Tänzer*innen und Theatermacher*innen, insgesamt 35 junge Künstler*innen aus aller Welt. Was jede*r von ihnen bisher erreicht hat und mit viel Demut und Generosität mit anderen teilte, ist bemerkenswert und berührend. 17 Tage mit ihnen zusammen zu sein, vermittelte mir einen Eindruck davon, wie sie das Theater denken und wahrnehmen und gab mir einen Einblick in ihre Interessen und künstlerische Praxis. Es war sehr inspirierend – und ist es immer noch. Wahlverwandtschaften entstanden, zukünftige Zusammenarbeit wurde möglich.
 
Das Internationale Forum fördert die anregende intellektuelle und soziopolitische Atmosphäre, die für die Kreativität und politisch engagierte Künstler*innen wesentlich ist. So viele Stücke zu sehen und danach mit Menschen mit unterschiedlichem künstlerischem oder kulturellem Hintergrund darüber nachzudenken/zu diskutieren, macht die eigene Herangehensweise an die darstellenden Künste reifer. Die Diskussionen und Betrachtungen waren von großer Wichtigkeit. Sie bereicherten mich intellektuell, emotional und in kreativer Hinsicht. Die Künstler*innen selbst und die anderen Stipendiat*innen inspirierten mich und forderten mich heraus. Ich habe viel gelernt, indem ich ihren Fragen und Meinungen zugehört habe, der Art, wie sie die Dinge formulieren. Das schärft den kritischen Sinn und beeinflusst die eigene Wahrnehmung und Kreativität.

02- Berliner Theatertreffen 2019 © Raghda Mouawad Die Teilnahme an Workshops in kleineren Gruppen bietet mehr Zeit und Raum, um zu sehen, wie andere arbeiten und laut denken, und so auf die eigene Perspektive wirken und sie beeinflussen.

Ich verließ Berlin mit klareren Wünschen zu den Themen, über die ich arbeiten möchte, und sicherlich mit mehr Bewusstheit, Präzision und Sensitivität bei der Herangehensweise.

Die meisten unserer Diskussionen drehten sich um die Gleichberechtigung der Geschlechter und Quoten, doch nach der Hälfte der Zeit begann ich, mich zu fragen, wo denn die anderen Themen seien – in den Stücken, die wir sahen oder/und im Internationalen Forum. Warum sahen oder hörten wir nichts über die akute Umweltkrise? Über Korruption? Wo sind diese Stimmen? Und wenn es nicht viele darstellende Künstler*innen gibt, die über diese Themen nachdenken: Warum ist das dann so?

Annähernd zwei Wochen hatte ich an einem Workshop zum Thema Gender teilgenommen, der von Florian Fiedler geleitet wurde, einem deutschen Bühnenregisseur. Wir hörten und diskutierten über Geschlechterfragen und Stereotypen in den Ländern der verschiedenen Teilnehmer*innen am Workshop und über ihre Sichtweise der Situation. Eine große Freiheit zeichnete den Workshop aus. Wir genossen es, zusammen zu denken, zu arbeiten und zu kreieren. Aber ich merkte, wie verschieden unser Verständnis der Geschlechtergerechtigkeit ist. Es unterscheidet sich von einer Religion, einem Land, einem Künstler zum nächsten. Und ich konnte nicht anders, als zu denken: Wird Kunst als eine andere Form des Kolonialismus eingesetzt? Werden wir von den kolonialistischen Ländern gedrängt, auf bestimmte Weise zu denken und uns künstlerisch mit einem bestimmten universellen Ziel damit auseinanderzusetzen? Ich hatte das Gefühl, als sprächen wir aus einer deutschen künstlerischen Perspektive oder einem deutschen Anliegen heraus, als sei ich Teil einer bestimmten politischen Agenda der Kunst. Man sagte mir, es habe in früheren Jahren einen Programmbereich namens „Shifting Perspectives“ gegeben, ein Format, in dem solche Diskussionen geführt, solche Anliegen ausgetauscht wurden. Das sollte definitiv wieder seinen Platz bekommen! Es würde den Stipendiat*innen ermöglichen, sich über ihre soziopolitischen Anliegen und deren künstlerische Behandlung auszutauschen.

Würde ich das Internationale Forum meinen Künstlerkolleg*innen empfehlen?

Ja, und nochmals ja! Aus all den obigen Gründen. Aufführungen auf hohem Niveau zu erleben, sein kritisches Urteilsvermögen zu entwickeln, zu lernen, wie man diskutiert und zuhört, neue Künstler*innen zu entdecken, schöne Beziehungen aufzubauen, Ideen zu entwickeln, Kooperationen, zu verstehen, was uns künstlerisch und politisch anspricht und was nicht, geografische und kulturelle Barrieren einzureißen oder einen Weg zu finden, mit ihnen zu arbeiten.

Und sicher ist da noch viel mehr.

Das Internationale Forum ist ein Raum für diese „anderen Stimmen“, die auf großen institutionalisierten Festivals oft fehlen und ungehört bleiben.“

03- Berliner Theatertreffen 2019 © Raghda Mouawad Bewerbung
Künstlerinnen und Künstler mit Arbeitsschwerpunkt außerhalb der deutschsprachigen Länder bewerben sich über das Goethe-Institut ihres Herkunftslandes. Dort bekommen Sie das Bewerbungsformular.
 
Das Internationale Forum ist ein Projekt des Theatertreffens, Geschäftsbereich Berliner Festspiele / Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH. Es findet in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia statt. Das Internationale Forum wird unterstützt durch den Deutschen Bühnenverein und dessen Landesverband Baden-Württemberg. Weitere Förderer sind das Bundeskanzleramt Österreich, die Kultusministerien der deutschen Bundesländer, das Kulturreferat der Landeshauptstadt München und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.